Lukrative Gentherapie Bayer stärkt Pharma-Sparte mit Milliardenübernahme

Auf der Suche nach einem neuen Umsatzbringer für die Pharma-Sparte ist Bayer-Chef Baumann in den USA fündig geworden: Der Konzern übernimmt die Biotech-Firma AskBio, die sich auf das Geschäft mit Gentherapien spezialisiert hat.
Hofft auf einen neuen Umsatzbringer: Bayer-Chef Werner Baumann

Hofft auf einen neuen Umsatzbringer: Bayer-Chef Werner Baumann

Foto: INA FASSBENDER/ AFP

Bayer übernimmt in einem bis zu vier Milliarden Dollar schweren Deal das US-Biotechunternehmen Asklepios BioPharmaceutical (AskBio) und verstärkt sich damit im vielversprechenden Geschäft mit Gentherapien. Für den Zukauf zahlt Bayer zunächst zwei Milliarden Dollar (1,7 Milliarden Euro), außerdem wurden erfolgsabhängige Meilensteinzahlungen von bis zu zwei Milliarden Dollar vereinbart, wie der Leverkusener Konzern am Montag mitteilte. Den Abschluss der Übernahme erwartet Bayer noch im laufenden Quartal.

Bei dem Deal handelt es sich um das bisher größte Geschäft, das von Bayers Marianne de Backer in die Wege geleitet wurde. De Backer kam im September 2019 als Leiterin Business Development und Licensing von Johnson & Johnson zu Bayer und fungiert dort seither als eine Art Biotech-Scout in den USA. Gut zwei Dutzend Partnerschaften hat sie bereits eingefädelt, alles Deals und Vereinbarungen, die sich noch im frühen Stadium der Forschung und Entwicklung befinden.

Mit Asklepios BioPharmaceutical - in der Szene bekannt als AskBio - hat de Backer nun ihren bislang größten Fisch für Bayer an Land gezogen. Das Unternehmen existiert seit 2001, lief bislang allerdings eher unter dem Radar einer breiteren Wahrnehmung. Gegründet wurde AskBio von Richard Samulski von der Universität von North Carolina, der als Pionier der Gentherapie gilt.

Bislang hat AskBio vor allem durch zwei Deals auf sich aufmerksam gemacht: Das Geschäft mit Medikamenten für Bluter wurde 2014 an die US-Adresse Baxter verkauft. 2016 ging dann die Therapie gegen die Duchenne-Muskeldystrophie für 645 Millionen Dollar an Pfizer. Auch die technologischen Grundlagen für Zolgensma, das Novartis 2018 gegen Spinale Muskelatrophie als weltweit bislang teuerstes Medikament auf den Markt gebracht hat, stammt von AskBio.

Bayers Plan ist es nun, AskBio mit zwei anderen Firmen aus seinem Venture-Arm Leaps (Century Therapeutics und Blue Rock) zu einem gesonderten Zell- und Gentherapiebereich auszubauen. AskBio arbeitet wie Blue Rock an einer Therapie für Parkinson. "Diese Akquisition bringt den Aufbau unseres Zell- und Gentherapiebereichs wesentlich voran", sagte Bayer-Chef Werner Baumann (58).

Der Deal ergänzt vor allem den Zukauf der US-Biotechfirma Blue Rock Therapeutics aus dem vergangenen Jahr. Blue Rock Therapeutics hat sich unter anderem auf neurologische und kardiologische Krankheiten fokussiert, vor allem auf die Parkinson-Erkrankung, bei der Nervenzellen langsam absterben.

Wertvolles Produktions-Know-How

Auch AskBio forscht unter anderem in diesen Bereichen, setzt aber nicht auf Stammzellen, sondern auf die Gentherapie. Bei der Gentherapie werden mithilfe harmloser Viren Gene in Zellen eingeschleust, die die Funktion beschädigter Gene ersetzen. Insofern haben die Leverkusener AskBio nicht nur wegen der sich noch in der experimentellen Phase befindlichen Therapien gegen Herzinsuffizienz und Parkinson gekauft, sondern insbesondere wegen des auf dem Gebiet der Gentherapie sehr speziellen Produktions-Know-Hows.

Konkret hat sich AskBio auf Gentherapien auf Basis von harmlosen adeno-assoziierten Viren spezialisiert. In der klinischen Entwicklung befinden sich Therapien für die Stoffwechselkrankheit Morbus Pompe, für Parkinson und Herzinsuffizienz. Mit Blick auf eine mögliche Zulassung solcher Therapien im Erfolgsfall könne es gerade bei monogenetischen Erkrankungen, bei denen also ein Gendefekt die Ursache ist, wie Morbus Pompe, vergleichsweise schnell gehen, sagte AskBio-Chefin und -Mitgründerin Sheila Mikhail.

