Heideldruck Warum kein Turnaround in Sicht ist

Heideldruck und Koenig & Bauer bleiben im Krisenmodus. Denn trotz der Pleite von Manroland, trotz der Branchenmesse Drupa und des Vorstoßes ins Digitalgeschäft zweifeln Analysten am Turnaround der Druckmaschinenbauer.
Von Kristian Klooß
Weiteres Verlustjahr: Druckmaschinen von Heidelberger Druck

Weiteres Verlustjahr: Druckmaschinen von Heidelberger Druck

Foto: DPA

Hamburg - Wenn ein Unternehmen von sich behaupten darf, es habe eine Gelddruckmaschine erfunden, dann die Würzburger Koenig & Bauer AG . Denn auf den Maschinen des Traditionsunternehmens werden jene Banknoten gedruckt, die in der Euro-Krise so sehr nachgefragt sind.

An diesem Donnerstag findet nun die 87. Hauptversammlung des Unternehmens im Würzburger Vogel Convention Center statt. Und dass Claus Bolza-Schünemann, CEO des S-Dax-Konzerns, seinen Aktionären einen kleinen Gewinn von 14 Millionen Euro präsentieren darf, liegt vor allem am florierenden Geschäft mit Notenpressen und anderen Spezialdruckmaschinen.

Weniger rosig sieht es aus, wenn man den Blick auf die zwei anderen wichtigen Säulen des Geschäfts richtet: Den Rollenoffset- und den Bogenoffset-Druck. Das Rollenoffset-Geschäft mit den gigantischen Druckmaschinen, zwischen deren Rollen Nacht für Nacht kilometerlange Papierbahnen hindurchzischen und mit den Zeitungstexten des nächsten Tages bedruckt werden, läuft mehr schlecht als recht. Und auch im Bogenoffset-Druck, bei dem Plakate oder Verpackungen bogenweise bedruckt werden, sieht es kaum besser aus.

Dass dies nicht nur für den Traditionskonzern Koenig & Bauer gilt, muss im rund 120 Kilometer östlich gelegenen Heidelberg an diesem Donnerstag auch Bernhard Schreier erklären. Der Chef von Heidelberger Druckmaschinen steht heute Analysten Rede und Antwort, um ihnen die Bilanz des abgelaufenen Geschäftsjahres zu erläutern.

Und auch hier sieht es bedenklich aus: Denn im abgelaufenen Geschäftsjahr Geschäftsjahr 2011/12 vergrößerte sich der Verlust des Branchenführers auf 230 Millionen Euro von 129 Millionen Euro im Vorjahr. Der Umsatz schrumpfte um 1,3 Prozent auf knapp 2,6 Milliarden Euro. Auch der Auftragseingang fiel mit 2,56 Milliarden Euro 7 Prozent schwächer aus als vor Jahresfrist.

Glaspalast aus vergangenen Zeiten

Der Ort der Analysten-Konferenz, die Print Media Academy, ist ein gigantischer Würfel aus Glas und Stahl inmitten Heidelbergs - in dessen Dachgeschoss in der zwölften Etage Sternekoch Manfred Schwartz, der einst mit Hilfe Helmut Kohls den Saumagen in Deutschland populär machte, regionale Leckerbissen kredenzt.

Doch Glaswürfel und Sternekoch sind auch Ausdruck vergangener Zeiten. Zeiten, in denen das deutsche Druckkonzerntrio Heideldruck, Koenig & Bauer und Manroland zweistellige Ebitmargen einfuhr. Zeiten, die spätestens im Jahr 2008 endeten.

Seither gaben die drei Weltmarktführer ein Trio der Tristesse ab. Während der Rest der Industrie den deutschen Aufschwung auskostete, mussten sich die Druckmaschinenhersteller mit Magerkost begnügen.

Vorläufiger Tiefpunkt: die Pleite der Manroland AG Ende November 2011. Für Heideldruck-Chef Schreier, der mit seinem Unternehmen im Jahr 2010 selbst nur durch staatliche Hilfen den Kollaps verhindern konnte, kam die Pleite des ewigen Konkurrenten durchaus recht. Bis zu 100 Millionen Euro, so Schreier, könne Heidelberg durch die Insolvenz des Rivalen an zusätzlichen Aufträgen einspielen.

Doch kann Heideldruck wirklich von der Insolvenz der Konkurrenten profitieren? Und sind die 100 Millionen Euro eine realistische Schätzung?

