Freitag, 20. September 2019

Hall of Fame Wolfgang Reitzle - beseelt von Perfektion

Winzer auf seinem Weingut in der Toskana? Kein Job für Multiaufsichtsrat und Unternehmer Wolfgang Reitzle, der im Mai seine Manager-Karriere beendet hat

Wenn die Deutschland AG einen Liebling hat, dann ist es Wolfgang Reitzle. Fast alle Topadressen der deutschen Industrie haben in den letzten Jahrzehnten mal um den 65jährigen Ingenieur gebuhlt. BMW-Chef sollte er werden. VW und Porsche wollten ihn haben. Bei Mercedes war er genauso im Gespräch wie bei Siemens.

Der Grund war immer der gleiche: Der Mann ist einfach gut. Manche halten ihn sogar für genial. Andere sehen in ihn zumindest einen begnadeten Manager: Beseelt von Perfektion und Ehrgeiz. Obendrein ist er lernfähig, außerdem umsetzungsstark. Er analysiere, entscheide, und dann werde es gemacht, sagte der BMW-Chef Eberhard von Kuenheim mal über ihn.

Sein Erfolg ist kein Hexenwerk. Gleichwohl hat Reitzle bei etlichen Firmen so manches Managementwunder vollbracht. Anfangs entwarf der Mann mit dem Hang zur Eleganz vor allem schöne Autos. Das tat er für BMW (als Entwicklungschef), später für Landrover und Aston Martin (als Chef der ehemalige Premiumsparte von Ford).

Für die Autoindustrie schlägt bis heute sein Herz. Doch die nächste Stufe der Exzellenz erklomm Reitzle in einem wesentlich spektakelärmeren Industriezweig. Als es ihn 2003 zu Industriekonzern Linde verschlug, zeigte er dort eine unternehmerische Weitsicht, wie sie nur ganz wenigen Manager eigen ist. Reitzle baute das barocke Konglomerat beherzt zu einem weltweit führenden Industriegasekonzern um. Damit entriss er das Traditionsunternehmen dem Zugriff aggressiver Finanzinvestoren. Die anschließende Vervielfachung des Börsenwerts von Linde brachte ihm an den Kapitalmärkten Kultstatus ein.

Als Aufsichtsratschef von Conti wiederum bewies er vor allem Integrationsvermögen und diplomatisches Geschick. Damit rettete er den Hannoveraner Autozulieferkonzern - und die Schaeffler-Gruppe aus Herzogenaurach, die sich an der Conti-Übernahme verhoben hatte gleich mit.

Im Mai beendete Reitzle seine Managerkarriere - um sein Können nun als Multiaufsichtsrat und Unternehmer zu verfeinern. Nein, eine Tätigkeit als Winzer auf seinem Weingut in der Toskana, das wäre Reitzle zu fad. Da kann die Konzernwelt nur dankbar für sein.

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