Donnerstag, 19. September 2019

Konjunktur Deutschland auf voller Fahrt ins Ungewisse

Bedrohliche Vorboten: Die Wackelsignale für Deutschlands Wirtschaft
DPA

Bislang haben die deutschen Unternehmen die Euro-Krise gut gemeistert. Nun aber scheint der Abschwung auch in Deutschland greifbar zu sein. Investitionen werden zurückgestellt, Neueinstellungen verschoben. Bei einem Dax-Konzern gilt sogar bereits wieder Kurzarbeit.

Hamburg - In letzter Zeit hatten die Aktionäre der SHW AG aus Aalen allen Grund zur Freude: In den vergangenen zwölf Monaten ist der Wert der Aktie des Automobilzulieferers um rund ein Viertel gestiegen. Dazu passten auch das Halbjahresergebnis, das der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Krause Anfang der Woche vorlegte. In den ersten sechs Monaten des Jahres hat das Unternehmen ein kräftiges Umsatzplus von 13,3 Prozent auf 202 Millionen Euro hingelegt, das Ergebnis vor Steuern und Zinsen stieg sogar um 22,8 Prozent auf 23,2 Millionen Euro. Das Geschäft mit Pumpen, Motorkomponenten und Bremsscheiben läuft weiter gut, und das trotz der europäischen Schuldenkrise.

Wie SHW sind viele deutsche Unternehmen bislang beeindruckend gut durch die Krise gekommen. Die deutsche Wirtschaft wächst weiterhin, und steht damit in Europa ziemlich alleine da. Im Jahr 2011 waren es sogar starke 3 Prozent, während andernsorts dieWirtschaft stagnierte oder sogar schrumpfte.

Nun allerdings mehren sich die Anzeichen für eine wirtschaftliche Eintrübung auch in Deutschland. Das deutsche Wachstum hat sich rapide verlangsamt: Im ersten Halbjahr 2012 ist die deutsche Wirtschaft nur noch um ein halbes Prozent gewachsen, für das Gesamtjahr wird von vielen Experten nur ein Plus von einem mageren Prozent für möglich gehalten. Der Abschwung, so scheint es, ist nun auch in Deutschland greifbar. Kaum zu kalkulieren erscheinen die Risiken, sollte sich die Euro-Krise weiter zuspitzen. Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Hans-Peter Keitel warnt vor einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone und hält einen handlungsfähigen Rettungsschirm für "essenziell".

Diese Risiken vermiesen den Unternehmen die Stimmung. Der Trend weist klar nach unten: Der ifo-GeschäftsklimaIndex, der auf einer Umfrage unter 7000 deutschen Unternehmen beruht, ist bereits zum dritten Mal in Folge gefallen. Der Direktor des Münchener Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, sieht eine zunehmende Belastung der deutschen Konjunktur durch die Euro-Krise. Bislang hält die Bundesregierung an ihrer Wachstumsprognose von 0,7 Prozent für 2012 fest. Die Euro-Krise erhöhe natürlich das konjunkturelle Risiko für die Wirtschaft, kommentierte eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsminister Phillip Rösler die Daten des Münchener Wirtschaftsforschungsinstituts.

Rückgänge in der Stahlbranche, der Chemie und dem Maschinenbau

Allerdings dämpft die Wachstumsschwäche in den europäischen Nachbarländern die deutsche Dynamik. "Beim Wirtschaftswachstum werden Bremsspuren sicher nicht ausbleiben", sagt Jürgen Matthes vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). "In diesem Jahr ist immer noch ein Prozent Wachstum in Deutschland realistisch", sagt dagegen BDI-Konjunktur-Experte Thomas Hüne. Die harten Fakten wie Produktion und Auftragseingänge sprächen für eine Seitwärtsbewegung beim Wachstum. Schließlich sei die Höhe der Auftragseingänge in den vergangenen drei Monaten relativ stabil gewesen, sagt Hüne.

Tatsächlich legten die Auftragseingänge im Mai wieder leicht zu. Im Vormonat April aber lagen die Bestellungen aus dem Rest Europas um 15 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Zuletzt gingen die Auftragseingänge nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums wieder stärker zurück, im Juni nämlich um rund 1,7 Prozent. Dabei ging die Inlandsnachfrage um 2,1 Prozent zurück, die Aufträge aus dem Ausland fielen um 1,5 Prozent. Die Aufträge aus dem Euro-Währungsraum gingen sogar um 5 Prozent zurück. Dies sei jedoch kein eindeutiger Trend, kommentierte das Ministerium die Zahlen.

Am stärksten machen sich die Rückgänge in der Stahlbranche, der Chemie und dem Maschinenbau bemerkbar. Seit Mitte 2011 sinken die Auftragseingänge besonders in diesen Branchen. Trotzdem blieben Auslastung und Produktionsmenge recht stabil: Die Industrie arbeitete Auftragspolster aus den Vormonaten ab.

Doch die nachlassende Nachfrage aus den südlichen Ländern ist ein Problem für die exportorientierte deutsche Wirtschaft. Dort ist die Nachfrage nach deutschen Produkten besonders stark zurückgegangen: Die Ausfuhren nach Portugal fielen im ersten Quartal 2012 um 12,9 Prozent, die nach Spanien gingen um 7,7 Prozent und die nach Italien um 7,5 Prozent zurück. Gleichzeitig sind Ausfuhren in andere Länder aber gestiegen: "Bislang kompensieren Zuwächse aus anderen Märkten beispielsweise in Asien diese Entwicklung", sagt Hüne. Tatsächlich sind die Ausfuhren in Drittländer im ersten Quartal des Jahres insgesamt sogar um 12 Prozent nach oben geklettert.

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