Dienstag, 10. Dezember 2019

Gaselieferant Linde wird noch "unkaputtbarer"

Gas-Zylinder von Linde: Unternehmen auf Wachstumskurs

2. Teil: Uneinigkeit über den Wert von Lincare

Dass der Zukauf des US-Konzerns Lincare die Linde AG eher stärken wird, daran zweifelt kaum ein Analyst. "Linde hat in eine der vom Konzern definierten Wachstumsbrachen investiert und wird zudem zum weltweiten Marktführer im Geschäft mit medizinischen Gasen aufsteigen", sagt Christoph Schöndube, der das Unternehmen für Independent Research beobachtet. Für den Analysten ist der 3,6-Milliarden-Zukauf ebenso schlüssig wie die bereits im Januar vollzogene Akquisition des europäischen Homecare-Geschäfts des Konkurrenten Air Products. "Der Kaufpreis für Lincare ist im Vergleich der beiden Transaktionen als günstig zu werten", sagt Schöndube.

Nicht jeder teilt diese Ansicht. "Der gezahlte Preis ist hoch vor dem Hintergrund, dass die übernommene Lincare zwar die Erlöse in den vergangenen Jahren stark steigern konnte, die Erträge allerdings stagnierten", sagt Thorsten Strauß, Analyst der Norddeutschen Landesbank. Es sei bezeichnend, dass die Linde-Führung von vornherein gesagt habe, man zahle einen strategischen Preis.

Zweifel am Preis der Übernahme wird auch durch die Abhängigkeit des Lincare-Geschäfts von politischen Entscheidungen genährt. Konkret: von der Gesundheitspolitik der amerikanischen Regierung. "Es besteht eine gewisse Gefahr, dass in den Jahren 2013 und 2016 im US-Gesundheitsmarkt weitere Kürzungen anstehen", sagt Heiko Feber vom Bankhaus Lampe.

Akquisitionen im klassischen Geschäft nicht möglich

Nadeshda Demidova, die Linde für die Equinet Bank analysiert, hält die Bewertung indes für gerechtfertigt. "Für den Kaufpreis spricht die geringere Krisensensibilität und hohe Profitabilität eines Unternehmens wie Lincare." Darüber hinaus gebe es derzeit einen regen Bieterwettbewerb für vergleichbare Unternehmen seitens Air Liquide und einiger Private-Equity-Unternehmen. So kauften die Franzosen jüngst für 316 Millionen Euro die LVL Medical Groupe in Lyon. Das Unternehmen vertreibt vor allem Sauerstoffgeräte für die häusliche Pflege.

Hintergrund solcher Deals ist die Marktkonstellation im industriellen Gasgeschäft. "Akquisitionen im Healthcare-Bereich sind die einzige Möglichkeit für Linde Börsen-Chart zeigen und Air Liquide Börsen-Chart zeigen, anorganisch zu wachsen", sagt Demidova. Denn das klassische Geschäft mit Industriegasen - von der Kohlensäure, über die Betonkühlung bis zur Abwasserreinigung - werde zu rund 70 Prozent von vier großen Anbietern abgedeckt: dem deutschen Linde-Konzern, der französischen Air Liquide sowie den US-amerikanischen Konkurrenten Praxair und Air Products and Chemicals. "Größere Übernahmen sind daher schon aus Wettbewerbsgründen nicht realisierbar."

Für den Deal spricht aus Sicht der Experten auch noch ein anderer Aspekt: Linde-Chef Reitzle und sein Team haben schon in der Vergangenheit gezeigt, dass sie vergleichbare Akquisitionen meistern können.

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