Chempark Wie die Chemieunternehmen am Rhein dem Niedrigwasser trotzen

Der niederrheinische Chempark ist eines der wichtigsten Zentren der deutschen Chemieindustrie. Nun drohen wegen des geringen Wasserstands im Rhein Lieferprobleme. Die Unternehmen haben spezielle Task Forces gebildet.
Frachtschiffe wie dieses beliefern den Chempark. Durch den niedrigen Wasserspiegel wird die Fahrrinne immer enger.

Frachtschiffe wie dieses beliefern den Chempark. Durch den niedrigen Wasserspiegel wird die Fahrrinne immer enger.

Foto: Federico Gambarini / dpa

Im Juni noch verkündete Chempark-Leiter Lars Friedrich (50) stolz eine Rekordzahl. Inzwischen würden mehr als 53.000 Menschen in den Partnerfirmen der Industrieansiedlung arbeiten. An den drei Standorten am Rheinufer zwischen Köln und Duisburg haben sich insgesamt 70 Chemieunternehmen angesiedelt, darunter Konzerne wie Bayer, Covestro oder Linde. Etwa ein Drittel der Chemieproduktion in Nordrhein-Westfalen spielt sich hier ab. Und Friedrich, ein früherer Bayer-Mann, soll dafür sorgen, dass alles reibungslos läuft.

Er verspricht den Konzernen in einem der größten Chemieareale Europas perfekte Bedingungen an ihren Produktionsstätten. Die Betreiberfirma Currenta liefert alles, was die eingemieteten Unternehmen brauchen, betreibt den Hafen und baut Leitungen auf dem Gelände nach Wunsch. Ein eigenes Kohlekraftwerk auf dem Gelände, extra von Currenta errichtet, versorgt die Fabriken mit Strom. Friedrich verspricht auch Kälte, Gas, Dampf und Druckluft. Nur der Rhein macht ihm Probleme.

Die wichtigste deutsche Binnenschifffahrtslinie, führt immer weniger Wasser. Bis jetzt fahren die Schiffe noch, wenn auch oft nur noch mit einem Viertel bis zu einem Drittel der Ladung, um weniger Tiefgang zu haben. Um dieselbe Menge zu transportieren, müssen nun mehr Schiffe am Hafen gelöscht und beladen werden. "Das ist eine Herausforderung für unsere Logistiker", sagt Friedrich.

Und es könnte sogar noch schlimmer kommen. Der Rhein ist so etwas wie die Lebensader der deutschen Chemieindustrie, traditionell siedeln sich die Hersteller an seinen Ufern an, angefangen mit BASF in Ludwigshafen. Über den Fluss sind sie mit all den anderen Industrien verbunden, die auf ihre Produkte angewiesen sind. Nun schlagen die Binnenschiffer Alarm wegen des niedrigen Wasserstands, eine Einstellung des kompletten Schiffsverkehrs drohe. Sollte es so weit kommen, würde vorübergehend keine Kohle mehr für das Kraftwerk im Chempark ankommen, den Fabriken dort fehlten Vorprodukte und auch ihre Endprodukte könnten dann nicht mehr wie üblich von Schiffen abtransportiert werden.

Immerhin trifft es sie nicht unvorbereitet. Als der Rhein 2018 ein Rekordniedrigwasser erreichte, war das ein Weckruf für viele Unternehmen entlang Deutschlands wichtigster Wasserstraße. Auch damals luden die Binnenkapitäne deutlich weniger Ladung. Wichtige Güter, Öl und Gas kamen nicht mehr da an, wo sie hinsollten. In der Folge fehlte Benzin an vielen Tankstellen und Unternehmen mussten ihre Produktion herunterfahren und teilweise hohe Verluste verzeichnen.

"Niedrigwasser haben wir jedes Jahr", sagt die Sprecherin eines Logistikdienstleisters, der die Schiffe im Chempark-Hafen abwickelt. Aber seit der Erfahrung 2018 haben etliche Firmen Frühwarnsysteme eingerichtet. Sechs Wochen, so viel Zeit hatten die Unternehmen, um sich vorzubereiten. Denn so weit in die Zukunft können die Pegelexperten der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) einschätzen, wie sich der Wasserstand entwickelt. In ihrem Onlinetool ELWIS  gibt die Behörde die aktuellen Pegelstände, sowie Vorhersagen bekannt.

