Donnerstag, 19. September 2019

Gaselieferant Linde wird noch "unkaputtbarer"

Gas-Zylinder von Linde: Unternehmen auf Wachstumskurs

3. Teil: Reichlich Erfahrung mit Übernahmen

Vor allem Linde-Chef Reitzle hat in seiner Karriere reichlich Erfahrungen mit Übernahmen gesammelt - auch mit jenen, die schiefgingen. Prägend war etwa die Akquisition des britischen Automobilbauers Rover durch BMW Börsen-Chart zeigen. Reitzle, damals Entwicklungschef und Vorstandsmitglied bei den Bayern, hatte schon frühzeitig ein Gespür dafür bewiesen, dass der Deal Probleme bereiten könnte. So empfahl er 1994, kurz nach Erwerb von 80 Prozent der angeschlagenen Rover Group durch BMW, nur die exklusiven Marken Landrover und Mini zu übernehmen.

Konzernchef Bernd Pischetsrieder entschied sich anders. Letztlich mündete die Sanierung der Mittelklassemarke Rover in einem Milliardenverlust. Anfang 1999 musste Pischetsrieder gehen. Doch nicht Reitzle - wie von Vielen vermutet - beerbte ihn, sondern Joachim Milberg.

Mit Bekanntgabe der Entscheidung wechselte Reitzle zu Ford, um die damaligen Premiummarken des US-Konzerns - Lincoln, Mercury, Volvo, Jaguar, Aston Martin, später auch Landrover - zu peppeln. Doch es blieb bei einem kurzen Zwischenspiel. Ein Grund: Maßgebliche Entscheidungen wurden nicht von Reitzle in London, sondern aus der Konzernzentrale in Dearborn, Michigan, getroffen.

Anfang 2002 ergab sich für den "Car Man" schließlich die Chance, endlich selbst das Steuer zu übernehmen. Im Mai wechselte Reitzle zu Linde. Anfang 2003 übernahm er dort den Chefsessel. Sein Schreibtisch steht seit 2008 im Übrigen nicht mehr am alten Konzernsitz in Wiesbaden, sondern in München.

Den Konzern umgekrempelt

Doch dies ist nur eine Veränderung, die Reitzle dem Konzern verordnete. Das Unternehmen, das im 19. Jahrhundert vom Ingenieur Carl von Linde gegründet worden war und einst Eismaschinen für Brauereien gebaut hatte, wurde vom neuen Chef geradezu umgekrempelt.

Zum Antritt Reitzles besaß Linde noch mehrere Sparten: Von der Kältetechnik, über das Industriegasegeschäft bis hin zur Gabelstaplerfertigung und Anlagenbau. Dass dies nicht so bleiben würde, machte der Neue schnell klar, in dem er Linde in Interviews auch schon mal als "atomisierten Konzern" bezeichnete, dessen Geschäfte er künftig auf den Gasbereich konzentrieren wolle.

Intern tat er dies, indem er die Sparten Technische Industriegase und Anlagenbau enger aneinander band, während er den Rest des Konzerns aufschnürte. Die Kältetechnik gliederte er 2003 aus und verkaufte sie 2004 an die United-Technologies-Tochter Carrier Corporation. Das Geschäft mit Gabelstaplern und Fördertechnik gab Reitzle 2006 für vier Milliarden Euro in die Hände der US-Finanzinvestoren Kohlberg Kravis Roberts und Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen.

In Punkto Übernahmen war es zunächst Reitzles Aufgabe, den zur Jahrtausendwende noch von seinen Vorgängern übernommenen schwedischen Industriegasefabrikanten AGA in das bestehende Gase- und Anlagengeschäft Lindes zu integrieren.

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