Geplatzte EADS/BAE-Fusion Wie Tom Enders an seinem Meisterstück scheiterte

Jahrelang hatte Tom Enders auf eine Fusion zwischen EADS und BAE hingearbeitet. Jetzt ist sein großer Plan gescheitert. Am Ende unterlag die industrielle Logik des EADS-Chefs dem politischen Kalkül aus Berlin und Paris.
Von Kristian Klooß
Modell eines möglichen Fliegers in der Zukunft: BAE Systems entwickelt allleine weiter, Fusion mit EADS gescheitert

Modell eines möglichen Fliegers in der Zukunft: BAE Systems entwickelt allleine weiter, Fusion mit EADS gescheitert

Foto: AP/ BAE Systems/ MoD

Hamburg - Tom Enders ist gescheitert. Dabei hat er nichts wirklich falsch gemacht. Im Gegenteil: Der 53-Jährige war geradezu prädestiniert, die Fusion von EADS  und BAE Systems  auf den Weg zu bringen. Es wäre das Meisterstück seiner Karriere gewesen. Einer Karriere, wie an einer Kompassnadel orientiert fast zwangsläufig auf die nun gescheiterte Fusion hinauslief. Wobei dies sogar schon für jene Zeit gilt, in der Enders sein gesellschafts- und weltpolitisches Koordinatensystem erst entwickelte.

So diente er sich Ende der 70er Jahre als Fallschirmjäger bis hin zum Major der Reserve hoch. Der Spitzname "Major Tom" stammt aus dieser Zeit, und er blieb Programm. In den 80er Jahren verfasste Enders als Referent im Bundestag zahlreiche militärpolitische Abhandlungen. Darunter Schriften wie "Raketenabwehr als Teil einer erweiterten NATO-Luftverteidigung", "Schlüssel zum Frieden: Sicherheitspolitik in einer neuen Zeit" oder seine Dissertation: "Die SPD und die äußere Sicherheit".

Politisch gestählt, wechselte er in den 90er Jahren in den wohl politischsten aller Industriezweige - die Luftfahrt- und Rüstungsbranche. Enders, selbst Hubschrauberpilot, begann beim Luft- und Raumfahrtkonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm, kurz MBB. Dort erlebte er bald den Zusammenschluss der Daimler-Tochter mit anderen Luftfahrt- und Militärunternehmen wie MTU, Dornier und der Telefunken Systemtechnik zur Dasa.

Der erste Versuch

An den Fusionsverhandlungen, die zur Jahrtausnedwende zur Gründung des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS führten, war er schließlich selbst maßgeblich beteiligt.

Wobei vor allem eine Episode bemerkenswert ist: Noch bevor sich Deutsche und Franzosen zusammentaten, hatte der damalige Dasa-Chef Manfred Bischoff ein Bündnis zwischen Dasa und British Aerospace erwogen. Ausloten sollte dieses eine seiner aufstrebenden Führungskrägfte: Tom Enders. Zwar zeigten die Briten anfangs Interesse. Letztlich scheiterte der Deal aber. British Aerospace entschied sich 1998 dafür, mit der Rüstungssparte des einheimischen Unternehmens GEC-Marconi zu BAE Systems zu fusionieren. Strategiechef von GEC-Marconi war damals im Übrigen Ian King. Der 55-Jährige ist heute Chef von BAE.

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass sich die Wege von Enders und King kreuzten. So stieg Enders kurz nach der Jahrtausendwende zum Leiter der EADS-Konzernsparte "Verteidigung und Zivile Systeme" auf. Nicht ohne sich schon damals in der Süddeutschen Zeitung über die "rüstungspolitische Kleinstaaterei" zu beklagen.

Dies zu ändern, machte er sich fortan zur Aufgabe. Oft mit dabei: BAE. So legte Enders das Geschäft mit Lenkflugkörpern mit den entsprechenden Sparten der Briten zusammen. Und er kaufte gemeinsam mit ThyssenKrupp  den Marineausrüster Atlas Elektronik, ebenfalls von BAE Systems.

Zweiter Anlauf nach 14 Jahren

Zwar schrieb seine Sparte 2005 erstmals Gewinn. Zufrieden war Enders indes nicht. Denn im weltweiten Vergleich blieb die europäische Rüstungsbranche unwirtschaftlich und zersplittert. Vor allem die Abhängigkeit von EADS  von Frankreich und Deutschland und die Vernachlässigung des bedeutsamen US-Marktes missfiel ihm. Kurzum, dort wo BAE  schon damals war, wollte der heutige EADS-Chef schon damals hin.

An dieser Vision hielt Enders auch während seiner Zeit als Chef der wichtigsten Konzerntochter Airbus fest. Denn die Pläne, ab Sommer 2013 ein Werk für den A320 im US-Südstaat Alabama zu bauen, gehen maßgeblich auf ihn zurück. Die Pläne zu verkünden, blieb indes dem neuen Airbus-Chef Fabrice Brégier vorbehalten.

