Patentstreit Pharmabranche denkt in Schwellenländern um

Die Niederlage von Novartis beim Patentstreit in Indien setzt die Branche unter Zugzwang. Experte Stephan Danner erklärt, mit welchen Strategien Pharmakonzerne künftig solche Schlappen vermeiden wollen - und wie die Branche auf sinkende Umsätze in Industrieländern reagiert.
Für Entwicklungsländer sind die Preise der Pharmariesen oft zu hoch - nun prüft die Branche neue Vermarktungsstrategien

Für Entwicklungsländer sind die Preise der Pharmariesen oft zu hoch - nun prüft die Branche neue Vermarktungsstrategien

Foto: Corbis

mm: Herr Danner, Novartis hat den siebenjährigen Rechtsstreit um sein Krebsmittel Glivec in Indien in letzter Instanz verloren. Patientenanwälte freuen sich, weil in Indien die Versorgung mit billigen Generika des Krebsmedikaments gewährleistet bleibt. Haben sie recht?

Danner: Aus Perspektive der Anwälte kann ich die Reaktion verstehen. Doch aus Sicht der Pharmabranche ist das Urteil ein Aushöhlen des Patentschutzes. Unternehmen wie Novartis  kalkulieren ihre Produkte und die notwendigen Investitionen in Forschung und Entwicklung so, dass der Patentschutz gesichert ist. Allerdings kam das Urteil in Indien nicht überraschend. Denn auch die Pharmakonzerne Bayer  und Roche  waren von ähnlichen Entscheidungen betroffen. Jeder große Pharmakonzern, der in Indien aktiv ist, muss mit solchen Eingriffen rechnen.

mm: Welche Konsequenzen zieht die Pharmaindustrie aus solchen Urteilen?

Danner: Die Pharmaindustrie überlegt im Moment, welche Art des Marktzugangs sie in Schwellenländern wählen können. Eine Möglichkeit sind vermehrte Partnerschaften mit lokalen Anbietern in Form von Herstellungskooperationen. Eine weitere ist der Aufbau und Vertrieb von Zweitmarken, die innovative Produkte speziell für Schwellenmärkte vertreiben. Große Pharmaunternehmen können so Medikamente zu anderen Konditionen anbieten und vermeiden den Eingriff durch Regierungen.

mm: Kann diese Strategie der unterschiedlichen Marken für dasselbe Präparat überhaupt funktionieren?

Danner: Ja, wenn es die Hersteller schaffen, für Märkte wie Indien die zweite Marke erfolgreich zu etablieren. Dabei kommt oft lokalen Partnern eine entscheidende Rolle zu. Eine weitere Strategie ist die aktivere Einbeziehung der lokalen Gesundheitsbehörden und Regierungen. Das kann im Rahmen von strategischen Partnerschaften und Kooperationen geschehen, die beim Aufbau der lokalen Gesundheitssysteme mitarbeiten. Ein Beispiel dafür sind etwa die gemeinsame Entwicklung und Umsetzung nationaler Diabetespläne.

mm: Indien ist bereits heute der größte Pillenexporteur. Werden deutsche Leukämiepatienten nun billige, indische Glivec-Generika in den Apotheken kaufen können?

Danner: Im deutschen Markt gilt immer noch der Patentschutz für Glivec. Deshalb wird vorerst es keinen massiven Medikamentenexport aus Indien geben. Doch 2016, wenn das Glivec-Patent weltweit ausläuft, können indische Generikahersteller auch den deutschen Markt bedienen.Dann wird dieses Segment ohnedies ein Generikamarkt werden. Viele der großen Pharmakonzerne haben aber längst eigene Geschäftsbereiche für Generika. Diese Unternehmen arbeiten bereits daran, für ihre Produkte sofort entsprechende Generikaversionen anzubieten, um weiterhin am jeweiligen Markt beteiligt zu sein - und die werden wir natürlich alle auf dem deutschen Markt sehen.

mm: Nicht nur in Indien, auch in Europa und den USA geraten die Pharmahersteller unter Druck. Krankenkassen fördern den Einsatz von Generika, damit geraten die Renditen der großen Pharmaunternehmen unter Druck. Wie stark verändert das die Branche?

