Pharmaindustrie Pharmariesen setzen auf China

Auslaufende Patente, mehr Regulierung, obendrauf die Eurokrise: Westeuropas forschende Pharmakonzerne und Generikahersteller geraten unter Druck. Nun suchen sie ihr Heil in Auslandsmärkten - mit sehr unterschiedlichen Stoßrichtungen, wie eine Studie zeigt.
Geknickte Pillenbranche: Die Eurokrise und der EU-Sparwille setzen den forschenden Pharmaunternehmen besonders zu

Geknickte Pillenbranche: Die Eurokrise und der EU-Sparwille setzen den forschenden Pharmaunternehmen besonders zu

Foto: Corbis

Hamburg - Des einen Leid müsste eigentlich des anderen Freud' sein: In diesem Jahr laufen europaweit zahlreiche Patente auf umsatzstarke Medikamente aus, was den Herstellern von Nachahmerpräparaten gute Geschäfte bescheren sollte. Doch die Eurokrise und der eiserne Sparwille vieler EU-Staaten lässt auch die Generikaproduzenten vorsichtiger werden. Das legt eine Studie der Managementberatung Camelot nahe, die manager magazin online exklusiv vorliegt.

Fast 60 Pharmamanager aus 16 Ländern hat Camelot zwischen Februar und März 2013 für die Studie "Pharma Management Radar" befragt. Zwei Drittel der Befragten arbeitet bei traditionellen Pharmaunternehmen, bei denen die Erforschung neuer Wirkstoffe eine wichtige Rolle spielt.

Während Manager bei Generikaherstellern mit dem aktuellen Geschäftsklima in Europas Pharmabranche zufrieden sind, sehen die Vertreter der forschenden Pharmakonzerne das Geschäft weniger sonnig. Ein Drittel von ihnen bezeichnet das derzeitige Umfeld als eher schlecht.

Mehr als die Hälfte der Befragten bei den forschenden Pharmakonzernen meint, dass ihr Umfeld in den kommenden zwölf Monaten schlecht bleibt oder sich noch weiter verdüstert. Aber auch bei den Generikaherstellern rechnet mehr als ein Viertel mit trüberer Stimmung in den nächsten zwölf Monaten.

"Für beide Gruppen nimmt der Preisdruck in Europa zu", sagt Michael Jarosch, Autor der Studie und Leiter des Bereichs Life Sciences bei Camelot Management Consultants. So müssen Pharmaunternehmen in westeuropäischen Ländern den Nutzen ihrer rezeptpflichtigen Medikamente immer häufiger nachweisen. In Deutschland etwa galt dieser Nachweis bisher nur für neu auf den Markt kommende Medikamente. Jetzt soll die Nachweispflicht auch auf längst etablierte Medikamente ausgedehnt werden.

Pillen für China

Den Generikaherstellern kam in den letzten Jahren eines zugute: In Europa liefen Patente auf besonders umsatzstarke Medikamente aus, was die Umsätze mit neuen Generika steigen ließ. Doch in diesem Jahr steigt der Preisdruck auch bei Nachahmerpräparaten. Die Eurokrise trifft beide Herstellergruppen. In Südeuropa seien die Umsatzerwartungen bei Medikamenten signifikant gesunken, meint Jarosch.

Kein Wunder also, dass Europas Pharmabranche ihr Heil in neuen Märkten sucht. "In Schwellenländern gibt es noch viel Potenzial", sagt Studienautor Jarosch. Denn dort wachse die Mittelschicht, die sich zunehmend aus eigener Tasche auch teurere, innovative Medikamente leisten kann - unabhängig von der Erstattung durch Krankenkassen. Gleichzeitig bauen die Regierungen ihre Gesundheitssysteme aus.

