Chemieriese unter Druck BASF und die Furcht vor einem Gaslieferstopp

Der weltgrößte Chemiekonzern bezieht zwar kein Gas direkt aus Russland, braucht den Rohstoff aber zur Produktion. Ein sofortiger Lieferstopp hätte fatale Folgen für BASF.
Werksgelände des Chemiekonzerns: BASF in Ludwigshafen

Werksgelände des Chemiekonzerns: BASF in Ludwigshafen

Foto: Uwe Anspach / dpa

BASF-Chef Martin Brudermüller (60) hat vor schweren Folgen eines möglichen Embargos von russischem Erdgas gewarnt. "Wenn über Nacht die Erdgaslieferungen aus Russland wegfallen, würde das zu einer irreversiblen Schädigung der Volkswirtschaft führen", sagte er am Freitag bei der virtuellen Hauptversammlung des Unternehmens. Im Extremfall müsste BASF die Produktion im Stammwerk in Ludwigshafen einstellen.

"Wir sehen das wie die Bundesregierung", sagte Brudermüller. "Sie hat sich gegen ein Erdgas-Embargo ausgesprochen. Wir halten diese Linie für die richtige." Russland decke rund 50 Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs. "Damit bilden die russischen Gaslieferungen die Basis für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie", betonte der BASF-Chef. Dies seien Realitäten. Priorität von Politik und Wirtschaft müsse sein, sich aus dieser Abhängigkeit so schnell wie möglich zu befreien. Dies alles gehe jedoch nicht auf Knopfdruck.

BASF beziehe kein Gas und kein Öl direkt aus Russland, sondern von westeuropäischen Lieferanten. "In deren Portfolio ist aber auch Erdgas aus Russland. Und damit auch in einem ähnlichen Verhältnis bei BASF am Standort in Ludwigshafen. Um es klar zu sagen: Eine kurzfristige Lösung, Erdgas aus Russland zu ersetzen, gibt es nicht."

Nahrungsmittelproduktion wird fortgesetzt

Bis spätestens Anfang Juli will BASF den Großteil seiner Geschäfte in Russland und Belarus wegen des Krieges einstellen. "Eine Ausnahme machen wir: Wir führen unser Geschäft für die Produktion von Nahrungsmitteln fort." Die Ukraine und Russland seien die "Kornkammern der Welt". "Sie sind wichtige Getreideexporteure. Durch den Krieg könnte eine Hungersnot drohen, die vor allem Afrika treffen würde. Wir wollen einen Beitrag leisten, um das zu verhindern."

Die BASF-Geschäfte sind nach Angaben des weltgrößten Chemiekonzerns zum Jahresbeginn noch gut gelaufen. Das Dax-Unternehmen bestätigte zwar am Freitag die Ziele für dieses Jahr. Allerdings bleibe das Marktumfeld von außergewöhnlich hoher Unsicherheit geprägt. Die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs auf Preise und die Verfügbarkeit von Energie und Rohstoffen seien nicht vorhersehbar.

Umsatzrückgang für 2022 erwartet

Für 2022 rechnet das Unternehmen mit einem Rückgang beim Umsatz auf 74 Milliarden bis 77 Milliarden Euro und beim operativen Ergebnis auf 6,6 Milliarden bis 7,2 Milliarden Euro. 2021 kletterte der Umsatz um ein Drittel auf 78,6 Milliarden Euro. Dazu trugen höhere Verkaufspreise und Mengen bei. Den um Sondereffekte bereinigten Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) konnte BASF auf 7,8 Milliarden Euro mehr als verdoppeln.

Das Unternehmen hatte bereits Mitte April Eckdaten für den Jahresbeginn vorgelegt: Im ersten Quartal kletterte der Ebit-Gewinn auf etwa 2,8 Milliarden Euro, der Umsatz auf rund 23 Milliarden Euro.

Der Nettogewinn im ersten Quartal sank von 1,7 Milliarden Euro im Vorjahresquartal auf 1,2 Milliarden Euro. Dies sei zurückzuführen auf Wertberichtigungen der Wintershall Dea, an der BASF gut 70 Prozent hält, hieß es. Wintershall Dea war mit rund einer Milliarde Euro an der Finanzierung der umstrittenen Gas-Pipeline Nord Stream 2 beteiligt. Das Unternehmen hat die Investition bereits abgeschrieben.

Börsengang von Wintershall Dea schwierig

BASF wolle Wintershall Dea weiterhin an die Börse bringen, betonte Brudermüller. Das Unternehmen sei zwar nicht von den Sanktionen im Zuge des Krieges betroffen, besitze in Russland aber Beteiligungen an Produktionsanlagen. "Damit wird ein Börsengang derzeit schwierig." Die Öl- und Gastochter des Chemieriesen bereitet der BASF derzeit einige Probleme. 

Wintershall-Dea-Chef Mario Mehren (51) hatte bereits am Donnerstag gesagt, sein Unternehmen sei technisch bereit für die Börse. "Aber wir leben gegenwärtig in sehr unsicheren Zeiten." Rund 30 Prozent des Unternehmens sind in der Hand der ehemaligen Dea-Eignerin LetterOne. Deren Anteilseigner Michail Fridman (58) und Petr Aven (67) stehen auf einer EU-Sanktionsliste. Die beiden gaben ihre Posten im Verwaltungsrat von LetterOne auf, ihr Vermögen im Unternehmen wurde eingefroren.

BASF-Finanzchef Hans-Ulrich Engel (62) betonte auf die Frage nach einem Verkauf der Wintershall-Dea-Anteile: "Ich kann ihnen aber versichern, dass wir an der strategischen Umsetzung unserer bereits 2017 getroffenen Entscheidung, uns aus dem Öl- und Gasgeschäft rauszubewegen, aktiv arbeiten." Details nannte er nicht. Der geplante Börsengang war bereits zweimal verschoben worden.

Aktionäre fordern mehr Tempo

Die Aktionäre werden derweil langsam ungeduldig. "BASF hat den Börsengang der Öl- und Gas-Tochter Wintershall mehrmals verschoben – mit heute ungewissem Ausgang, nachdem Wintershall wegen seiner Verbindungen zu Russland vor einer unsicheren Zukunft steht", sagte die Spezialistin Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der DekaBank, Cornelia Zimmermann. "Das Management sollte Wege finden, sich möglichst bald von dem alten Zopf zu trennen."

hr/DPA, Reuters