Verdacht der Korruption Was wir bislang über den Airbus-Skandal wissen

Airbus-Chef Tom Enders im Kreis von möglichen Kunden: Airbus soll zur Erlangung von Aufträgen über Tarnfirmen Schmiergeld an politische Entscheider im Ausland gezahlt haben

Airbus-Chef Tom Enders im Kreis von möglichen Kunden: Airbus soll zur Erlangung von Aufträgen über Tarnfirmen Schmiergeld an politische Entscheider im Ausland gezahlt haben

Foto: MARWAN NAAMANI/ AFP

Schwarze Kassen, Milliardenaufträge, Betrug, Bestechung - der Skandal bei Europas größtem Luftfahrtkonzern Airbus beherrscht die Schlagzeilen. Der Skandal könnte das wichtigste Gemeinschaftsunternehmen der EU mit 134.000 Beschäftigten und 67 Milliarden Euro Jahresumsatz bis ins Mark erschüttern. Lesen Sie die derzeit wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Skandal.

Warum poppt der Skandal jetzt hoch?

Schon seit Jahren und gleich in mehreren Ländern (Frankreich, Großbritannien, Österreich, Deutschland) ermitteln Behörden und Staatsanwaltschaften gegen den Luft- und Raumfahrtkonzern - unter anderem wegen des Verdachts des Betrugs, der Bestechung und der Untreue.

Die Münchener Staatsanwaltschaft scheint mit ihren seit mindestens fünf Jahren währenden Ermittlungen so weit zu sein, dass sie bald Anklage erheben werde, berichtet unter anderem der "Spiegel". Die Ermittler in München bestätigten lediglich: "Wir wollen das Verfahren demnächst abschließen."

Aber was wirft man Airbus konkret vor?

Was wirft man Airbus vor?

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Airbus (ehemals EADS) soll über die im Jahr 2004 gegründete britische Firma Vector Aerospace ein Schattenreich mit weltweit verzweigten Briefkastenfirmen gegründet haben. Ausgestattet mit mindestens 100 Millionen Euro sollen so Gelder an Entscheidungsträger geflossen sein, um an mögliche Aufträge in der ganzen Welt zu kommen.

Anfänglich soll es dabei zunächst um die Akquisition milliardenschwerer Aufträge aus dem militärischen Sektor gegangen sein - zum Beispiel um die Lieferung von 18 Kampfflugzeugen des Typs "Eurofighter" an Österreich. EADS hatte sich im Gegenzug verpflichtet, in dem Land zu investieren.

Solche Gegengeschäfte waren damals üblich. Vector Aerospace sollte diese Geschäfte abwickeln, diente aber womöglich nur zur Verschleierung schwarzer Kassen, wie die Staatsanwälte vermuten. Tom Enders war damals Chef der Rüstungssparte. Die österreichische Justiz ermittelt gegen den heutigen Airbus-Chef wegen schweren Betrugs. Österreich fühlt sich bei dem Deal getäuscht und fordert rund 1 Milliarde Euro Schadensersatz.

Betrug bei zivilen Aufträgen? Was sagt Airbus zu den Vorwürfen?

Floss womöglich Schmiergeld auch bei Geschäften mit zivilen Passagierflugzeugen? Bewiesen ist das bislang nicht, aber der Verdacht steht im Raum. Über Vector Aerospace könnte laut "Spiegel" auch Schmiergeld für den Verkauf von Verkehrsflugzeugen geflossen sein, schreibt das Magazin unter Berufung auf Dokumente der Staatsanwaltschaft. Vector habe als "Schmiergeldnippel" für den ganzen Konzern gedient.

Airbus reagiert wie die meisten Konzerne bei solchen Vorwürfen und Skandalen: Man unterstützt selbstredend voll und ganz die Ermittlungen, weist aber die Vorwürfe zurück, ohne sich im Detail dazu zu äußern:

"Weder die seit Jahren andauernden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in München und Wien noch unsere eigenen umfangreichen Untersuchungen haben Anhaltspunkte ergeben, die auf Bestechung im Zusammenhang mit dem Verkauf von 'Eurofighter'-Flugzeugen nach Österreich hindeuten", sagte ein Sprecher am 6. Oktober. Das gleiche gelte für mögliche schwarze Kassen.

Doch Airbus weiß, dass hier noch enormes Ungemach und auch Milliardenstrafen auf den Konzern zukommen könnten. Tom Enders selbst warnte bereits am 7. Oktober in einem Brief an die Mitarbeiter vor "turbulenten Zeiten" und vor "beträchtlichen Bußen". Airbus hatte sich 2016 in Großbritannien wegen auffallender Unregelmäßigkeiten selbst angezeigt und auch interne Ermittlungen eingeleitet.

