Samstag, 28. März 2020

Möglicher Deal mit Bombardier Alstom will ohne Jobabbau auskommen

Bombardier beschäftigt in Deutschland rund 6500 Menschen - vorn allem in Bautzen, Görlitz und Hennigsdorf. Bei Alstom arbeiten 2500 Menschen an sechs Standorten, die meisten davon in Salzgitter.

Die Unternehmen und ihre Aktionäre sind sich einig - doch die geplante Fusion von Alstom mit der Bahntechnik-Sparte von Bombardier hat noch viele Hürden zu überwinden. So zum Beispiel ist das Ja der EU-Wettbewerbshüter keineswegs ein Selbstgänger. Die Analysten der Deutschen Bank sehen lediglich eine 50-Prozent-Chance, dass Franzosen und Kanadier grünes Licht zur Fusion zum zweitgrößten Zughersteller der Welt mit mehr als 15 Milliarden Euro Umsatz bekommen.

Alstom geht davon aus, dass es bis ins kommende Jahr hinein dauern wird, bis alle Genehmigungen für die bis zu 6,2 Milliarden Euro schwere Großfusion vorliegen. Kunden von Bombardier, die zuletzt Qualitätsprobleme beklagt hatten, hoffen auf Besserung, wenn Alstom das Sagen hat. Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge glaubt, bei dem Zusammenschluss ohne Stellenstreichungen auszukommen. In Deutschland beschäftigen die beiden Partner mehr als 9000 Mitarbeiter.

Poupart-Lafarge zeigte sich sich zuversichtlich, diesmal die Zustimmung der EU-Kommission zu erhalten. "Wir sehen das nicht als großes Problem", sagte er am Montagabend. "Und wenn es ein paar Probleme gibt, sind sie viel leichter zu lösen als die, die wir mit Siemens hatten."

Vestager hüllt sich vorerst in Schweigen

EU-Kommissarin Vestager traf sich bereits mit Frankreichs Wirtschaftsminister
Francois Lenoir/File Photo/REUTERS
EU-Kommissarin Vestager traf sich bereits mit Frankreichs Wirtschaftsminister

Bombardier ist in Europa fast so groß wie Siemens. Der Zusammenschluss von Alstom mit der Zugsparte des Münchner Industriekonzerns war vor einem Jahr am Veto der EU-Wettbewerbshüter gescheitert. In Brüssel vorgefühlt haben die Unternehmen Insidern zufolge bereits.

Der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire erklärte am Dienstag nach einem Gespräch mit der zuständigen EU-Kommissarin Margrethe Vestager, die Position der EU-Kommission und der meisten EU-Staaten mit Blick auf das Wettbewerbsrecht habe sich weiterentwickelt. Vestager hielt sich vorerst bedeckt.

"Diese Transaktion erlaubt es Alstom, sich vor dem Hintergrund eines sich verschärfenden internationalen Wettbewerbs für die Zukunft zu wappnen", zeigte sich Le Maire überzeugt.

Alle fürchten Chinas Branchenriesen CRRC

Alstom, Bombardier und Siemens fürchten vor allem, dass der chinesische Branchenriese CRRC verstärkt nach Europa drängt. In Nordamerika hat er die etablierten Unternehmen schon mehrfach mit Niedrigpreisen ausgestochen. Doch die Angst vor CRRC hatte Vestager nicht gelten lassen, als Siemens und Alstom das Argument vorbrachten.

Die Marktstellung bei Signaltechnik und Hochgeschwindigkeitszügen (TGV, ICE), die der EU missfallen hatte, dürfte diesmal das geringere Problem sein, wie manager-magazin.de bereits analysierte. Doch bei Regionalzügen kämen Bombardier und Alstom nach Schätzungen aus französischen Gewerkschaftskreisen zusammen in Europa auf einen Marktanteil zwischen 40 und 60 Prozent, Siemens allein nur auf zehn bis 20 Prozent.

400 Millionen Dollar Einsparungen jährlich - aber erst in vier Jahren

Der Alstom-Chef allerdings argumentiert, Bombardier sei im Norden Europas stark, sein Unternehmen dagegen im Süden. "Wir sehen eine große geografische und produktbezogene Komplementarität mit dem Potenzial, die Kapazität zu erhöhen, um auf die weltweit wachsende Nachfrage nach Schienenfahrzeugen zu reagieren", sagte der Chef von Bombardier Transportation, Danny Di Perna. Das fusionierte Unternehmen könne von Größenvorteilen profitieren, die ihm mehr Investitionen ermöglichten. Alstom veranschlagt die Einsparungen auf 400 Millionen Euro jährlich - allerdings erst in vier Jahren.

Kunden hoffen auf verbesserte Qualität

Kunden und Konkurrenten hielten sich am Dienstag zurück. In der Branche hieß es, die Fusion schüre die Hoffnung, dass die Qualität bei Bombardier besser werde. Die Kanadier hatten sowohl mit der Deutschen Bahn als auch mit der schweizerischen SBB Streit über Mängel.

Bei Regionalzügen sei kein Monopol zu befürchten, denn es gebe auch Hersteller wie Siemens und den Schweizer Anbieter Stadler. Die Bahn, einer der größten Kunden beider Unternehmen, erklärte: "Die Deutsche Bahn vertraut auf das Urteil der Wettbewerbsbehörden, damit aus diesem Prozess keine Nachteile für die Kunden der Bahnindustrie entstehen."

IG Metall: Bundesregierung soll auf Jobgarantie drängen

Die IG Metall macht sich trotz der Zusicherungen von Alstom Sorgen um die Arbeitsplätze in Deutschland. Sie bekräftigte den Appell an die Bundesregierung, sich einzuschalten. "Der Erhalt der Standorte und der Arbeitsplätze muss an erster Stelle stehen", fordert Jürgen Kerner, der im Vorstand der Gewerkschaft für die Bahnbranche zuständig ist. Bombardier hat vor allem im Osten - etwa in Bautzen, Görlitz und Hennigsdorf - Einschnitte hinter sich und beschäftigt in Deutschland 6500 Mitarbeiter. Dazu kommen 1100 Leiharbeiter. Bei Alstom arbeiten 2500 Menschen an sechs Standorten, die meisten davon in Salzgitter.

Der Betriebsratschef im Alstom-Werk Salzgitter, Thomas Ueckert, sagte auf Anfrage: "Ich habe ein ungutes Bauchgefühl." Es gebe erhebliche Überschneidungen bei Regionalzügen, U- und Straßenbahnen. Bombardier habe mehr Kapazitäten in Ostdeutschland. Er könne nicht ausschließen, dass Alstom verschiedene Arbeiten an Standorten konzentriere, sagte Ueckert der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Das könnte zulasten des Werkes in Salzgitter gehen, das ohnehin bald seinen Status als konzerngrößtes Werk von Alstom zugunsten von Kattowitz (Katowice) in Polen verlieren werde.

dpa/Reuters/rei

© manager magazin 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung