Samstag, 24. August 2019

Bayer-Schlappe vor US-Gericht Größter anzunehmender Unfall

Werner Baumann: "Ich kann immer noch der CEO mit der kürzesten Amtszeit in der Bayer-Historie werden"

Schon wieder hat Bayer vor Gericht verloren. Das zweite Mal hat eine Jury in Sachen Glyphosat gegen die Deutschen entschieden. Und, schlimmer noch, es ist das erste Verfahren, in dem die Bayer-Juristen von Anfang an das Sagen hatten.

Vor dem Spruch der sechsköpfigen Jury waren sowohl Analysten und Aktionäre als auch Vorstand und Aufsichtsrat davon ausgegangen, dass Bayer die Oberhand behalten würde. Schließlich hatte Vince Chhabria, der Vorsitzende Richter des Federal Court of the Northern District of California, das Verfahren in zwei Teile gespalten.

Der Richter in den USA ließ zuerst die wissenschaftliche Kausalität zwischen dem Einsatz des Pflanzenschutzmittels Glyphosat und der Krebserkrankung des Klägers Edwin Hardeman verhandeln. Dabei entschied die Jury gestern Abend, dass das Mittel Roundup der Bayer-Tochter Monsanto einen "erheblichen Faktor" bei der Entstehung der Krebserkrankung des Klägers Edwin Hardeman ausgemacht habe.

In einem zweiten Verfahrensschritt soll nun geprüft werden, ob Monsanto Risiken, die sich aus der Nutzung des Herbizids ergeben, verschwiegen hat. Erst jetzt wird also überhaupt über mögliche Schadenersatzzahlungen verhandelt.

Es sah also gar nicht so schlecht aus für Bayer-Chef Werner Baumann. Der hatte stets damit argumentiert, dass es auch nach 800 wissenschaftlichen Studien nicht gelungen sei, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Herbizideinsatz und Krebserkrankung herzustellen.

Entscheidung wird Ausgang zahlreicher anderer Verfahren beeinflussen

Für den Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern ist der Spruch der Jury deshalb so etwas wie der größte anzunehmende Unfall.Knapp 12 Prozent gab die Aktie Börsen-Chart zeigen am Mittwoch an der Frankfurter Börse nach. Damit werden die Daumenschrauben für die Anleger, die ohnehin schon seit Monaten auf der Folterbank liegen, weiter angezogen.

Zum einen, weil es sich bei dem Fall Hardeman um einen so genannten Bellwether-Trial handelt. Um einen Musterfall also, der den Ausgang zahlreicher anderer Verfahren nachhaltig beeinflussen wird. Zum anderen, weil die Strategie, mit der die Konzernspitze auf die Vorwürfe reagiert, völlig an der Sichtweise vorbeigeht, mit der sich die Geschworenen des Falles annehmen.

Den kalifornischen Laienrichtern reicht schon der begründete Verdacht, dass Glyphosat Krebs auslösen könnte; sie verlangen dafür keine hundertprozentig wissenschaftlich abgesicherten Beweise von den Klägern. Die Sprengkraft, die sich daraus ergibt, haben Konzernchef Werner Baumann und Aufsichtsratschef Werner Wenning offensichtlich unterschätzt.

Monsanto-Übernahme droht gigantische Fehlinvestition zu werden

Die wirtschaftlichen Folgen, die sich für Bayer daraus ergeben, sind immens. Setzt sich die Niederlagenserie vor Gericht fort, wird der Konzern auf Jahre hinaus nicht aus dem Verteidigungsmodus herauskommen. Es drohen nicht nur hohe Schadenersatzzahlungen, auch der weitere Einsatz des Bestsellers Glyphosat steht auf dem Spiel.

Denn dann fielen nicht nur die Umsätze für die Glyphosat-Marken Roundup und Pro Ranger aus. Dann stünden auch die gegen das Herbizid resistenten Saatgutsorten zur Disposition, wegen derer Bayer Monsanto überhaupt erst gekauft hat. In diesem Fall wäre auch die 63 Milliarden Dollar schwere Monsanto-Übernahme eine gigantische Fehlinvestition.

Noch verbreiten sie in Leverkusen Ruhe, noch setzen sie darauf, dass die Richter in den oberen Instanzen Vernunft annehmen werden. Die Frage ist nur, wie lange sie dem Druck weiterer Niederlagen standhalten können. Wie viel Geduld Aufsichtsrat und Aktionäre an den Tag legen.


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Am Ende gilt, was Konzernchef Baumann wenige Wochen sagte, bevor der Deal endgültig besiegelt war: "Wer in der Verantwortung steht, muss nach sorgfältiger Analyse die Entscheidungen treffen, die er für richtig hält. Das bedeutet auch, mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen zu leben. Ich kann also immer noch der CEO mit der kürzesten Amtszeit in der Bayer-Historie werden." Dieser Ausgang der Geschichte ist nach dem gestrigen Spruch wahrscheinlicher geworden.

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