Die seit Wochen unter Druck stehende Bayer-Aktie  konnte sich am Montag in einem schwachen Marktumfeld gut halten. Das Papier lag zu Handelsbeginn leicht im Minus, drehte dann jedoch mit 0,9 Prozent ins Plus. Der Leitindex Dax  hingegen rutschte im Zuge der sich weiter verschärfenden Corona-Krise um 2 Prozent ab. Die Bayer-Aktie ist in diesem Jahr bislang der größte Verlierer im Dax - so haben die laufenden Klagen gegen den Unkrautvernichter Glyphosat sowie die zuletzt trüben Geschäftsaussichten die Anleger verschreckt. Das Papier hat in diesem Jahr bislang gut 40 Prozent verloren. Der Dax kommt hingegen nur auf ein Minus von knapp 7 Prozent.

Gentherapien zählen zu den teuersten Arzneien der Welt

Gen- und Zelltherapien werden von vielen Pharmaunternehmen aktuell stark erforscht. Sie sollen gerade bei seltenen Erkrankungen Heilung bringen und bei weit verbreiteten Krankheiten wie etwa Herzinsuffizienz neue Therapieansätze ermöglichen. So bietet etwa der schweizerische Pharmakonzern Novartis seit Kurzem mit Zolgensma eine Gentherapie gegen die Spinale Muskelathrophie (SMA) an, eine Erbkrankheit, die Muskelschwund auslösen kann. Das Mittel gilt mit einem Listenpreis von 2,1 Millionen Dollar in den USA als teuerstes Medikament der Welt.

Neben der Erforschung und Entwicklung von Gentherapien, die erst einmal viel kosten, verdient AskBio sein Geld etwa mit der Auslizenzierung von Wirkstoffen an andere Pharmaunternehmen sowie mit der Auftragsfertigung Adeno-assoziierter Viren. Die werden dann von anderen Unternehmen für ihre Gentherapieforschung genutzt. Wie viel hier aktuell in etwa fließt, wollte Bayer-Pharmachef Stefan Oelrich zumindest vor dem Abschluss der Übernahme nicht sagen, nur, dass das Geschäft nach und nach einen hohen Beitrag leisten werde.

Mit Blick auf das Geschäftspotenzial der noch in der Entwicklung befindlichen Therapien ist der Manager optimistisch. Angesichts der üblichen Risiken bei der Entwicklung neuer Medikamente sei es noch zu früh, es in Zahlen zu fassen. Allerdings lasse der Bedarf für Behandlungen etwa für Herzinsuffizienz und Parkinson, aber auch Genkrankheiten wie Morbus Pompe das Potenzial erahnen.

Bayer muss Pharma-Sparte dringen stärken

Dreiviertel der erfolgsabhängigen Meilensteinzahlungen werden nach Einschätzung von Bayer voraussichtlich im Laufe der kommenden fünf Jahre fällig, der restliche Betrag später. Die im Privatbesitz befindliche AskBio soll als eigenständiges Unternehmen unter dem Dach von Bayer geführt werden, um ihre Unternehmenskultur zu bewahren. Die fünf Hauptinhaber von AskBio, Mitbegründer oder Schlüsselwissenschaftler der Firma, wollen an Bord bleiben.

Mit dem Zukauf unternimmt Bayer einen weiteren Schritt zur dringend benötigten Stärkung seiner Pharma-Pipeline. Dies ist nötig, da die Patente seiner Kassenschlager - des Gerinnungshemmers Xarelto und des Augenmittels Eylea - Mitte des Jahrzehnts auslaufen. Dann drohen durch Konkurrenzprodukte erhebliche Umsatzeinbußen. Erst im August hatte sich der Konzern ein neues Medikament mit Milliarden-Umsatzpotenzial gesichert, einen Wirkstoff der britischen Biotechfirma Kandy Therapeutics zur Linderung menopausaler Probleme. 

Insgesamt sieht Oelrich Bayers Pharmasparte in puncto Medikamenten-Pipeline mittlerweile deutlich besser aufgestellt als noch vor zwei Jahren. Aktuell durchläuft etwa Vericiguat - ein Mittel gegen Herzinsuffizienz - ein beschleunigtes Zulassungsverfahren in den USA. Zudem setzt der Konzern auf den Kandidaten Finerenon bei der Behandlung Nierenkranker.

mg/dpa-afx/Reuters