Industriebetriebe Wie das Auktionsmodell für Gas funktionieren soll

Der EU-Notfallplan sieht vor, 15 Prozent des landesweiten Gasverbrauchs einzusparen. Um diese große Menge auch in der Industrie zu erzielen, plant Deutschland ein Auktionsmodell. Die wichtigsten Fragen im Überblick.
Hohe Füllstände erwünscht: Anzeigen im Erdgasspeicher Wolfersberg, südöstlich von München

Hohe Füllstände erwünscht: Anzeigen im Erdgasspeicher Wolfersberg, südöstlich von München

Foto: Peter Kneffel / dpa

Wann startet das Auktionsmodell?

Ursprünglich von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (52) bereits für den Sommer angekündigt, wird das Gas-Auktionsmodell nun erst ab Herbst umgesetzt. Laut Bundesnetzagentur soll es ab dem 1. Oktober 2022 eingeführt werden, bereits zwei Wochen vorher ist die Angebotseröffnung geplant.

Was bezweckt dieses Modell?

Da die Gas-Lieferungen aus Russland stocken, besteht die Gefahr, dass die Energieversorgung im Winter nicht mehr ausreichend ist. Bereits ab dem 1. August 2022 sollen daher die EU-Mitgliedsstaaten, zunächst bis zum 31. März 2023, ihren durchschnittlichen Gasverbrauch um 15 Prozent verringern. Das betrifft sowohl Privatverbraucher als auch Industriebetriebe – in Deutschland die größten Erdgasverbraucher. Man möchte daher bei den Unternehmen, die hohe Gasliefermengen gebucht haben, einen Anreiz setzen, einen Teil ihres Verbrauchs einzusparen und das Gas wieder abzugeben. Dieses kann dann wieder im Markt angeboten werden, damit dieser liquider wird. So soll laut Klaus Müller (51), Präsident der Bundesnetzagentur, verhindert werden, dass es zu einer staatlichen Zuteilung des Gases kommen muss.

Wie funktioniert das Auktionsmodell?

Die Auktion wird nach den Plänen der Bundesnetzagentur über die Energieplattform Trading Hub Europe laufen. Christian Hampel, Energieexperte und Partner bei der Rechtsanwaltsgesellschaft BDO Legal, erklärt den Ablauf gegenüber dem manager magazin: "Anbieter aus der Industrie sollen über die Trading Hub Europe ihre Angebote zur Bereitstellung von Gasmengen als externe Regelenergie einstellen können. Trading Hub Europe kann die Angebote dann im Falle eines Engpasses abrufen. Die günstigsten Angebote erhalten den Zuschlag. So sollen die Industriekunden mit einer hohen Flexibilität selbst mitbeeinflussen können, zu welchen Zeitpunkten eine Drosselung oder Abschaltung ihrer Gasversorgung sinnvoll ist. Die Kosten sollen dabei wie im Regelenergiemarkt in Form einer Umlage von den Gashändlern oder -lieferanten getragen werden. Sie sind damit auch Kostenbestandteil des Gaspreises für die Endkunden."

Ist das Modell wirksam?

Die Wirksamkeit des Auktionsmodells hängt natürlich von der detaillierten Ausgestaltung ab, die erst im Laufe des Sommers bekannt gegeben wird. Wer das Modell nutzen kann, sollte aber tatsächlich davon profitieren. So sprach sich BDI-Präsident Siegfried Russwurm (59) bereits dafür aus, knappes Gas notfalls über Auktionen zu verteilen. Allerdings schafft das Modell keine Anreize zu strukturellen Einsparungen, die sicherlich auch notwendig sein werden. Doch auch der mögliche Mehraufwand von Unternehmen, die ihren Bedarf auf andere Energieträger außer Gas umstellen, kann so kompensiert werden.

"Wenn stattdessen durch den Netzbetreiber oder die Bundesnetzagentur als Lastverteiler Entscheidungen getroffen werden müssen, wer noch Gas bekommt und wer nicht, hätte das mit einer Marktwirtschaft nichts mehr zu tun"

Was sind die Vorteile?

"Ein solches Auktionsmodell ist eine Steuerung über den Markt und damit besser als viele andere Möglichkeiten, mit dieser Knappheitssituation umzugehen", sagt Energieexperte Hampel. Insbesondere gibt das Modell den Industriekunden die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wann in ihrem Produktionsprozess eine Drosselung oder gar Abschaltung der Gasversorgung eintritt. "Wenn stattdessen durch den Netzbetreiber oder die Bundesnetzagentur als Lastverteiler Entscheidungen getroffen werden müssen, wer noch Gas bekommt und wer nicht mehr, hätte das mit einer Marktwirtschaft nichts mehr zu tun", so Hampel, "außerdem könnte auf die individuelle Situation der einzelnen Unternehmen in dieser Situation, wenn überhaupt, nur sehr begrenzt Rücksicht genommen werden."

Wo lauern mögliche Probleme?

Am Markt gibt es derzeit teilweise exorbitant hohe Preise für Gas – diese werden sich in dem Auktionsmodell vermutlich ebenfalls niederschlagen. "Dies könnte es für die Industriekunden im Rahmen ihrer Flexibilität allerdings tatsächlich attraktiv machen, in der Auktion entsprechende Mengen anzubieten", sagt Hampel. Doch nicht nur die Preise werden für die Attraktivität des Auktionsmodells eine wichtige Rolle spielen, sondern auch die weitere Ausgestaltung der Bedingungen. So ist aktuell ist eine Mindestgröße von 1 MWh vorgesehen, um überhaupt an der Auktion teilnehmen zu können. "Diese Größe und eine relativ geringe Vorlaufzeit könnte für kleinere und mittelgroße Unternehmen unter Umständen ein Problem darstellen", warnt Hampel.

Wie lange wird das Modell Bestand haben?

"Wir müssen zwei Winter durchstehen", sagte kürzlich Netzagenturchef Müller, "wir haben bis zum Sommer 2024 ein Gasproblem". Das bedeutet, dass die Gasmangellage zunächst bestehen bleibt, wenn russische Gaslieferungen so niedrig bleiben wie sie jetzt sind oder sogar ganz ausbleiben. Es wird also einige Zeit dauern, um Ersatzmengen etwa über LNG-Terminals im ausreichenden Umfang zu beschaffen oder entsprechende Mengen Gas einzusparen. So lange dürfte also auch das Auktionsmodell Bestand haben.

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