Drittgrößte Industrie Chemieindustrie drosselt Produktion wegen hoher Energiepreise

Erstmals seit zwei Jahren fallen die Umsätze der Chemieindustrie. Deutschlands drittgrößter Industriezweig fängt die gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten mit höheren Preisen auf – und drosselt zugleich die Produktion. VCI-Präsident Steilemann erwartet weitere Produktionsdrosselungen.
Trübe Aussichten: "Der Chemiebranche stehen weitere dunkle Monate bevor", sagt Covestro-Chef und VCI-Präsident Markus Steilemann

Trübe Aussichten: "Der Chemiebranche stehen weitere dunkle Monate bevor", sagt Covestro-Chef und VCI-Präsident Markus Steilemann

Foto: RAINER UNKEL / imago images/Rainer Unkel

Die deutsche Chemieindustrie stemmt sich mit kräftigen Preiserhöhungen gegen die gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten. Im dritten Quartal zogen die Preise im Vergleich zum Vorjahr um fast 24 Prozent an, teilte der Branchenverband VCI am Montag mit. Der Umsatz stieg so binnen Jahresfrist um 14,7 Prozent, zum Vorquartal sank er allerdings auch wegen einer schwächeren Nachfrage und einer Abschwächung des Preisanstiegs im Quartalsvergleich um 1,6 Prozent. Die Umsätze der Branche fielen damit erstmals seit zwei Jahren wieder.

Denn die Lage hat sich laut VCI in den Sommermonaten noch einmal verschlechtert. Wegen der stark gestiegenen Energiepreise drosselt die deutsche Chemie- und Pharmabranche ihre Produktion immer weiter. Im dritten Quartal sei die Produktion im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 10 Prozent geschrumpft, teilte der Verband weiter mit. Allein die Chemieindustrie (ohne Pharma) produzierte 14 Prozent weniger.

Covestro-Chef sieht "äußerst dramatischen Lage"

"Der Chemiebranche stehen weitere dunkle Monate bevor", sagte VCI-Präsident Markus Steilemann (52), der auch Vorstandschef beim Kunststoffkonzern Covestro ist. "Viele Unternehmen befinden sich mit ihrer Produktion in Deutschland bereits heute in einer äußerst dramatischen Lage, vor allem wegen der massiv gestiegenen Energiekosten." Vor allem der Mittelstand habe erhebliche Probleme beim Abschluss von Anschluss- oder Neuverträgen für auslaufende Strom- und Gasverträge. Der VCI forderte deshalb "breit wirkende Energiepreisbremsen, damit die Lage sich nicht noch weiter zuspitzt".

Unternehmen planen Produktion zu verlagern

Die Chemie- und Pharmaindustrie mit mehr als 473.000 Beschäftigten ist von der Energiekrise besonders betroffen. Die Branche ist nach früheren Angaben des Verbands mit einem Anteil von 15 Prozent größter deutscher Gasverbraucher, knapp ein Drittel des Industrieverbrauchs entfällt auf sie. Sie braucht Gas als Energiequelle und als Rohstoff zur Weiterverarbeitung – etwa in Kunststoffen, Arzneien oder Düngemitteln. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat sich vor allem das Erdgas verteuert. Mit Werten von über 300 Euro pro Megawattstunde hatte der europäische Erdgaspreis in den Sommermonaten Höchststände erreicht.

Die explodierenden Energiepreise drücken immer mehr deutsche Unternehmen an die Wand. Etliche planen daher ihre Abwanderung und investieren mehr in China . So etwa Chemieriese BASF, der Millionen am Standort Ludwigshafen einsparen will und mit einer geplanten "Megafabrik" in China  einen Kulturkampf auslöste.

Für das laufende Jahr bekräftigte der Verband seine Prognose. Für 2022 rechnet er weiter mit einem Rückgang der Produktion von insgesamt 5,5 Prozent. Die Chemieproduktion ohne Pharma dürfte um 8,5 Prozent sinken. Dank der höheren Preise für Chemieprodukte werde der Branchenumsatz immer noch mit einem Plus von 16 Prozent wachsen. In den kommenden Monaten rechnet der VCI allerdings angesichts der Inflation und einer sinkenden Industrieproduktion mit einer geringeren Nachfrage nach Chemikalien. Für die Unternehmen werde es dann noch schwerer, die hohen Energie- und Rohstoffkosten an ihre Kunden abzuwälzen.

dri/Reuters, dpa-afxp
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