Der Grund: Enders hatte vier Wochen zuvor das Büro des EADS-Konzernchefs bezogen - und längst größere Pläne auf dem Schreibtisch. Von denen erfuhr die Öffentlichkeit allerdings zunächst noch nichts. Erst im Nachhinein ergibt Sinn, mit welchen Botschaften der neue EADS-Chef bald versuchte, den großen Coup vorzubereiten, den er Wochen später öffentlich verkünden wollte.

So räumte er zunächst bei der in Unterschleißheim bei München ansässigen EADS-Tochter Cassidian auf, in der inzwischen ein Großteil des Rüstungsgeschäfts des Konzerns gebündelt ist. Dem Geschäft mit Eurofightern, Drohnen und Radartechnik verordnete er ein Sparprogramm, das 600 Mitarbeitern den Arbeitsplatz kosten wird. Außerdem musste der langjährige Cassidian-Chef Stefan Zoller die Unternehmensführung an den bislang für das operative Geschäft zuständigen Berhard Gerwert abgeben.

Monaten lang Strippen gezogen

Doch damit nicht genug. An die Bundesregierung gerichtet, drohte Enders indirekt gar mit einem Ausstieg aus dem Militärgeschäft. "Da geht es darum, ob man und wie man Kapazitäten anpasst, ob man überhaupt in dem Geschäft bleibt, ob man stärker vom Militärischen ins Zivile geht", sagte er Anfang September. Offizieller Anlass waren die "zähen" Verhandlungen um die vor einem Jahr vom Verteidigungsminister Thomas de Maizière verkündeten Auftragskürzungen der Bundeswehr bei Eurofightern und Militärhubschraubern.

Kurzum, die Schwierigkeiten der Tochter Cassidian sollten die Saat bilden für das, was nur Tage später, Mitte September, in die Öffentlichkeit drang: die Fusionspläne von EADS und BAE.

Zu diesem Zeitpunkt waren indes schon drei Monate lang Strippen zwischen EADS und BAE, zwischen London, Paris und Berlin gezogen worden, hatten die einstigen Rivalen Enders und King längst die Modalitäten einer Fusion unter sich ausgemacht. Nun galt es, auch die anderen Stakeholder von Enders Masterplan zu überzeugen.

So warben er und King nicht nur bei ihren Mitarbeitern für die "einzigartige Chance" eines Zusammenschlusses. Sie ließen auch kaum eine Gelegenheit aus, um öffentlich für ihr Ansinnen zu trommeln. So etwa in einem gemeinsam verfassten Text mit dem Titel "Alle würden profitieren" in der Süddeutschen Zeitung.

Wandelanleihen für Daimler, Arbeitsplätze für Deutschland

In ihrem SZ-Artikel fassten die zwei Manager die Vorteile einer Fusion aus ihrer Sicht zusammen: erstens: Unabhängigkeit von den zyklischen Veränderungen der zivilen Luftfahrt und der Verteidigungsmärkte, zweitens: Bündelung der Ausgaben für Forschung und Entwicklung, drittens: komplementäre Märkte. "Das wird sich langfristig positiv auf die Beschäftigungslage und das Finanzergebnis auswirken", schrieben die beiden Konzernchefs.

Schon schwieriger war es für die fusionswilligen Konzernchefs, sich die Gunst der privaten Großaktionäre zu sichern.

Wobei der Autokonzern Daimler, der sich seit längerem von seinen alten Anteilen am Luftfahrt- und Rüstungskonzern trennen will, den Lockrufen Enders' zumindest nicht widersprach. Zumal Enders für Daimler unter anderem den Vorschlag für eine Wandelanleihe im Gepäck hatte. Die Idee: EADS nimmt seinem Großaktionär die Hälfte von dessen 15-Prozent-Beteiligung ab und platziert diesen im Falle einer Fusion an der Börse. Im Falle einer gescheiterten Fusion wäre die 7,5-Prozent-Beteiligung an die Staatsbank KfW weitergereicht worden. Für Daimler  in beiden Fällen ein interessantes Geschäft.

Eine härtere Nuss schien im Vergleich dazu schon das Werben um den mit 7,5 Prozent am Konzern beteiligten französische Medienmogul und EADS-Verwaltungsratschef Arnaud Lagardère zu sein. Denn dieser ließ unter anderem mitteilen, dass der Plan von Enders und King "noch nicht bewiesen habe, dass er wert für EADS schaffe". Dass Lagardère die Fusion auch gegen den Willen der französischen Regierung zum Scheitern gebracht hätte, gilt indes als wenig wahrscheinlich. Zumal er laut "Le Monde" mit rund 400 Millionen Euro verschuldet ist, ihm ein Anteilsverkauf also zupass käme.

