Euopaweite Studie Industriegewicht Deutschlands wächst

Deutschland hat seine industrielle Wertschöpfung im vergangenen Jahrzehnt wie kaum ein anderes europäisches Land gestärkt. Das besagt eine IW-Studie, die zu Beginn der Hannover Messe präsentiert wurde. Für das diesjährige Gastland Russland gilt derzeit eher das Gegenteil.
Flaggen der Hannover Messe: 6500 Aussteller erwartet

Flaggen der Hannover Messe: 6500 Aussteller erwartet

Foto: dapd

Hannover - Die Bedeutung der Industrie ist in der EU laut einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im vergangenen Jahrzehnt nur in drei Ländern gewachsen: in Deutschland, Polen und den Niederlanden. Das zeige ein Vergleich über die Jahre 2000 bis 2011, berichtete der Direktor des Kölner IW, Michael Hüther, zum Beginn der Hannover Messe in der niedersächsischen Landehauptstadt.

Das IW habe in der Analyse den Anteil der Industriebranche an der gesamten Wertschöpfung untersucht. Hüther warnte vor wachsender De-Industrialisierung. Großbritannien habe als Beispiel gezeigt, wie schwierig es sei, längere globale Krisen zu überstehen ohne das starke Gewicht eines produzierenden Gewerbes.

EU-Industriekommissar Antonio Tajani bekräftigte in einer Videobotschaft das Ziel, bis zum Jahr 2020 den Industrieanteil an der EU-Wirtschaftsleistung auf ein Fünftel hochzuschrauben. Derzeit gingen nur etwa sechzehn Prozent auf ihr Konto. "Die Industrie soll dabei helfen, Europa wieder auf den Weg stetigen und beständigen Wachstums zu bringen", sagte Tajani.

Hüther und weitere Experten diskutierten in Hannover kurz vor der Eröffnung der weltgrößten Industrieschau, zu der am Abend Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Russlands Präsident Wladimir Putin kommen sollten.

6500 Aussteller aus 62 Ländern

Die Bundeskanzlerin und der russische Präsident werden die größte Industrieschau der Welt offiziell eröffnen. Diesmal sind mit gut 6500 Ausstellern aus 62 Ländern so viele Teilnehmer dabei wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Die Messe hat diesmal die Vernetzung der Industrie im Fokus und zeigt, wie sich die moderne Produktion über das Internet und Firmennetzwerke zunehmend eigenständig organisiert. Bei dem Leitmotto "Integrated Industry" wird auch von der Industrie 4.0 gesprochen, was die vierte industrielle Revolution kennzeichnet - nach dem Schub der Dampfmaschine, dem Weg zur Massenproduktion und der Automatisierung einstiger Handarbeit. "Wir sehen, dass wir an einem ganz wichtigen Punkt der Weiterentwicklung sind", sagt Messe-Vorstand Jochen Köckler.

Russland ist das aktuelle Partnerland und zeigt in Niedersachsen den bisher größten Auslandsauftritt seiner Wirtschaft. Putins Besuch sorgte allerdings bereits im Vorfeld für Verstimmungen. Kritiker werfen ihm Demokratieblockade vor und kündigten Proteste an. So müssen etwa aus Deutschland finanzierte Stiftungen und zivile Einrichtungen zuletzt Razzien über sich ergehen lassen - genauso wie russische Nichtregierungsorganisationen, die sich neuerdings als "ausländische Agenten" registrieren lassen müssen, falls sie aus dem Ausland Geld erhalten.

Russlands Industrieproduktion droht zu sinken

Ausländische Agenten, Razzien, Freund oder Feind? Das alles klingt wie Rhetorik aus dem Kalten Krieg und belastet das Treffen zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem Kremlchef zur Eröffnung der weltgrößten Industrieschau. So erörterten Merkel und Putin schon im Vorfeld die Verstimmungen am Telefon und die Kanzlerin ließ erklären, dass es weiteren Gesprächsbedarf gebe.