In den kommenden zwölf Monaten wollen die forschenden Pharmaunternehmen ihre Umsätze besonders in China erhöhen, zeigt die Studie. Im Schnitt sollen die Umsätze der großen Pharmakonzerne in dem Land um acht Prozent zulegen. "China wird in den nächsten zehn Jahren zum weltweit größten Pharmamarkt aufsteigen", prognostiziert Jarosch. Auch in Afrika wollen die Pharmariesen in den nächsten zwölf Monaten ihren Umsatz um durchschnittlich acht Prozent steigern, wenn auch von einem deutlich niedrigeren Niveau aus. Dritter Hoffnungsmarkt ist Russland mit einem erhofften Umsatzplus von 7,1 Prozent.

Expansion mit Risiko

Für die forschenden Pharmaunternehmen hat die Expansion in Schwellenländer einen ganz besonderen Reiz: Im Gegensatz zu Industrieländern, wo Krankenkassen einen Großteil der Kosten erstatten und mit den Herstellern hart um Preise feilschen, bezahlen Kunden innovative Medikamente oft aus eigener Tasche zum Listenpreis. Dafür fällt es den Pharmariesen nicht immer leicht, ihre Patente durchzusetzen. So verloren Bayer und Novartis etwa vor Kurzem in Indien jahrelange Rechtsstreitigkeiten um den Patentschutz von Krebsmedikamenten.

Eine zweite Hürde sind die Arznei-Zulassungsverfahren in Schwellenländern. Die sind weniger standardisiert als in Industrieländern und deshalb oft zeitraubender. Zudem lernen Schwellenländer von den Problemen der Industrieländer und kopieren auch deren Rezepte zur Eindämmung der Gesundheitskosten. Die Folge davon ist ein stärkerer Preisdruck - und somit geringere Gewinne für die Pharmariesen.

Bei den Generikaherstellern unterscheiden sich die Hoffnungsmärkte der nächsten zwölf Monate etwas. Hier steht vor allem Osteuropa im Fokus: Im Schnitt soll der Umsatz hier um 6,3 Prozent nach oben gehen, zeigt die Studie. Die Generika-Umsätze in Russland sollen in den kommenden 12 Monaten im Schnitt um 5 Prozent wachsen, in Nordeuropa hoffen die Manager auf ein Umsatzplus von 4,4 Prozent.

Unterschiedlich ist auch die Wahrnehmung von Geschäftsrisiken. Mehr als 70 Prozent aller befragten Manager in traditionellen, forschenden Pharmaunternehmen sehen weitere Regulierung und Vorgaben für nationale Gesundheitssysteme als größtes Risiko in den kommenden zwölf Monaten. Ein Drittel sorgt sich um die Auswirkungen der Eurokrise.

Generikahersteller wollen Zuverlässigkeit der Versorgung erhöhen

Manager bei Generikaherstellern hingegen halten offenbar Lieferengpässe für möglich. Rund 71 Prozent von ihnen sieht eine unzureichende Versorgung mit Produkten als größtes Risiko der nächsten zwölf Monate, 43 Prozent sehen mögliche Gefahren durch Streitigkeiten mit wichtigen Lieferanten. Die gleiche Prozentzahl nennt aber auch die verschärfte Regulierung als Risiko für das kommende Jahr.

Gleichzeitig sehen die Generikaspezialisten im Aufbau gut funktionierender Lieferketten auch die größten Chancen: 71 Prozent von ihnen sehen die Zuverlässigkeit der Versorgung als wichtigsten Branchentrend für die nächsten zwölf Monate, mehr als die Hälfte hält eine flexiblere Lieferkette für entscheidend.

Traditionelle Pharmakonzerne hingegen setzen ihre Prioritäten anders: Für fast 70 Prozent aller befragten Konzernmanager stehen Produktinnovationen an oberster Stelle, gefolgt von mehr Flexibilität in der Lieferkette. Ein Drittel aller Manager in traditionellen Pharmakonzernen nannte die Forschungszusammenarbeit als einen der wichtigsten Branchentrends.

Erst ab 2015, meinen Branchenexperten, dürfte die forschenden Pharmakonzerne wieder zahlreiche neue Medikamente in petto haben. Die Arzeimittelriesen haben also zumindest in ihren Stammmärkten noch eine längere Durststrecke vor sich.

Eine Langversion der Studie können Sie hier kostenfrei bestellen .