Störrische Briten

Die größten Sorgen in Bezug auf die privaten Großaktionäre mussten sich Enders und King daher wohl eher um den größten britischen Aktionär machen: Invesco Perpetual. Die im englischen Oxfordshire ansässige Investmentgesellschaft hält gut 13 Prozent der BAE-Aktien. Und sie hatte sich schon in der vergangenen Woche gegen die geplante Fusion mit der Airbus-Mutter EADS gestellt.

Der geplante Weiterbestand beider Firmenteile nach einer Fusion erschwere Einsparungen. Darüber hinaus zeigte sich Invesco Perpetual unzufrieden mit den geplanten Bedingungen für die BAE-Aktionäre - die in einem fusionierten Konzern mit einer niedrigeren Dividendenrendite rechnen müssten als bislang. Das wichtigste Argument des britischen Großaktionärs gegen die Fusion waren indes die diskutierten Staatsbeteiligungen. Diese würde die herausragende Stellung von BAE auf dem amerikanischen Markt gefährden.

Doch ausgerechnet dieses Problem konnten weder Tom Enders noch Ian King aus eigener Kraft lösen. So half es nichts, dass vor allem EADS-Chef Enders mehrfach kundtat, wie wenig er von einer Staatsbeteiligung am neuen Konzerngeflecht hielt. Um im sensiblen Rüstungsgeschäft nicht alle Macht den Marktkräften zu überlassen, sollten sich London, Paris und Berlin stattdessen mit je einer "goldenen Aktie" zufrieden geben. Diese sollte es den Regierungen ermöglichen, ein Veto gegen unerbetene Übernahmen einzulegen. Mehr nicht.

Gut 11 Milliarden Euro in der Kriegskasse

Dass ein solches Angebot kaum reichen würde, war Enders klar. Weshalb er nicht nur just vor Bekanntwerden der Übernahmeverhandlungen die Lage bei Cassidian dramatisierte, sondern auch die Sicherheit von Arbeitsplätzen mit der Übernahme verknüpfte - verpackt in die Zusage, im Falle einer Fusion "über attraktive Arbeitsplatz- und Standortgarantien zu sprechen".

Paris und Berlin indes fassten solche Vorschläge mehr als Drohung denn als Zugeständnis auf. Überdies setzten sie eigene Themen auf die Agenda. So sorgte die deutsche Seite mit der Forderung für Spannungen, den Sitz des fusionierten Konzerns nach Bayern zu verlegen. Die Franzosen indes torpedierten die Gespräche, indem sie nicht nur "goldene Aktien" ausschlugen, sondern auch deren mögliche Alternative: eine langfristige Begrenzung der Staatsbeteiligung am neuen Konzern auf 9 Prozent.

Am Ende dieses Geschachers stand nicht das Meisterstück des Tom Enders, sondern die größte Niederlage des 53-Jährigen.

Doch selbst für diese hat Enders zumindest vorgebäugt. So ließ er sich gemeinsam mit BAE-Boss King von der Financial Times Deutschland mit der Aussage zitieren ließ, die Chancen der Fusion lägen bei 50 zu 50. Und das zu einem Zeitpunkt, als andere ranghohe EADS-Manager nach Informationen von manager magazin online noch von einer 90-prozentigen Erfolgswahrscheinlichkeit ausgingen.

Da ist einiges in der Planung

Den Fall des Scheiterns planten Enders und King im Übrigen auch in ihrem gemeinsamen Artikel in der Süddeutschen Zeitung mit ein. Am Ende der Verhandlungen stünden, unabhängig von deren Ausgang, "zwei starke Unternehmen mit klar definierten Strategien, die in den vergangenen fünf Jahren unabhängig voneinander erfolgreich waren und dies auch in Zukunft sein würden", heißt es dort.

Auf dem Papier steht indes mit BAE  ein Konzern, der in den vergangenen zwei Jahren weltweit rund 15.000 Mitarbeiter abgebaut und zuletzt Umsatz und Gewinn eingebüßt hat. Und mit EADS  ein Unternehmen, das in der Rüstungssparte ebenfalls Stellen kürzt und darüber hinaus Probleme hat, in bedeutsamen Märkten wie den USA oder Indien Fuß zu fassen.

Nicht zuletzt ist für EADS-Chef Enders mit der gescheiterten Fusion einerseits die Chance verstrichen, die für 2020 angestrebten Wachstumsziele per Unterschrift unter einen Fusionsvertrag zu erreichen. Und damit andererseits auch seine Chance, als geistiger Vater und erster Chef des größten Luftfahrt- und Rüstungskonzerns der Welt in die Geschichtsbücher einzugehen, der einen Umsatz von rund 72 Milliarden Euro verbucht und weltweit gut 220.000 MIitarbeiter beschäftigt hätte.

Was dem EADS-Chef allerdings bleibt, sind rund 133.000 Mitarbeiter und knapp 50 Milliarden Euro Umsatz. Dazu Barreserven von derzeit gut 11 Milliarden Euro. Ausgestattet mit diesem Cash-Polster hat Enders nun voraussichtlich noch viereinhalb Jahre Zeit, ein zweites, besseres Meisterstück zu schmieden.