Sonntag, 16. Juni 2019

Gaselieferant Linde wird noch "unkaputtbarer"

Gas-Zylinder von Linde: Unternehmen auf Wachstumskurs

Linde überzeugt heute mit soliden Gewinnen, auch die Börse ist begeistert. Zumal Wolfgang Reitzle nach der Übernahme des US-Konzerns Lincare sein Ziel von vier Milliarden Euro Gewinn schon ein Jahr früher erreichen dürfte als erhofft.

Hamburg - Linde-Chef Wolfgang Reitzle gehört nicht zu jenen Managern, die sich ausschließlich über Zurückhaltung und Understatement definieren. So ist der 63-Jährige das einzige deutsche Mitglied im exklusiven Augusta National Golf Club, wo auch Bill Gates und Warren Buffett die Eisen schwingen. Und ähnlich wie die beiden Milliardäre scheut er sich auch nicht, bisweilen in öffentliche Debatten einzugreifen.

"Eher legt ein Hund einen Wurstvorrat an, als dass ein Politiker spart", sagte er beispielsweise in einem Interview mit der "Wirtschaftswoche" im August 2011 - und forderte im Hinblick auf die europäischen Schuldenländer Mechanismen für deren geordneten Austritt aus der Europäischen Union. Dem SPIEGEL hingegen verriet der viertbestbezahlte Dax-Vorstand Deutschlands im Januar diese Jahres, wo er die Grenzen der Besteuerung verortet: "Ich bin bereit, 50 Prozent abzuführen. Schon 50,1 Prozent sind aber entschieden zu viel."

Kurzum, Reitzle steht für den klaren Auftritt, manchmal auch für gewollte Übertreibung. Über Linde sagte er jüngst: "Wir sind ein unkaputtbares Unternehmen."

Umso kontrastreicher war vor diesem Hintergrund die dezent gehaltene Ankündigung, die er den rund 2000 Aktionären auf der Hauptversammlung des Konzerns im Mai dieses Jahres in München mit auf den Weg gab.

Kleine Ankündigung, großer Coup

"Es würde mich überraschen, wenn der Zukauf des kontinentaleuropäischen Homecare-Geschäftes von Air Products der einzige bleibt", sagte Reitzle zwar schon damals. Doch nur um dann auf die Bremse zu treten. Die Zukäufe würden sich in Umsatzgrößenordnungen von 200 bis 300 Millionen Euro bewegen. Einen großen Coup, wie es dem deutschen Konzern 2006 mit dem Erwerb des britischen Gaselieferanten und Linde-Wettbewerbers BOC gelungen war, werde es nicht geben.

Welche Zurückhaltung sich Reitzle zu diesem Zeitpunkt auferlegt hatte, wurde Anfang dieses Monats mit der Bekanntgabe jenes Milliardendeals deutlich, der den Konzern ein zweites Mal nach 2006 in neue Höhen katapultieren wird. Die Übernahme des auf häusliche Pflegeprodukte wie Sauerstoffmasken spezialisierten US-Konzerns Lincare Börsen-Chart zeigen lässt sich Reitzle rund 3,6 Milliarden Euro kosten, das Zwölffache dessen, was er seinen Aktionären drei Monate zuvor angekündigt hatte. Übel nehmen diese ihm den Deal indes nicht.

Dass der Aktienkurs zuletzt kurzfristig auf 109 Euro nachgab, lag vor allem daran, dass der Konzern zur Finanzierung des Deals im Zuge einer Kapitalerhöhung 13 Millionen neuer Aktien an institutionelle Investoren platziert hat. Dass Linde erst Ende Mai trotz Schuldenkrise am Anleihemarkt 500 Millionen Euro bei 1,75 Prozent Verzinsung aufnehmen konnte, zeigt zudem, welchen Ruf der Konzern knapp zehn Jahre nach dem Antritt Reitzles als Vorstandschef genießt.

Ein Ruf, der auch von den heute veröffentlichten Quartalszahlen gefestigt wird. Doch auch langfristig stimmt die Richtung, glauben Experten.

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