Glencore und Xstrata Die Rich Boys spielen Vabanque

Die Fusion der Bergbauriesen Glencore und Xstrata sollte der Deal des Jahres werden. Doch womöglich haben sich die im Rohstoffgeschäft legendären Rich Boys verspekuliert. Mit störrischen Aktionären machen die Schweizer Konzerne eine neue Erfahrung.
Glencore-Chef Glasenberg: "Was wollen die Kataris eigentlich?"

Glencore-Chef Glasenberg: "Was wollen die Kataris eigentlich?"

Foto: AFP/ Glencore

Hamburg - Mit Xstrata beschäftigt Ivan Glasenberg sich gerade nicht gern. "Okay, sprechen wir über den großen Elefanten im Raum", räumt der Glencore-Chef ein, nachdem er und seine Vorstandskollegen an diesem Dienstag 80 Minuten lang ausgiebig auf die eigenen Geschäftszahlen, auf Kohleprojekte in Südafrika oder die Übernahme des kanadischen Getreidekonzerns Viterra eingegangen sind.

Nur noch zweieinhalb Wochen bleiben bis zum entscheidenden Votum der Aktionäre, das bereits einmal verschoben wurde, über die Fusion der Schweizer Rohstoffkonzerne Glencore  und Xstrata  zu einem 200-Milliarden-Euro-Umsatzriesen. Und derzeit sieht alles danach aus, als würde der Deal des Jahres platzen.

"Wir glaubten, dass dieser Deal sich lohnt", sagt Glasenberg nun - in der Vergangenheitsform. Man habe lange mit der Xstrata-Führung verhandelt und sich schließlich auf einen Tausch von 2,8 Glencore-Aktien für jeden Anteilsschein von Xstrata geeinigt. "Das war großzügig", meint der Südafrikaner, "wir können unseren Wert nicht verwässern." Mehr ist also nicht drin. Analysten wie die der Investmentbank Jefferies hatten zuvor ein Zugeständnis an die Xstrata-Aktionäre bis zum Faktor 3 erwartet, auch wenn die aktuellen Börsenkurse nur den Faktor 2,57 hergeben.

Glasenberg schimpft über das Emirat Katar

Glasenberg schießt sich mit leicht erregter Stimme auf das Emirat Katar ein, das seit der Fusionsankündigung zum Xstrata-Großaktionär mit 12 Prozent Anteilen aufstieg und einen Aufpreis von 3,25 Glencore-Aktien pro eigenem Schein verlangt. "Die Frage ist, was die Kataris damit erreichen wollen", schimpft der Veteran im Rohstoffgeschäft. Der Staatsfonds sei kein dem Unternehmen verbundener langfristiger Aktionär, der Mehrwert im Bergbaugeschäft erkennen könne.

Widerwillig gibt Glasenberg zu, dass noch andere Investoren opponieren. Doch die Liste ist lang: Vor allem britische Versicherungen und Fondsgesellschaften wie Schroders, Standard Life, Legal & General , Royal London und Knight Vinke verlangen Zugeständnisse. Weil Glencore statt eines offenen Übernahmeangebots die Fusion per Transaktionsvereinbarung (Scheme of Arrangement) wählte, ist ihr Hebel groß.

Zwar wäre ein Mehrheitsvotum für alle bindend. Doch zunächst müssen drei Viertel der freien Aktionäre zustimmen - Glencore ist mit seinem eigenen Xstrata-Anteil von einem guten Drittel nicht stimmberechtigt, sodass die Katar-Fraktion eine Sperrminorität besitzt.

"Frühling der Aktionäre" trifft geheimnisumwitterte Rich Boys

Auf diesen Druck hin wurde das Scheme im Juli bereits einmal geändert. Die gut 300 Millionen Euro Bleibeprämie für das Xstrata-Management um Glasenbergs Schulfreund Mick Davis, der das fusionierte Unternehmen führen sollte, würden demnach komplett in Aktien statt Bargeld gezahlt und an Leistung geknüpft. Damit reiht sich die Revolte ein in den "Frühling der Aktionäre", der in britischen Aktiengesellschaften wie der Versicherung Aviva , dem Verlag Trinity Mirror oder dem Pharmakonzern Astrazeneca  schon einige Gehaltspakete für Manager und in der Folge die Chefs selbst zu Fall gebracht hat.

Solche Unbotsamkeit ist neu, erst recht für die verschwiegene Gemeinschaft der Rohstoffhändler, die aus den Rich Boys um Spotmarkt-Erfinder Marc Rich entstanden ist. Jahrzehntelang führten sie ihre mitunter dubiosen Geschäfte im Verborgenen, legten der Öffentlichkeit keine Rechenschaft ab, zahlten kaum Steuern. So konnten sie profitabel etwa iranisches Öl an Israel liefern oder während des Apartheid-Embargos Metalle aus Südafrika exportieren. Gründer Rich stand jahrelang auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher des FBI und suchte Zuflucht in der Schweiz.