Danner: Die großen Pharmakonzerne haben in den letzten Jahren bereits ihre internen Kostenstrukuren optimiert. Gleichzeitig haben sie ihr eigenes Geschäftsmodell hinterfragt. Bis vor wenigen Jahren gab es den Trend, nur noch innovative Pharmazeutika herzustellen, die für entsprechend hohe Margen sorgen. Doch die Patente für diese Blockbuster-Medikamente, mit denen die Unternehmen je Präparat zweistellige Milliardenbeträge umsetzen konnten, laufen aus. Was nachkommt, wird aber nicht mehr für so hohe Umsätze pro Medikament sorgen.

"Profitabilität der Branche wird weiter unter Druck geraten"

mm: Wie bauen die Unternehmen diesem drohenden Umsatzschwund vor?

Danner: Viele Unternehmen haben sich breiter aufgestellt. Sie haben etwa in Aufbau von Generikasparten, freiverkäuflichen Arzneimitteln oder auch gesundheitsnahe Konsumgüter und Dienstleistungen investiert. So wollen sie einerseits das Risiko minimieren und sich andererseits gegenüber Regierungen und Kassen als ganzheitlicher Gesundheitspartner positionieren. Was das für die Renditen bedeutet werden die nächsten Jahre zeigen.

mm: Das klingt nicht gerade nach guten Zeiten für die Branche.

Danner: Die Profitabilität der Pharmaindustrie wird weiter unter Druck geraten. Beispielsweise war Europa für die Pharmaindustrie jahrelang ein Wachstumsmarkt mit stabilen Profiten. Doch mittlerweile sinken die Umsätze in Europa, gleichzeitig gibt es einen massiven Preisdruck. Deshalb restrukturiert sich die Branche auch in Europa seit einigen Jahren. Viele Pharmakonzerne haben den Außendienst deutlich verkleinert und die Verwaltung abgebaut. Auch die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, einst die heilige Kuh der Unternehmen, wurden zuletzt teilweise verkleinert. Damit will man letztlich auch den weiteren Aufbau von Strukturen in den Schwellenmärkten finanzieren.

mm: Bremst das die Innovationskraft der Pharmakonzerne?

Danner: Die Innovationen werden auch in Zukunft die Priorität der Industrie bleiben, sonst wäre die Industrie tot. Wir werden auch in den nächsten Jahren hochinnovative Medikamente von den großen Pharmakonzernen sehen. Allerdings muss jedes Pharmaunternehmen nun darlegen, dass neue Medikamente nicht nur effektiver, sondern auch kosteneffizienter als existierende Therapien ist. Ansonsten gibt es keine den Erwartungen der Industrie entsprechende Erstattung durch die Krankenkassen. Das erschwert den Marktzugang.

mm: Um ihre Aktionäre bei der Stange zu halten, müssen die Pharmakonzerne aber wachsen. Wie kann ihnen das in den nächsten fünf bis zehn Jahren gelingen?

Danner: Die Pharmaindustrie muss auf Schwellenländer setzen, um in den nächsten Jahren zu wachsen. Auch wenn der Vergleich ein wenig hinkt: Wo würde die deutsche Automobilbranche heute ohne den Boom in China und anderen Schwellenländern stehen? Die Pharmabranche muss es schaffen, diese Märkte in ihre Wachstumsstrategien besser zu integrieren. Dabei sollten sie weniger als "klassische" Schwellenländer, sondern vielmehr als zentrale Märkte für Wachstum und Profitabilität erkannt werden. Mit eigenen Marktzugangsstrategien und Preismodellen kann sie die Wachstumsstory der letzten Jahre wiederholen. Deshalb steht das Thema Schwellenländer bei allen großen Pharmakonzernen weit oben auf der Prioritätenliste.

mm: Und wie hoch ist die Chance, dass sie dabei wie in Indien Schiffbruch erleiden?

Danner: Die Pharmabranche kann Indien alleine wegen der schieren Größe des Marktes nicht links liegen lassen. Doch der indische Markt ist ein Sonderfall. Er ist nicht durch große, internationale Pharmaunternehmen geprägt, sondern von kleinen lokalen Playern, die aktiv von der Regierung unterstützt werden. Bei den großen Hoffnungsmärkten China, Brasilien oder Russland ist das anders. Doch auch in diesen Märkten ist es nicht mit einer Kopie des traditionellen Marketing- und Vertriebsmodells getan. Der nächste Kontinent, für den die Pharmaindustrie einen Marktzugang finden muss, ist Afrika. Auch dort lassen sich hohe Preise im Gesundheitsbereich nicht durchsetzen. Da muss die Branche über ganz neue Ansätze nachdenken.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.