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Solarbranche: Zerronnen und übernommen

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Q-Cells Trotz Rettung droht der Exodus

Wie der Bieterwettstreit um Q-Cells heute auch ausgeht, um harten Jobabbau wird die insolvente Solarfirma nicht herumkommen. Experten erwarten, dass der Ex-Weltmarktführer im Konzerngeflecht des neuen Eigners nur schwerlich gedeihen wird.
Von Kristian Klooß und Nils-Viktor Sorge

Hamburg - Die Not in Bitterfeld-Wolfen ist groß, schnelle Lösungen sind gefragt. Seit Montag ruht die Produktion des insolventen Fotovoltaikunternehmens Sovello. Den verbliebenen 500 Mitarbeitern wird gekündigt. Auch für Q-Cells, im selben Industriepark auf einem Nachbargrundstück ansässig, sah es düster aus.

Plötzlich wendete sich das Blatt jedoch scheinbar zum Besseren, als der südkoreanische Mischkonzern Hanwha als Interessent auftauchte. Rund 40 Millionen Euro will sich Hanwha die geplante Übernahme kosten lassen, und dazu mehr als 200 Millionen Euro Schulden übernehmen. Der Kaufvertrag ist bereits unterzeichnet.

Ganz nach dem Geschmack von Betriebsrat und Sachsen-Anhalts Landesregierung ist Hanwhas Ankündigung, rund drei Viertel der insgesamt 1550 Mitarbeiter weiterzubeschäftigen. Ministerpräsident Reiner Haseloff und Wirtschaftsministerin Birgitta Wolff (beide CDU) dürften Insolvenzverwalter Henning Schorisch deshalb dazu bewogen haben, den Nebengeräuschen des Deals nicht all zu viel Aufmerksamkeit zu schenken.

Denn ob die Hanwha-Gruppe jener Heilsbringer ist, den sich die Delegation erhofft, ist zumindest fraglich. Zu groß ist der Druck in der Branche, als dass langfristige Zusagen zu halten sind. Zu undurchsichtig ist aber auch das Auftreten des Konzerns, an dessen Spitze in Person von Kim Seung-youn eine zudem eher zwielichtige Figur agiert.

Nicht nur für die guten Seiten des Kapitalismus bekannt

Hanwha, das steht für 27 Milliarden Dollar Umsatz und 53 Tochtergesellschaften allein in Südkorea, das steht für einen der größten Chemiekonzerne der Welt, den zweitgrößte Lebensversicherer Koreas, für eine Bank ebenso wie für Hotels. Seit 2009 steht es auch für Fotovoltaik. In jenem Jahr beteiligte sich der Konzern am chinesischen Solarunternehmen Solarfun - das inzwischen SolarOne heißt.

In Südkorea werden Konzerngeflechte wie Hanwha "Chaebol" genannt. Die bekanntesten sind Hyundai  oder Samsung . Dass diese Chaebols nicht nur für die guten Seiten des Kapitalismus stehen, ist nicht neu. Ähnlich wie der wegen Steuerhinterziehung verurteilte Ex-Samsung-Chef Lee Kun-hee und der wegen Veruntreuung verurteilte Hyundai-Vormann Chung Mong-koo nahm es auch der Konzernpatriarch der Hanwha-Gruppe, Kim Seung-youn, nicht immer so genau mit dem Gesetz.

Der fade Beigeschmack: Während die Vergehen der Konzernoberen bei Hyundai und Samsung schon ein paar Jahre zurückliegen, ist dies bei Hanwha nicht der Fall. Ein Gericht in Seoul verurteilte den Konzernchef Kim Seung-youn vor nicht einmal zwei Wochen wegen sogenanntem Treuebruchs zu einer vierjährigen Haftstrafe und einer Geldstrafe von 3,6 Millionen Euro. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 60-Jährige illegal Geld von Konzerntöchtern für die Rückzahlung der Schulden von Firmen abgezweigt hatte, die er unter einem anderen Namen betrieb. Es war nicht seine erste Verurteilung.

Experten bezweifeln Arbeitsplatzgarantien

Hanwha hat zwar Berufung gegen das Urteil eingelegt. Doch die Zeit, den Ausgang des Prozess abzuwarten, hat im Solar Valley niemand.

Der Kaufvertrag, der am Mittwoch von der Gläubigerversammlung abgesegnet werden soll, sieht Verzögerungen nicht vor. Doch ob durch Hanwha die Unterschriften langfristig mehr als 1200 Q-Cells-Arbeitsplätze in Deutschland gehalten werden können, darüber herrscht unter Branchenkennern Skepsis.

Zumal in der Solarindustrie ein hoher Druck existiert, Forschung, Entwicklung und Produktion an einem Standort zu bündeln. Gleichzeitig ist es aber gerade die hohe Kostenbasis durch die Produktion in Deutschland, die Q-Cells erst zu einem Sanierungsfall gemacht hat. "Es wäre zwei, vielleicht drei Jahre tragbar, Forschung, Entwicklung und Produktion in Deutschland zu bündeln", sagt ein Unternehmenskenner. Aus rein marktwirtschaftlichen Gründen müssten die Arbeitsplätze hingegen verlagert werden.