Heute übersteigt der Umsatz der Rohstoffhändler die Wirtschaftsleistung der Eidgenossenschaft, das starke Wachstum und das riskante Spiel mit schwankenden Marktpreisen mit Sorge um die Kreditwürdigkeit haben Glencore im vergangenen Jahr zu einer Börsennotierung getrieben - wegen der nach wie vor bestehenden Abneigung gegen Steuern mit einer Holding auf der Kanalinsel Jersey. Praktischerweise bekam der Konzern mit den öffentlich gehandelten Aktien aber auch eine Währung, um die volle Kontrolle über die bereits 2002 an die Börse gebrachte Xstrata zurückzugewinnen.

Die Marktmacht der Rohstoffanbieter

Beide Unternehmen sind aus der Marc Rich & Co. AG hervorgegangen, beide residieren nur zwei Kilometer voneinander entfernt in unauffälligen Bürogebäuden im selbst für Schweizer Verhältnisse steuergünstigen und verschwiegenen Kanton Zug. Sie sind verwandt, mit dem Unterschied, dass Glencore gewaltigen Umsatz im Handel macht und erst seit einigen Jahren in den hochprofitablen Bergbau expandiert, in dem Xstrata zu den weltgrößten Konzernen zählt. Deshalb hatte Glasenberg eine Fusion als "natürliche Verbindung" beworben, und der einst von Glasenberg inthronisierte Davis als "logischen nächsten Schritt".

Doch außer den störrischen Aktionären tauchten noch andere unerwartete Widerstände auf. Kurz nach der Ankündigung der Fusion mussten Glencore und Xstrata mitteilen, dass die Kartellwächter der Europäischen Union ebenso wie in China und anderen Ländern den Zusammenschluss untersuchen würden. Das hatten die Manager nicht bedacht, wollen sie doch vertikal sich ergänzende Geschäftsbereiche verbinden. Doch die damit entstehende große Marktmacht der Rohstoffanbieter kann den wichtigsten Abnehmern nicht egal sein.

Länderrisiken: Bergwerk besetzt im Kongo, blutiger Streik in Südafrika

Zudem verdirbt die schwache Weltwirtschaft die Preise. Seit die Fusion im Februar verkündet wurde, haben die Aktienkurse beider Unternehmen rund ein Viertel nachgegeben. Ebenso stark sank Glencores Gewinn im ersten Halbjahr, der von Xstrata sogar fast um ein Drittel.

Anleger scheuen das Risiko. "Der Handelsbetrieb von Glencore bleibt für Außenseiter eine Black Box", moniert Daniel Rohr vom Analysehaus Morningstar. Man wisse nicht, ob die Firma unabhängig von den Rohstoffpreisen stetige Gewinne abliefern könne. Und in ihrem Bergbaugeschäft sehe es nicht viel besser aus, ein Großteil der Wachstumsprojekte liege in "Hochrisikoländern" wie Kongo, Kasachstan oder Sambia.

Die bolivianische Regierung verstaatlichte im Juni entschädigungslos das Zinnbergwerk Colquiri der Glencore-Tochter Sinchi Wayra. Im Kongo ist bereits seit 2010 der stillgelegte Glencore-Kupfertagebau Tilwezembe von illegalen Mineuren besetzt. Der Konzern muss sich dennoch Vorwürfen erwehren, von dortiger Kinderarbeit zu profitieren, anderswo im Kongo Flüsse zu verseuchen, den sambischen Staat um Steuern zu betrügen und zugleich Fördermittel der Europäischen Investitionsbank zur Hilfe für die Ärmsten abzugreifen.

Showdown am 7. September - im Casino-Theater von Zug

In punkto Länderrisiko ist aber auch Xstrata, das oft seines erstklassigen Bergwerksbestands gerühmt wird, nicht unbefleckt. Mitte August forderten Zusammenstöße streikender Bergarbeiter des Platinförderers Lonmin, an dem Xstrata beteiligt ist, mit der Polizei im südafrikanischen Marikana 44 Tote, die blutigsten Unruhen der Nach-Apartheid-Ära. Tote gab es auch bei Protesten von Arbeitern der peruanischen Xstrata-Kupfermine Espinar im Mai, im Juni erschossen philippinische Rebellen zwei Sicherheitsleute der Firma.

Besonders die Gefechte in Südafrika haben auch die Aktionäre von Xstrata beunruhigt. Das wiederum spielt der Glencore-Führung in die Hände: Weil sich das Übernahmeziel zuletzt schlechter entwickelt hat als der übernahmewillige Konzern, fällt es den opponierenden Aktionären nun schwerer, einen Aufschlag als "fairen Preis" zu rechtfertigen. Deshalb setzen Glasenberg und Davis nun wohl alles auf eine Karte: Entweder die Fusion kommt zu ihren Bedingungen, oder sie kommt nicht. Am 7. September ist der Showdown geplant, im Casino-Theater von Zug.

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