Manroland-Pleite senkt den Preisdruck

Heideldruck könne durchaus profitieren, glauben Experten. "100 Millionen scheint nicht ganz verkehrt zu sein", sagt etwa Frederik Bitter, der die Branche für die Berenberg Bank analysiert. Skeptisch mache ihn jedoch, dass Manroland zuvor insgesamt gerade einmal rund 300 Millionen Euro in dem für Heideldruck relevanten Geschäftsfeld umgesetzt habe. Außerdem verspreche sich auch Koenig & Bauer noch einiges an Neuaufträgen aus der Manroland-Insolvenz. "Aufs Jahr gerechnet, sind 100 Millionen Euro bei rund 2,6 Milliarden Umsatz auch eher marginal", sagt Bitter.

Eerik Budarz, Analyst bei Silvia Quandt Research, sieht zwar ebenfalls den vergleichsweise geringen Beitrag zum Jahresumsatz von 2,6 Milliarden Euro. "Dennoch wären 100 Millionen Euro zusätzlicher Umsatz schon deshalb relevant, weil es dabei auch um Auslastung der Kapazitäten geht", sagt Budarz. Darüber hinaus habe die Pleite des bisherigen Manrolands nicht nur zum Abbau von Überkapazitäten beigetragen, sondern auch Druck von den Preisen genommen. "Manroland war ja bis dahin der Preisführer", sagt Budarz. Ob es für 100 Millionen an Neuaufträgen reicht, daran zweifelt er indes. "Die Nachfolger von Manroland, sind noch nicht völlig weg vom Fenster."

Denn zwei der drei einstigen Manroland-Werke wurden im Februar an deutsche und englische Investoren verkauft. Inzwischen firmieren sie als Manroland Web Systems und Manroland Sheetfed. Gemeinsam nutzen die beiden Unternehmen weiterhin das globale Vertriebs- und Servicenetz des ehemaligen Weltkonzerns. Und auf der Drupa, der weltweiten Leitmesse, die nur alle vier Jahre in Düsseldorf ihre Pforten öffnet, präsentierten sie sich Anfang Mai auf benachbarten Messeständen.

Doch nicht nur die beiden aus der Insolvenzmasse von Manroland hervorgegangenen Unternehmen haben mit der Drupa große Hoffnungen verbunden. Auch Heideldruck und Koenig & Bauer sahen die Branchenmesse als Chance, den seit der letzten Drupa im Jahr 2008 ungebrochenen Absatzschwund zu beenden.

Investitionsstau trifft Strukturkrise

Denn seither gehört das Stichwort "Investitionsstau" zum Standardvokabular der Konzernchefs. Hatten Druckereiinhaber ihre alten Maschinen vor der Krise im Schnitt alle sieben Jahre ersetzt, neigen sie seither dazu, Neuanschaffungen immer weiter hinauszuzögern - auf acht, neun oder mehr Jahre. Und selbst jene, die gerne investieren wollten, bekamen nicht ohne weiteres den nötigen Kredit.

Mit dem Stichwort "Investitionsstau" lässt sich die Branchenmisere indes kaum allein erklären. Weshalb bei Erklärungen der Misere auch das Stichwort "Strukturkrise" stets in einem Atemzug genannt wird. Denn Zeitungssterben, Werbung im Internet, E-Books, iPads und iPhones haben die konjunkturellen Sorgen längst überlagert. So haben Angst und Aufschub der Drucker, gepaart mit einem andauernden Auftragsmangel, zu zahlreichen Insolvenzen geführt. Seit 2008 sind unzählige Druckereien vom Markt verschwunden oder haben sich zu größeren Einheiten zusammengeschlossen. "Es gibt mehr Pleiten als Neueröffnungen", kommentiert ein Branchenkenner die Situation.

Das Ergebnis: Seit 2008 sind die gesamten Branchenumsätze von einst 9 Milliarden auf rund 4,5 Milliarden eingebrochen. Zeitweise waren die Kapazitäten zu weniger als 60 Prozent ausgelastet.