Weit weg scheint die Zeit, in der die Männerfreundschaft zwischen Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und Putin das Bild der politischen Beziehungen prägte. Dabei wäre eine engere Zusammenarbeit der Staaten wichtiger denn je. Die Hannover Messe wirft ein Schlaglicht darauf.

Das Messe-Partnerland Russland besitzt Öl und Gas - viel mehr hat die Rohstoffmacht derzeit aber international kaum zu bieten. "In der russischen Industrie gibt es keinen Anreiz für Wachstum", meinen Wirtschaftsexperten in Moskau. Der Trend weise eindeutig nach unten, sagte Analyst Igor Nikolajew der Zeitung "Nesawissimaja Gaseta". Er fürchtet, dass das Bruttoinlandsprodukt 2013 um bis zu 2 Prozent und die Industrieproduktion sogar um 4,2 Prozent sinken könnte.

Inflation bereitet Kopfzerbrechen

Kopfzerbrechen bereiten die hohe Inflation - über 7 Prozent im Jahr - und der immense Kapitalabfluss. Allein im ersten Quartal 2013 wurden nach Schätzung der Zentralbank bis zu 25,8 Milliarden US-Dollar (gut 20 Milliarden Euro) abgezogen. Auch deshalb erhofft sich das größte Flächenland der Erde von der Messe notwendige Investitionen.

Die Industrieproduktion müsse dringend modernisiert werden, sagt Jens Böhlmann von der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) in Moskau. "Das erhöht auch die Konkurrenzfähigkeit." Das Zauberwort heißt "Diversifizierung", das auch die russische Regierung immer wieder anmahnt. Noch kann Putin seine sozialen Versprechen mit den Einnahmen aus dem lukrativen Öl- und Gasgeschäft finanzieren. Doch Experten warnen: Sollte der Ölpreis unter 80 US-Dollar (rund 62 Euro) pro Barrel (je 159 Liter) sinken, drohen schmerzhafte Einschnitte.

"Nötig sind eigentlich Investitionen in alle Bereiche", meint Böhlmann. "Definitiv notwendig ist produzierendes Gewerbe - daran mangelt es ganz erheblich." Zunächst aber müssten die Grundlagen geschaffen werden - Verkehr, Abwasser und Telekommunikation.

Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland boomen

Immer wieder beklagen Investoren Vetternwirtschaft, Korruption, Justizwillkür und enorme Bürokratie. Nach wie vor hemmt in vielen Großbetrieben die stark sowjetisch geprägte Struktur. Auch deshalb sind viele einheimische Produkte teurer als westliche Importware. Trotz des russischen Beitritts zur Welthandelsorganisation WHO schimpfen Unternehmer über anhaltenden Protektionismus.

Aber die Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland, dem wichtigsten Abnehmer für russisches Gas, boomen. Deutsche Unternehmen stellen die stärkste ausländische Gruppe und sind fast überall im Riesenreich vertreten. Großkonzerne wie Siemens , der Schnellzüge auch für die Olympischen Winterspiele 2014 baut, oder Lufthansa  mischen mit. Deutsche Autobauer jubeln über einen Markt mit zweistelligem Zuwachs.

80,5 Milliarden Euro schwer war der bilaterale Außenhandel 2012, knapp 7 Prozent mehr als im Vorjahr. Russland steckte 8 Milliarden Euro in den deutschen Markt, andersherum flossen 28 Milliarden Euro. "Das ist nicht wenig", sagte Russlands Botschafter Wladimir Grinin vor der Messe, sei aber ausbaufähig. Russlands Mittelstand müsse wachsen.

Für dieses Ziel wäre der Partner Deutschland ein Vorbild. Doch zunächst haben Merkel und Putin ein Thema aus dem Weg zu räumen. Die Kanzlerin sollen vor allem die Razzien gegen politische Stiftungen verärgert haben. "Das trägt sicherlich nicht zu einem verbesserten Vertrauen bei", heißt es aus deutschen Wirtschaftskreisen in Moskau.

krk/dpa
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