Wackelt Tom Enders Stuhl?

Tom Enders war Chef der Rüstungssparte des Airbus-Vorgängers EADS. Behörden in Österreich ermitteln gegen den heutigen Airbus-Chef

Tom Enders war Chef der Rüstungssparte des Airbus-Vorgängers EADS. Behörden in Österreich ermitteln gegen den heutigen Airbus-Chef

Foto: AFP/ Airbus

Bis jetzt nicht. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt zwar gegen mehr als ein Dutzend Beschuldigte, Tom Enders ist nach Aussagen der Anwälte aber nicht darunter. Und was bei den Ermittlungen gegen Enders in Österreich herauskommt, ist noch völlig offen.

Laut "Spiegel" soll Enders als Chef der Rüstungssparte die damalige Gründung der Firma Vector jedoch mit abgebnickt haben. Wie genau der Manager über mögliche Korruptionszahlungen - Ermittler sollen bislang Hunderte solcher davon gefunden haben - und die Arbeitsweise von Vector informiert war, ist aber unklar.

Quasi als Initialzündung mit der Selbstanzeige im Jahr 2016 hat Enders nun die Rolle des harten Aufklärers übernommen: Er habe Verträge mit externen Beratern auf Eis gelegt, die inkriminierte zentrale Vertriebsabteilung in Paris entmachtet, Personal entlassen, unabhängige Ermittler und Berater wie Ex-Finanzminister Theo Waigel ins Haus geholt, die für eine seriöse Aufklärung sorgen sollen, heißt es in Presseberichten. Ob das am Ende reicht, Schaden von sich selbst und weiteren Vorständen fernzuhalten?

Wie reagiert der Großaktionär Bundesregierung?

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Airbus gehört zu 11,1 Prozent dem deutschen Staat und zu weiteren 11.1 Prozent dem französischen Staat. Die Krise des wichtigsten Gemeinschaftsunternehmens der EU hat schon deshalb eine nicht zu unterschätzende politische Dimension, zumal Geschäfte mit Rüstungsgütern immer auch eine politische Angelegenheit sind.

Die EU-Kernstaaten Frankreich und Deutschland sind historisch eng miteinander verbunden, brauchen einander. Und Europa braucht sie: als ruhender Pol gegen die starken Fliehkräfte in Europa, als starken Konterpart zu einer isolationistischen US-Außenpolitik ... Geht es um die Schuldfrage des primär deutsch-französischen Konzerns, wo jetzt Manager beider Nationen aufeinanderprallen sollen, geht es auch um das deutsch-französische Verhältnis.

Folglich angefasst reagiert die Bundesregierung, fordert von Airbus "vollumfängliche Kooperation". Berichte, dass auch hochrangige Bundesbeamte in dem Skandal involviert sein könnten, weisen Sprecher der Regierung entschieden zurück. Tatsächlich haben Staatsanwälte Bundesbeamte zu möglichen schwarzen Kassen und Bestechung bislang auch nicht befragt.

Zugleich versichert das Bundeswirtschaftsministerium, es gebe eine funktionierende personelle und organisatorische Trennung zwischen der Verwaltung des Airbus-Anteils, der bei der Kfw-Bank liegt, und der staatlichen Förderung von Airbus. So sei sichergestellt, dass wechselseitig kein Einfluss genommen und auch keine Weisungsbefugnis auf den jeweils anderen Bereich ausgeübt würde. "Vorwürfe, die dies in Zweifel ziehen, sind abwegig", reagiert ein Sprecher gereizt.

Wie reagieren Märkte und Analysten?

Bislang reagieren Investoren noch vergleichsweise moderat. Seit dem 5. Oktober hat die Aktie von Airbus rund 5 Prozent verloren. Allerdings ist der Titel in der Vergangenheit auch sehr gut gelaufen: ein Plus von etwa 25 Prozent schlug seit Jahresbeginn bis Anfang Oktober zu Buche.

Auch die meisten Analysten halten still, die Experten warnen aber vor möglichen Belastungen für die Aktie, sollte die drohende Milliardenstrafe tatsächlich erhoben werden. Schon jetzt kratzten die Ermittlungen an der Reputation von Airbus, weiteres Geschäft könnte dann an den US-amerikanischen Wettbewerber Boeing verloren gehen.

Nur einzelne Analysten, wie etwa bei der NordLB - haben bereits den Titel auf "Verkaufen" herabgestuft und raten den Investoren, die hohen Kursgewinne seit Jahresbeginn einzustreichen.

rei
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