Donnerstag, 19. September 2019

SMS-Chef Weiss "Die Euro-Krise wird nur verschleppt statt gelöst"

Zweistrang-Brammengießanlage der Düsseldorfer SMS Group: Der aktuelle Abschwung im Maschinen- und Anlagenbau gibt Anlass zur Sorge

2. Teil: "Wir müssen an der Spitze unserer Branche bleiben"

mm: Wie verteidigen Sie die Quelle Ihres eigenen Wohlstandes, Ihr Unternehmen?

Weiss: Indem wir bei SMS drei Dinge tun: Als Anlagenbauer müssen wir an der Spitze unserer Branche bleiben. Weiterhin müssen wir die konservative Finanzpolitik beibehalten, damit wir in einer längeren Krise auch einmal von den Reserven leben können.

mm: Und drittens?

Weiss: Drittens stellen wir uns auf Inflation ein. Von unserer recht hohen Liquidität betrachten wir die Hälfte als geschäftsbedingt durchlaufenden Posten, aber die andere als nicht entnommenen Gewinn der Gesellschafter. Diesen Teil unserer freien Liquidität investieren wir in industrielle Substanz. Wir haben gerade für einen erheblichen Betrag die Beteiligung am Hochofenbauer Paul Wurth gekauft. Alle Inflationszeiten haben gezeigt, dass diejenigen, die ihr Geld in Substanz investiert hatten, in gut geführte Firmen etwa, geringere Verluste hatten als andere.

mm: Sie bereiten also Ihr Unternehmen schon auf eine Inflation vor, indem Sie versuchen, die Hälfte des SMS-Liquiditätspolsters von gut zwei Milliarden Euro in Sachwerte zu investieren?

Weiss: Ich habe bewusst bereits vor zwei Jahren die Losung ausgegeben, dass wir nun verstärkt nach Firmen Ausschau halten wollen, an denen wir uns beteiligen können. Die müssen natürlich strategisch zu uns passen, aber die Sorge vor Inflation kommt als zusätzliches Motiv hinzu.

mm: Unternehmenslenker wie Klaus Engel von Evonik oder Wolfgang Reitzle von Linde Börsen-Chart zeigen sagen, es sei noch nie schwerer gewesen, Industriekonzerne zu leiten, weil die Volatilität enorm zugenommen hat. Sehen Sie das ähnlich?

Weiss: Wir haben heute eine Weltkonjunktur. Alle Regionen hängen wirtschaftlich sehr eng zusammen, deshalb geht es heute auf der ganzen Welt in etwa gleich gut oder gleich schlecht.

mm: Sie bedauern die Globalisierung?

Weiss: Natürlich nicht, aber für ein Unternehmen wie SMS bedeutet sie, dass wir keine geographische Risikostreuung mehr haben. Als ich Anfang der 70er Jahre anfing, war unser Produktportfolio - Walzwerke und Gießanlagen für die Stahlindustrie - eigentlich zu eng. Wir hingen vollständig von der Stahlkonjunktur ab, das war riskant. Aber wir hatten die geographische Risikostreuung: Erst investierten in den 70er-Jahren Lateinamerika und Osteuropa in ihre Stahlwerke, dann kamen Anfang der 80er Jahre China und die Sowjetunion, danach Nordamerika. Irgendwo gingen die Geschäfte immer gut, das gilt heute leider nicht mehr.

mm: Welche Erwartungen haben Sie bei der SMS für die kommenden zwölf Monate?

Weiss: Aktuell sind wir teilweise noch überlastet und arbeiten mit Überstunden. Ab Frühjahr 2013 wird die Auslastung nach heutigem Auftragseingang aber sinken. Wir bereiten bereits unsere Betriebsräte darauf vor, dass wir im nächsten Jahr vielleicht Kurzarbeit anmelden müssen.

mm: Wie entwickelt sich der Auftragsbestand der SMS?

Weiss: Wir hatten für 2012 mit Auftragseingängen von 3,3 bis 3,4 Milliarden Euro geplant. Das haben wir nun zurück genommen auf drei Milliarden Euro, also so viel wie im vergangenen Jahr. Aber 2011 war kein besonders starkes Jahr. Die SMS Group braucht einen Auftragseingang von 3,5 bis 4 Milliarden Euro pro Jahr zur Vollbeschäftigung. Mit unserer neuen Beteiligung Paul Wurth kommen noch einmal 500 Millionen Euro Auftragsvolumen dazu. Wir liegen also jetzt an der unteren Grenze.

mm: Und welches Auftragsvolumen erwarten Sie für 2013?

Weiss: Einen genauen Ausblick kann ich noch nicht geben, dafür ist die Lage zu unsicher. Aber für 2013 sind wir pessimistisch, weil sich viele große Projekte verschieben.

mm: Sie haben bereits vor drei Jahren dafür plädiert, die Universalbanken aufzuspalten. Nun wird das wieder sehr intensiv diskutiert - etwa von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Fühlen Sie sich bestätigt?

Weiss: Ich bin absolut der Meinung, dass wir ein Trennbankensystem einführen sollten. Für die Großbanken könnte das ein Holdingmodell sein, in das ein Sperrriegel eingebaut wird, damit Verluste der Investmentbank nicht die Geschäftsbank oder den Steuerzahler belasten können. Investmentbanken sind ja zum großen Teil Spielbanken, und diese werden auch staatlich streng kontrolliert.

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