Potenzial des Digitaldrucks verkannt

Ob sich die Branche erholt, darüber herrscht immer noch Unsicherheit. Bei den Auftragseingängen von Heideldruck vor der Drupa 2012 hat Gordon Schoenell, Analyst beim Bankhaus Lampe, im Schnitt ein rund 30 Prozent geringeres Niveau im Vergleich zur Drupa 2008 auf dem Zettel. "Ich sehe da vielleicht 10 Prozent Potenzial, also 20 Prozent unter dem ehemaligen Peak", sagt der Analyst. Die bislang bekannt gegebenen Bestellzahlen für die Drupa 2012 deuten ebenfalls in diese Richtung. Bislang wurden rund 2000 Bestellungen vermeldet. Zum selben Zeitpunkt nach der Drupa 2008 waren es rund 2500. "Das wäre ein Rückgang von 20 Prozent", sagt Schoenell.

Dass die Druckmaschinenhersteller absehbar wieder alte Umsatzgipfel erklimmen werden, daran glaubt auch Holger Schmidt nicht, der die Branche für die Equinet Bank analysiert. Dennoch hält er eine Erholung vor allem im Bogenoffsetdruck für realistisch. Für Heideldruck etwa, deren Umsätze im Geschäft mit Bogendruckmaschinen von einst 3,8 Milliarden Euro auf zuletzt 2,6 Milliarden Euro abgestürzt sind, hält er eine mittelfristige Erholung auf 3 Milliarden für realistisch. Zumal das Druckvolumen relativ stabil geblieben sei. "Was der Bogendruck gegenüber dem Digitaldruck verliert, das gewinnt er auch wieder gegenüber Rollendruck", sagt Schmidt.

Wachstum auf Kosten von Heideldruck und Koenig & Bauer

Apropos Digitaldruck. Auf der Drupa war die vergleichsweise junge Technik das Thema. "60 bis 70 Prozent der Aussteller hatten mit dem Digitaldruck zu tun", schätzt ein Messeteilnehmer. Die Technik gilt als Wachstumsmarkt. Denn vor allem dort, wo nicht nur große Stückzahlen, sondern auch kleinere Auflagen gedruckt werden, sind digitale Druckmaschinen inzwischen günstiger als die klassischen Bogenoffset-Maschinen. Und umso größer und leistungsfähiger die digitale Konkurrenz wird, desto weniger kleine Bogenoffset-Maschinen werden verkauft. Zwar liegt der Marktanteil der Digitaldruckmaschinen laut Branchenverband VDMA erst bei 10 Prozent. Allerdings wächst er, und zwar auf Kosten der bisherigen Geschäfte von Heideldruck  und Koenig & Bauer .

Das sich Konzerne wie Hewlett-Packard  Packard oder Konica/Minolta den neuen Markt unter sich aufteilen hängt auch damit zusammen, dass die Deutschen, allen voran Heideldruck, das Potenzial des digitalen Drucks einst verkannten.

Dabei hätte es ganz anders laufen können. Es war Ex-Heideldruck-Chef Hartmut Mehdorn, heute Vormann von Air Berlin , der Ende der Neunziger ein Joint Venture zwischen Heideldruck und Kodak eingefädelt hatte. Das Ziel: gemeinsam wollten die Unternehmen im Digitaldruck mitmischen. Doch während das klassische Druckgeschäft damals noch erkleckliche Renditen einbrachte, kamen Heideldruck und Kodak im digitalen Geschäft nicht vom Fleck. Zwei Digitaldruckmaschinen im Sortiment und Jahr für Jahr rote Zahlen in der Teilbilanz führten 2004 dazu, das Heideldruck das Digitalgeschäft an Kodak abtrat.

"Das war wie Brainwashing"

Eine Entscheidung, der der Konzern seither viel Male bereut hat. Über Jahre hinweg wollte Mehdorn-Nachfolger Schreier diesen Fehler korrigieren. Weshalb er mit Digitalspezialisten über ein Zusammengehen und Kooperationen verhandelte - so etwa mit der belgischen Agfa-Gevaert-Gruppe oder den US-Konzernen Xerox  und Hewlett-Packard . Das Problem: Heideldruck hatte kein Kapital und kein Know-how beim Bau riesiger Tintenstrahl- oder Laserdruckmaschinen zu bieten. Doch nur der Name und ein weltweites Vertriebssystem war den Verhandlungspartnern zu wenig, um den Deutschen die gewünschte Führungsrolle innerhalb einer Kooperation zuzugestehen.

Nach langer Suche klappte es schließlich zumindest mit einer Vertriebspartnerschaft. Um Druckereien neben den klassischen Offset-Druckmaschinen auch passende Digitaldrucklösungen anbieten zu können, vertreibt Heideldruck seit gut einem Jahr die Digitaldruckmaschinen des japanischen Konzerns Ricoh .

