Samstag, 25. Januar 2020

Lufthansa Abschied vom falschen Mann

Abflug: Christoph Franz wechselt zu Roche - und lässt die Lufthansa mit dem von ihm verordneten Sparkurs allein

Der überraschende Abgang von Konzernchef Christoph Franz schadet der Lufthansa. Es sei denn, sie nutzt den Wechsel, um endlich wieder einen Chef mit Strahlkraft zu installieren.

Von einem "Angebot, das man kaum ablehnen kann" ist die Rede, von "allzu menschlichen Motiven" - im Umfeld von Christoph Franz müht man sich derzeit um Beschwichtigung. Es sei doch gar nichts dabei, dass der Lufthansa-Chef entgegen aller Erwartung seinen Vertrag bei der Fluglinie nicht verlängert, um bald den weitaus einträglicheren Spitzenposten beim Schweizer Pharmakonzern Roche Börsen-Chart zeigen anzutreten.

Ausflüchte ohne Substanz. Tatsächlich fügt Franz mit seinem Wechsel dem Unternehmen und seiner eigenen Reputation schweren Schaden zu. Er hat der Kranich-Linie einen schmerzvollen Sparkurs verordnet, einschließlich Stellenabbau und vielen Opfern der Mitarbeiter.

Wer zu diesen Mitteln greift, verpflichtet sich implizit, die Agenda bis zum Ende anzuführen und sich dann an den Ergebnissen messen zu lassen.

Franz aber geht, noch bevor klar ist, dass sein Sanierungsprogramm wirklich den versprochenen Segen bringen wird und optimiert seine persönlichen Lebensverhältnisse: Zurück bleibt eine Belegschaft, die bitteschön weiter kämpfen und vielfach Gehaltseinbußen hinnehmen soll. Krasser kann man kaum gegen das Gebot verstoßen, als Führungskraft ein Vorbild zu geben.

Flucht von Franz bringt Chefkontrolleur Mayrhuber Probleme

Der Abgang trifft die Lufthansa zudem in einer machtpolitisch kippligen Lage. Aufsichtsratschef Wolfgang Mayrhuber war im Frühjahr erst nach einem peinlichen Hin und Her an die Spitze des Kontrollgremiums gerückt; ausländische Investoren hatten ihm Befangenheit vorgeworfen, weil Mayrhuber jahrelang Vorstandsvorsitzender war. Genau so kommt es jetzt, denn Mayrhuber war einst auch maßgeblich an der Auswahl von Franz beteiligt.

Ist Mayrhuber nach dieser betrüblichen Erfahrung mit seinem Favoriten wirklich der Richtige, um die Suche nach einem geeigneten Vorstandsvorsitzenden zu leiten?

Glücken wird die Bestellung eines überzeugenden Nachfolgers nur, wenn der Aufsichtsrat die Lehren aus dem Fall Franz zieht. Intelligenz und technokratisches Wissen reichen eben nicht, um eine Weltmarke wie die Lufthansa Börsen-Chart zeigen in die Zukunft zu führen. Die neue Spitzenkraft sollte unbedingt auch wieder Charisma besitzen, Leidenschaft für den Job zeigen und erkennbaren Unternehmergeist.

Carsten Spohr Favorit für die Nachfolge

Die Investoren scheinen es ähnlich zu sehen. An der Börse legte die Lufthansa an diesem Morgen zu - in Hoffnung auf einen neuen Spitzenmann mit mehr Strahlkraft. Und es spricht viel dafür, dass er bereits gefunden ist. In Lufthansa-Kreisen gilt Carsten Spohr (45), der Chef der Passagierflug-Sparte, als kaum zu umgehen.

Spohr muss zwar auch noch nachweisen, dass er für bessere wirtschaftliche Ergebnisse sorgen kann. Doch an Ausstrahlung und Eloquenz, die Mitarbeiter und Märkte so dringend brauchen, ist er Franz allemal weit überlegen.

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