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Foto: The Crystal

Siemens In der Kammer des Schreckens

Als glitzerndes Kristall bezeichnet Siemens sein futuristisches Gebäude in den Docks von London. Der Konzern will so Identität stiften für den neuen Sektor Infrastruktur und Städte. Doch dessen Bilanz glänzt eher wenig - und die Aussicht auf ein Leben in Megacities lässt manchen erschauern.
Von Cornelia Knust

London - Wer vom Flughafen London Heathrow zum Siemens-"Crystal" im ehemaligen Londoner Werftenviertel will, braucht mit der U-Bahn anderthalb Stunden, also ungefähr so lange wie der Flug von München nach London gedauert hat.

Zwei U-Bahn-Linien und eine Tram, drei Umsteigebahnhöfe mit endlosen Treppen, Gängen und Unterführungen sind zu überwinden, eng sind die Züge, schlecht die Luft, groß die Abstände zwischen Zug und Bahnsteig: "mind the gap" tönt es aus allen Lautsprechern. Die Alternative ist ein Taxi zum Fahrpreis von mindestens 100 britischen Pfund, das im Zweifel im Stau steht.

Aber im Vergleich zu vielen "Megacities" dieser Welt ist das vermutlich noch eine auf bestechende Weise funktionierende Infrastruktur.

Wie groß die Probleme in diesen ungehemmt wachsenden Agglomerationen sind oder noch werden, macht Siemens in dem 2000 Quadratmeter großen Neubau unweit des Bankenviertels in London seit heute klar. Ein interaktives Museum mit drastischen Film- und Lärmprojektionen und einem Gewehrfeuer an Horrorzahlen zu Bevölkerungswachstum, Klimawandel und Verstädterung lassen erschauern über die Aussicht auf eine Welt, in der unsere Kinder einmal leben müssen: Eine Mischung aus Kammer des Schreckens und Technik, die begeistert.

Büros für 30 Experten

Siemens findet Verstädterung gut, weil sie das Wirtschaftswachstum beflügelt, wie Vorstandsmitglied Roland Busch in der Eröffnungspressekonferenz des Gebäudes sagt. Und außerdem hat der Konzern die passenden Technologien parat, um die Probleme wenigstens ansatzweise zu lösen. Rund 30 Experten sollen in dieser Zukunftswerkstatt "Crystal" arbeiten, Kunden für öffentliche Infrastruktur aus aller Welt empfangen und ihnen Lösungen vorführen, die man schon anderswo verwirklicht hat. 60 Siemens-Account Manager, die die Entscheider in den vielversprechendsten Städten der Welt bearbeiten, sollen von hier gesteuert werden. Aber auch die breite Öffentlichkeit hat Zutritt und darf spielerisch erfahren, wie schwer es ist, eine große Stadt vor dem Kollaps zu bewahren.

Zur feierlichen Eröffnung kommt am Abend sogar der Bürgermeister von London, Boris Johnson, den der Siemens-Sektor zu seinen fünf wichtigsten Kunden zählt. Der hiesige Account Manager gilt als besonders umtriebig. Aber auch Löscher kann offenbar gut mit dem "Mayor" Johnson. Der wollte im früheren Scherbenviertel im Osten der Stadt "grüne Industrien" ansiedeln. Den Nukleus dafür sollte Siemens mit dem Crystal liefern, errichtet für 35 Millionen Euro und auf gepachtetem Grund.

Für Siemens sollte der vor knapp einem Jahr gegründete Sektor Nukleus für eine Wachstumsstory sein. Auf 300 Milliarden Euro beziffert der zuständige Vorstand Busch gerne den Markt für das Geschäft mit den Städten dieser Welt, das der Traditionskonzern eigentlich von jeher bedient, jetzt eben nur anders angreift. Bis sich da Erfolge zeigen, braucht es wohl Geduld. Außerdem ist im Umsatz von knapp 17 Milliarden Euro, den der Sektor 2011 auf sich verbuchte, auch das komplette Bahngeschäft enthalten, also auch die Hochgeschwindigkeitszüge, die Busch wegen technischer Probleme, verspäteter Auslieferungen oder einbrechender Nachfrage (gerade in China) immer wieder Probleme machen.

"Rendite noch nicht da, wo sie hinsoll"

Busch sagte in London nicht viel dazu. Man müsse im Bahngeschäft "seine Hausaufgaben machen" und generell, was die nachlassende Nachfrage angehe, "auf Sicht fahren". Mit Blick auf die unbefriedigenden Renditen des Sektor gab Busch keine Entwarnung: Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern (Ebit) sei im Verhältnis zum Umsatz noch nicht da, wo es hinsolle, im Verhältnis zum eingesetzten Kapital aber "in Ordnung".

Vorstandschef Löscher lobte in London das Crystal als "Flaggschiff" und "Kommunikationsplattform", gar als "Nabel des Expertenwissens über Städteplanung in der Welt". Außerdem sei es schon bis Jahresende ausgebucht. Doch ins Jubeln verfiel er nicht, so als drückten ihn die Sorgen um das bevorstehende Sparprogramm seines Konzerns, über das er kein Wort verlor.

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