Weltgrößte Industrieschau Merkel erwartet industrielle Revolution

Die Hannover Messe hat ihre Tore geöffnet. Kanzlerin Merkel blickt bei ihrer Eröffnungsrede zuversichtlich auf die Branche und spricht sogar von einer neuen industriellen Revolution. Partnerland ist dieses Jahr Russland, dessen Präsident sich von Merkel Kritik gefallen lassen muss.
Bundeskanzlerin Merkel mit Russlands Präsident Putin: "Für wirtschaftlichen Wohlstand ist eine offene Atmosphäre in einer möglichst pluralistischen Gesellschaft unerlässlich"

Bundeskanzlerin Merkel mit Russlands Präsident Putin: "Für wirtschaftlichen Wohlstand ist eine offene Atmosphäre in einer möglichst pluralistischen Gesellschaft unerlässlich"

Foto: ODD ANDERSEN/ AFP

Hannover - Die Industrie stehe durch das derzeitige Zusammenwachsen von Informationstechnik, Datenverarbeitung und industrieller Fertigung vor einem neuen Innovationssprung, der mit der Entwicklung der Dampfmaschine zu vergleichen sei, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnung der Hannover Messe gestern Abend. "Ich sehe in dieser Entwicklung eine Riesenchance für Deutschland als klassisches Industrieland, als Maschinenbauland."

Die neue Entwicklungsweise von Produkten, die von Maschinen mitgestaltet werde, verändere die Abläufe in der Industrie dramatisch und verändere auch Debatten etwa über den Kopierschutz, sagte Merkel. Damit könne der Vorsprung der USA wettgemacht werden, den das Land bei der Entwicklung der IT-Branche habe.

"Nachdem die Entwicklung des Internets sehr stark geprägt wird durch die Vereinigten Staaten von Amerika und den dortigen Firmen, haben wir in Deutschland und Europa jetzt wieder Chancen, in der integrierten Industrie, der "Industrie 4.0", eine deutliche Spur zu hinterlassen", sagte Merkel.

Merkel mahnt starke Zivilgesellschaft in Russland an

Merkel eröffnete die Messe gemeinsam mit Wladimir Putin, dem Präsidenten des diesjährigen Partnerlandes. In ihrer Eröffnungsrede sprach sie auch das jüngste russische Vorgehen gegen zivile Einrichtungen an, indem sie auf die Bedeutung einer offenen Gesellschaft hinwies. Damit überschatten die aktuellen Verstimmungen im deutsch-russischen Verhältnis die wirtschaftlichen Aspekte der weltgrößten Industrieschau.

Für wirtschaftlichen Wohlstand sei eine offene Atmosphäre in einer möglichst pluralistischen Gesellschaft unerlässlich, betonte Merkel. "Wir sind der Überzeugung, dies gelingt dann am besten, wenn es eine aktive Zivilgesellschaft gibt", sagte sie in der Stadthalle der niedersächsischen Landeshauptstadt.

In Russland hatten jüngst Razzien bei zivilen Einrichtungen auch deutsche Organisationen getroffen, darunter die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung. Hintergrund ist ein neues Gesetz, wonach sich Einrichtungen in Russland, die Geld aus dem Ausland erhalten, als "Agenten" registrieren lassen müssen.

Merkel hatte das Vorgehen der Behörden bereits vor der Messe-Eröffnung mit Putin am Telefon erörtert und weiteren Gesprächsbedarf für Hannover angekündigt. Putin wird seit längerem vorgeworfen, Menschenrechte zu verletzen und die weitere Entwicklung der Demokratie in seinem Land zu blockieren.

Putin geht nicht auf das Thema ein

Merkel betonte in ihrer Rede: "Wir müssen diese Diskussion intensivieren, unsere gegenseitigen Vorstellungen weiterentwickeln und auch den Nichtregierungsorganisationen, auch den vielen Vereinigungen, die wir aus Deutschland immer wieder als Innovationsmotoren kennen, in Russland eine gute Chance geben."

Putin selber ging auf das Thema in Hannover nicht ein. Er konzentrierte sich in seiner Rede ganz auf die Aspekte der Messe, die bei Merkel erst am Schluss in den Vordergrund traten. Putin versprach, sich für den konsequenten Ausbau der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen starkzumachen. "Die Welt- und Europawirtschaften bleiben leider sehr fragil", sagte er. Umso wichtiger sei eine Intensivierung des Austausches der beiden Länder.

"Ich bin zuversichtlich, dass Russland einen starken Impuls setzt für die Zusammenarbeit", meinte Putin mit Blick auf die Messe, wo Russlands Industrie mit 176 Ausstellern ihren bisher stärksten Auslandsauftritt organisiert. Schon im Vorfeld hatte Moskau für die Messe gewichtige Vertragsabschlüsse angekündigt.

Die bis zum Freitag laufende Messe macht diesmal die stark wachsende Vernetzung in der Produktion zu ihrem Hauptthema. Sie zählt mit gut 6500 Ausstellern so viele Teilnehmer wie seit zehn Jahren nicht mehr. Das Partnerland Russland, vor allem bekannt für seinen Rohstoffreichtum, organisiert in Hannover den bisher größten Auslandsauftritt seiner Industrie.

mg/dpa-afx
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.