Montag, 21. Oktober 2019

ThyssenKrupp "Wir werden diese Stahlwerke verkaufen"

Heinrich Hiesinger: Der Vorstandchef von ThyssenKrupp will beim Verkauf der zwei Stahlwerke in den USA und Brasilien insgesamt mindestens sieben Milliarden Euro erzielen.

Sie haben ThyssenKrupp einen zweistelligen Milliardenbetrag gekostet. Aber der Plan schlug fehl. Jetzt will Vorstandschef Hiesinger die defizitären Stahlwerke in Brasilien und den USA getrennt verkaufen. Mindestens sieben Milliarden Euro will er dafür haben. Analysten taxieren den Wert der Werke auf die Hälfte.

Düsseldorf - "Wahrscheinlich brauchen wir sogar zwei unterschiedliche Käufer, jeweils einen für jedes Werk", sagte Heinrich Hiesinger, Vorstandschef von ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen, in einem Interview der "Welt am Sonntag". Die Werke funktionierten einzeln ganz gut, der in Brasilien hergestellte Stahl sei aber nicht billig genug für die Weiterverarbeitung in den USA.

Nach der Kostenexplosion bei den neuen Werken hatte Hiesinger im Mai die Notbremse gezogen. ThyssenKrupp suche einen Partner oder Käufer für die Anlagen, hatte Hiesinger damals angekündigt. "Wir werden diese Stahlwerke verkaufen", legte er sich nun in dem Interview fest.

ThyssenKrupp werde dann genügend Geld für andere Geschäfte haben. Der Konzern steht mit 5,8 Milliarden Euro in der Kreide. Der ehemalige Siemens -Manager will das Technologiegeschäft stärken, in dem ThyssenKrupp unter anderem Aufzügen, Chemieanlagen oder U-Boote herstellt. Die Kosten für die Stahlwerke in Brasilien und den USA waren unter Hiesingers Vorgänger Ekkehard Schulz auf zwölf Milliarden Euro explodiert.

Verkauf soll mindestens sieben Milliarden Euro bringen

Bei einem Verkauf will Hiesinger nach eigenen Angaben mindestens die Summe für die Anlagen erzielen, die nach den Milliardenabschreibungen noch in den Büchern steht. "Wir wollen mindestens den Wert haben, den wir heute noch in den Büchern haben. Das sind ungefähr sieben Milliarden Euro", sagte der Manager in dem Interview.

Vertreter von Banken und Analysten haben Zweifel daran angemeldet. Sie beziffern den Wert auf drei bis vier Milliarden Euro und rechnen mit weiteren Abschreibungen. ThyssenKrupp wird bei dem Verkauf von Goldman Sachs und Morgan Stanley beraten.

Als Käufer für das Werk in Brasilien komme unter anderem der dortige Partner Vale in Frage, hatte Hiesinger im Mai gesagt. Die Brasilianer halten bereits rund 27 Prozent der Anteile. Auch asiatische Stahlhersteller könnten bei den Werken zum Zuge kommen.

Vertreter von Banken rechnen damit, dass neben Vale Weltmarktführer ArcelorMittal, der Konkurrent U.S.Steel sowie der südkoreanische Stahlhersteller Posco Angebote vorlegen könnten. Posco hatte im Juni erklärt, eine Beteiligung an dem brasilianischen Werk zu prüfen. Den beiden größten chinesischen Stahlkochern, Hebei und Baosteel wird ebenfalls ein Interesse nachgesagt. Auch Finanzinvestoren könnten ein Auge auf die Werke werfen, sagen Analysten. Diese würden aber wohl nur zusammen mit strategischen Partnern ein Angebot vorlegen.

Zahlreiche Interessenten - Angebote im Oktober erwartet

Hiesinger ließ offen, bis wann die Werke den Besitzer wechseln könnten. "Das ist natürlich ein schwieriges Thema, da lassen wir uns nicht festlegen." Die Nachrichtenagentur Reuters hatte aus Bankenkreisen erfahren, dass mit ersten Angeboten im Oktober gerechnet wird. ThyssenKrupp zufolge haben sich mehr als zehn Interessenten gemeldet. "Jetzt müssen wir abwarten, ob die uns auch gute Angebote machen", sagte Hiesinger.

Für ThyssenKrupp ist die Strategie im amerikanischen Stahlgeschäft nicht aufgegangen. Das Werk in Brasilien sollte billig Rohstahl produzieren, der in den USA etwa zu Blechen weiterverarbeitet wird und - mit einem ordentlichen Aufschlag - an die großen Automobilkonzerne verkauft werden sollte. Doch die Lage hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Dank der guten Konjunktur in Brasilien sind dort die Lohnkosten gestiegen. Durch die starke Landeswährung Real werden zudem die Exporte teurer, während in den USA die Nachfrage begrenzt ist, der Preisdruck aber enorm.

Über Jahre hatten die Werke die Bilanz des Konzern verhagelt. ThyssenKrupp hatte auch deswegen 2010/11 einen Verlust von 1,8 Milliarden Euro verbucht. In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres (per Ende September) fuhr die amerikanische Stahlsparte einen Verlust von knapp 800 Millionen Euro ein.

rei/rtr

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