Donnerstag, 25. April 2019

Wettlauf um Raketentechnik "Die Amerikaner wollen Europa aus dem Weltraum kicken"

Modell einer "Ariane 6" auf der Luft- und Raumfahrtmesse ILA in Berlin (April 2018)

2. Teil: Teuer für Washington, billig für Europa - aber warum?

Spiegel Online: Sie sagen, dass Sie Regierungsaufträge brauchen, um die Produktion aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig startet die deutsche Bundeswehr ihre "SARah"-Aufklärungssatelliten auf Raketen der US-Firma SpaceX. Wie passt das zusammen?

Charmeau: Deutschland gibt viel Geld für die "Ariane 6" aus und hat seinen Anteil um 20 Prozent im Vergleich zum Vorgänger "Ariane 5" erhöht. Ich bin überzeugt, dass die deutsche Regierung Interesse an der Auslastung der Werke in ihrem Land hat. Deswegen wird man Satelliten - für den Verteidigungsbereich und andere - mit unseren "Ariane" und "Vega"-Raketen starten.

Spiegel Online: Selbst bei militärisch sensiblen Satelliten macht Deutschland das eben nicht.

Charmeau: Aber in Zukunft machen sie es vielleicht.

Spiegel Online: Einstweilen ist SpaceX preiswerter.

Charmeau: Entschuldigung, aber das stimmt nicht. Man sollte sich fragen, warum SpaceX der US-Regierung pro Start 100 Millionen Dollar in Rechnung stellt, Starts für europäische Kunden aber viel billiger anbietet. Warum machen die das?

Spiegel Online: Weil sie so Starts für kommerzielle Kunden - wie auch die deutsche Regierung - billiger anbieten können.

Charmeau: Sie machen das, um Europa aus dem Weltraum zu kicken. Und die Öffentlichkeit und unsere Politiker sollten das wissen. Es geht um die Frage, ob Europa auch morgen noch im Weltraum aktiv ist. Unsere US-Freunde unterstützen das nicht wirklich. Ich unterschreibe auf der Stelle Verträge mit europäischen Regierungen für 100 Millionen Dollar pro Start. Das ist der Preis, den SpaceX von der eigenen Regierung verlangt. Wenn aber Deutschland Starts partout billiger einkaufen will, profitiert davon unser US-Wettbewerber.

Spiegel Online: Warum soll eine Regierung mehr Geld für einen Start ausgeben, als sie muss? Man kann mit dem Geld auch Straßen und Brücken bauen oder Schulen sanieren.

Charmeau: Der einfachste Grund: Es schafft Arbeitsplätze in Deutschland. Und diese Firmen und ihre Mitarbeiter zahlen Steuern, die im deutschen Haushalt landen. Ich bin ziemlich sicher, dass Angestellte von SpaceX nichts ans deutsche Finanzamt zahlen. Und es geht noch um mehr.

Spiegel Online: Und zwar?

Charmeau: Es geht um die Geschäfte der Zukunft. Warum investieren denn all die Milliardäre in den Weltraum? Warum kommt auch Jeff Bezos nach Deutschland und erklärt, dass das Land nicht in den Weltraum gehen sollte? Er macht Geld mit Ihren persönlichen Daten. Heute kennt er Ihre Amazon-Bestellungen, morgen fährt er Ihr Auto.

Spiegel Online: Das wird er wohl sowieso machen. Wir haben uns in vielen Feldern doch längst von unseren Daten verabschiedet. Ich zeichne dieses Gespräch gerade mit einem iPhone auf. Da habe ich meine Daten doch längst abgegeben.

Charmeau: Sollten wir nicht wenigstens versuchen, um Eigenständigkeit zu kämpfen? Wir haben noch immer eine Industrie für Raketen und Satelliten, die weltweit absolut vorn dabei ist. Sollten wir das aufgeben?

Spiegel Online: Umgekehrt gefragt: Warum sollten wir es partout behalten?

Charmeau: Da sind als Erstes die wirtschaftlichen Gründe. Es wird in der Zukunft einen riesigen Markt zur Auswertung von Weltraumdaten geben, für das Internet der Dinge, autonome Autos und so weiter. Es gibt aber auch strategische Gründe. Deutschland und Frankreich wollen beim Bau eines zukünftigen Kampfflugzeugs zusammenarbeiten. Solch ein Flugzeug fliegt nicht ohne Weltraumtechnik. Das dürfen wir nicht aufgeben.

Spiegel Online: Ein Grund dafür, dass SpaceX seine Starts so billig anbieten kann, ist auch, dass die Firma auf Wiederverwendbarkeit setzt. Wann kehrt die erste "Ariane"-Raketenstufe sanft zur Erde zurück, damit sie wiederverwendet werden kann?

Charmeau: Der Grund, warum SpaceX auf dem kommerziellen Markt billiger sind, hat nichts mit Wiederverwendbarkeit zu tun. Entscheidend ist nur, dass sie ihrer eigenen Regierung 100 Millionen Dollar pro Start berechnen. Und ich bin bereit, das auch so zu machen.

Spiegel Online: Nichtsdestotrotz sagt SpaceX, dass sie ihre Raketen auch durch die Wiederverwendbarkeit billig anbieten können.

Charmeau: Woher wissen Sie das? Kennen Sie deren echte Kostenstruktur?

Spiegel Online: Für mich als Kunde ist es jedenfalls billiger, meinen Satelliten auf einer gebrauchten SpaceX zu fliegen als auf einer "Ariane".

Charmeau: Weil die Firma Ihrer Regierung zu viel Geld abknöpft.

Spiegel Online: Das haben Sie jetzt schon mehrmals gesagt.

Charmeau: SpaceX hat einen Markt an garantierten Starts für die Regierung, der vielleicht zehn Mal so groß ist wie für uns in Europa. Da kann man dann für den Rest leicht die Wiederverwendbarkeit in den Vordergrund stellen.

Spiegel Online: Sie haben auch mal gesagt, dass sich Wiederverwendbarkeit für Europa gar nicht lohnen würde. Wie das?

Charmeau: Nehmen wir mal an, wir hätten zehn garantierte Starts pro Jahr in Europa und würden eine Rakete haben, die man zehnmal wiederverwenden kann - dann würden wir genau eine Rakete pro Jahr bauen. Das ergibt keinen Sinn. Ich kann meinen Teams nicht sagen: 'Tschüs, dann bis nächstes Jahr'!

Spiegel Online: Wie viele Starts bräuchte Sie denn, damit sich Wiederverwendbarkeit für Sie lohnt?

Charmeau: Das sehen wir uns gerade an. Vielleicht etwa 30 Starts pro Jahr. Wir müssen uns aber immer fragen, ob sich diese Technologien für uns rechnen. Aber wir bereiten das auf jeden Fall vor. Zum Beispiel ist unser zukünftiges "Prometheus"-Triebwerk wiederverwendbar. Wir arbeiten auch an der Technologie, eine Raketenstufe zu bergen und wieder zu benutzen. Wir wollen bereit sein.

 

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