Auch Joachim Zwicky, Industrieanalyst beim Berliner Zentrum für Solarmarktforschung, sieht die Chance, Arbeitsplätze im Solar Valley zu halten, kritisch: "Der Einstieg Hanwhas bei Q-Cells hat das Ziel, über die Marke und das Vertriebsnetz den Absatz zu steigern", sagt der Experte. Das Interesse an der Übernahme von Fertigungskapazität sei hingegen nur sehr beschränkt. Zumal Hanwha mit der chinesischen Solartochter SolarOne über einen günstigen Produktionsstandort in China verfüge.

Letzte Hoffnung Einfuhrzölle

"Hanwha hat Q-Cells vor allem wegen der Marke gekauft", sagt auch Martina Ecker, Leiterin der Industriegruppe Technology & Renewable Energy beim M&A-Beratungshaus Lincoln International.

Ebenfalls eine Rolle gespielt haben könnte ihrer Ansicht nach das technische Know-how von Q-Cells und das Potenzial in Forschung und Entwicklung. "Gerade die chinesischen Hersteller haben in der Vergangenheit davon profitiert, dass wesentliche technische Fortschritte von den Maschinenbauern kamen", sagt die Beraterin. Letztere hätten aber inzwischen selbst Probleme und seien finanziell nicht mehr in der Lage, so wie früher in Forschung und Entwicklung zu investieren. "Da sind jetzt auch die Hersteller selbst wieder gefordert, Innovationen voranzutreiben."

Dennoch gibt es auch Grund zur Hoffnung, dass es für die Q-Cells-Mitarbeiter in Deutschland auch unter der Ägide der Hanwha-Gruppe weitergeht. Und diese Hoffnung hat einen Namen: Zölle. "Dieses Argument wird von den Asiaten mittlerweile stärker gewichtet", sagt Joachim Zwicky vom Zentrum für Solarmarktforschung. Konkret fürchteten Hanwha und Co. die nicht auszuschließende Einführung von EU-Anti-Dumping- oder Ausgleichszöllen für Solarmodule. Ab 2013 könnten diese in Kraft treten.

Konflikte wie bei Opel und General Motors

Für Hanwha wäre eine solche protektionistische Handelspolitik besonders schmerzhaft. Denn Deutschland ist für das in China ansässige Fotovoltaikgeschäft der Südkoreaner international der wichtigste Markt. 2011 stand er für 32 Prozent der Umsätze. Im ersten Quartal 2012 waren es sogar 43 Prozent.

Langfristig dürften Zölle allein jedoch die Probleme Q-Cells' kaum lösen. Im Gegenteil: "Für die Zukunft fürchten wir einen Mutter-Tochter-Konflikt, wie wir ihn seit Jahren bei Opel und General Motors  im Automobilgeschäft beobachten", sagt Zwicky. Die deutsche Tochter bringe hervorragende Produkte auf den Markt, könne sie jedoch nur in von der Muttergesellschaft vorgegebenen Regionen vertreiben. "So wird dauerhaft das Wachstum gehemmt."

Diesem Schicksal entgehen könnte Q-Cells möglicherweise durch einen Last-Minute-Deal, der den Aufkauf des Unternehmens durch den spanischen Solarkonzern Isofoton vorsehen könnte. Am Montag haben die Spanier ein eigenes Kaufgebot für Q-Cells abgegeben. Isofoton wolle rund 90 Prozent der Q-Cells-Arbeitsplätze erhalten, heißt es. Standortverlagerungen seien nicht geplant. 300 Millionen planen die Spanier, in den einstigen Weltmarktführer für Solarzellen zu investieren. Finanziert werden soll der Deal maßgeblich von einem nicht näher genannten US-Fonds.

Arbeitsplätze streichen beide

Für Isofoton macht der Zukauf vor dem Hintergrund Sinn, dass der Konzern nach dem Einbruch des Heimatmarkts dringend neue Märkte außerhalb Spaniens erschließen muss. Branchenkenner erwarten allerdings nicht, dass der verspätet aufgetretene Bieter noch eine Chance hat - zumal Isofoton - anders als Hanwha - bislang kein Standbein im vergleichsweise kostengünstigen Asien hat.

Darüber hinaus sind nach Ansicht von Branchenkennern auch die finanziellen Möglichkeiten der Spanier im Vergleich zu dem südkoreanischen Konzerngiganten begrenzt.

Ob Isofoton dennoch das Bieterrennen gegen Hanwha gewinnt, wird sich am heutigen Mittwoch entscheiden. Belegschaft, Insolvenzverwalter und Landespolitiker haben dann nicht mehr viel Mitspracherecht. Über den Kaufvertrag mit Hanwha und damit die Zukunft von Q-Cells und des Solar Valleys entscheiden allein die Gläubiger des insolventen Unternehmens - und das sind vor allem Banken.

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