Der im Chempark ansässige Kunststoffproduzent Covestro habe eine eigene Taskforce Rheinlogistik aktiviert, wie ein Sprecher manager magazin erklärt. Das Unternehmen habe seine Rohstofftanks befüllt, um weiter arbeitsfähig zu sein, und Platz in den Tanks für Endprodukte geschaffen, falls die nicht mehr so schnell abtransportiert werden können wie üblich. Außerdem mietete Covestro weitere Schiffe an und erhöhte die Frequenz der Lieferungen. Damit sollen die niedrigeren Lademengen ausgeglichen werden.

Rheinaufwärts, bei BASF, charterte man ebenfalls vermehrt niedrigwassergeeignete Schiffe. Um auch in Extremsituationen noch lieferfähig zu bleiben, beauftragte der Konzern in Folge der 2018er Erfahrung sogar ein eigenes Transportschiff mit hoher Kapazität. Doch das ist aktuell noch im Bau.

Die Daten, die das Onlinetool ELWIS zeigt, sind erschütternd. Schon jetzt fallen an einigen Stellen des Rheins die Niedrigwasserrekorde von 2018. Weitere werden wahrscheinlich folgen. Vor allem den Pegel in Kaub, flussaufwärts Richtung Bodensee, beobachten Binnenschiffer und am Rhein ansässige Unternehmen derzeit genau. Die Stelle ist kritisch für die Schifffahrt. Aktuell liegt der Pegel hier bei 33 cm, normal sind mehr als zwei Meter. Die Zahl gibt allerdings nicht die tiefste Stelle des Flusses an. Die Fahrrinne ist deutlich tiefer.

Rheinabwärts in Richtung Nordsee ist insbesondere der Pegel in Düsseldorf wichtig für den Chempark. Auch hier befindet sich ein kritischer Punkt. Im schlimmsten Fall wären die Standorte Leverkusen und Dormagen abgeschnitten von den Seehäfen an der Nordsee. Nur am Standort Uerdingen, nördlich der Engstelle, könnten dann noch Schiffe für den Seeverkehr anlegen.

Der Pegel in Düsseldorf lag am Dienstagmorgen bei 34 Zentimetern, gerade noch ausreichend. Bis zum Wochenende soll der Wasserstand noch weiter sinken – Mittwoch und Donnerstag werden nur noch 29 Zentimeter erwartet. Wie lange die Schiffe noch fahren können, weiß keiner so genau. "Die Kapitäne kennen ihre Schiffe und den Rhein am besten", sagt Chempark-Chef Friedrich. Nur sie könnten entscheiden, wie viel Ladung sie aufnehmen und bis wann sie sich die schwierige Route zutrauen. Erst für das Wochenende erwarten die Experten vom WSV eine Entspannung.

Sollte wirklich kein Schiff mehr kommen, müssen die Unternehmen umplanen und eventuell geplante Stillstände vorziehen. Zum Beispiel, indem sie Maschinen jetzt, statt in ein paar Monaten warten. "Sollten die Lieferungen über den Rhein komplett zum Erliegen kommen, können die Unternehmen im Chempark auf Lagerkapazitäten zurückgreifen", sagt Friedrich. "Und grundsätzlich können Lieferungen je nach Kapazitäten auf Schiene und Straße umgelagert werden." Aktuell passiere das auch schon.

Da auch in den kommenden Jahren wieder mit extremem Niedrigwasser gerechnet wird, plant der Bund eine Vertiefung an verschiedenen kritischen Stellen des Rheins. Schon 20 Zentimeter könnten dabei einiges bewirken. Covestro prüft außerdem die Anschaffung von Spezialschiffen, die leichter und flacher sind. Sie benötigen weniger Tiefgang für die gleiche Lademenge und sollen bei Niedrigwasser die Produktion sichern.

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