Auf der diesjährigen Drupa kündigten die Heidelberger darüber hinaus eine Kooperation mit dem Digitaldruckpionier Benny Landa an. Landa stellte 1993 mit seiner damaligen Firma Indigo die erste Digitaldruckmaschine vor. Sein Unternehmen verkaufte er später an Hewlett-Packard. Seither gilt er als Lichtgestalt der Branche. Seine Vorträge auf der Drupa waren restlos ausverkauft. Teilnehmer vergleichen seine Shows auf der Drupa mit den iPhone-Präsentationen des Apple-Gründers Steve Jobs. "Das war wie Brainwashing", sagt ein Teilnehmer. Die Leute hätten gestaunt und gesagt: "Ja, that's it, das ist die Technologie von morgen."

"Landa hat zwar Ideen, aber er hat keine Maschine"

Ein anderer Beteiligter sieht es pragmatischer. "Landa hat zwar Ideen, aber er hat keine Maschine." Ob ausgerechnet Heideldruck, einer der vielen Lizenznehmer Landas, den Durchbruch mit Techniken wie den von Landa entwickelten "Nanografiedruckmaschinen" schafft, wird erst die Zukunft zeigen.

Um, wie es der Konzern plant, im Geschäftsjahr 2013/14 einen Überschuss zu erzielen, müssen zunächst andere Baustellen bearbeitet werden.

Gerade wickelt das Unternehmen sein zweites, tiefgreifendes Restrukturierungsprogramm innerhalb von vier Jahren ab. Heidelberg-Chef Schreier hatte bereits 2008 jede fünfte der einst rund 20.000 Stellen gestrichen. Mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket namens "Focus 2012" sollen jetzt in den kommenden zwei Jahren die Kapazitäten gesenkt und die Kosten um rund 180 Millionen Euro gedrückt werden. Weltweit plant der Konzern den Abbau von bis zu 2000 Stellen, davon 1200 in Deutschland. Darüber hinaus hat sich der Konzern mit dem Betriebsrat auf flexiblere Arbeitszeiten geeinigt - künftig können die Fachkräfte flexibel zwischen 28,5 und 41 Stunden pro Woche eingesetzt werden. Gespart wird auch bei Vertrieb und Service. Statt nach Ländern, ist Heideldruck künftig nach regionalen Hubs organisiert, um Kosten zu sparen.

Analysten halten das Programm für unabdingbar. "Die Strukturen sind noch auf ein ganz anderes Marktvolumen ausgelegt", sagt Berenberg-Analyst Frederik Bitter. "Die Frage ist, reicht es aus oder ist es wieder zu wenig?", sagt hingegen Gordon Schoenell vom Bankhaus Lampe.

Die Anekdote von den scheiternden Chinesen

Ein Hoffnungsschimmer ist zumindest das wachsende Geschäft in den Schwellenländern. In China etwa brummt für deutsche Drucker der Verkauf vor allem von Low-Tech-Maschinen. Im vergangenen Jahr bestellten die Chinesen deutsche Druckmaschinen im Wert von rund 1,1 Milliarden Euro - gut 20 Prozent mehr als 2010. Zum Vergleich: Aus Amerika kamen 2011 Bestellungen in einem Volumen von rund 422 Millionen Euro.

"In Asien haben Spieler wie Heidelberg oder Koenig & Bauer gute Möglichkeiten, ihre alten Maschinen abzusetzen und dann nach und nach mit höherwertigen Produkten an den Markt zu gehen", sagt Berenberg-Analyst Bitter. Heideldruck sieht er vor diesem Hintergrund weltweit gut aufgestellt. Schon heute baut das Unternehmen ein Drittel seiner in China verkauften Druckmaschinen im Land.

Anders als andere Industrien machen sich Druckmaschinenbauer auch vergleichsweise wenig Sorgen darüber, dass die Chinesen ihre Produkte eins zu eins kopieren könnten. Denn jeder in der Branche kennt die Anekdote von dem chinesischen Unternehmen, das vor ein paar Jahren alte Patente eines der großen deutschen Druckmaschinenbauer gekauft hatte.

Das Ziel: Die Chinesen wollten eine in Europa schon nicht mehr hergestellte Druckmaschine nachbauen. Das Ergebnis: Die Ingenieure aus Fernost scheiterten. Die Lehre: Deutsche Ingenieurskunst ist unerreicht. Das Problem: Ohne genügend Käufer hilft das wenig.

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