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Deutsche Bauwirtschaft: Lahme Wachstumsbremse schaltet auf Turbo

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Trotz Bauboom Warum Hochtief und Bilfinger nicht vom Heimatmarkt profitieren

Deutschlands Baubranche boomt. Doch Deutschlands größte Baukonzerne profitieren davon nicht. Hochtief und Bilfinger setzen lieber auf die von der Energiewende erhofften Bauprojekte. Doch ausgerechnet hier herrscht zwischen Nordsee und Bodensee Flaute.
Von Kristian Klooß

Hamburg - Die Euro-Krise kennt nicht nur Verlierer. Denn Angst vor dem Zerfall des Euro-Raums, Furcht vor Inflation und Flucht ins Betongold haben der deutschen Baubranche einen Boom beschert. Schon im Gesamtjahr 2011 legte der Branchenumsatz um 12,5 Prozent zu. Und auch 2012 läuft gut an. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie geht von immerhin 4 Prozent mehr Umsatz in diesem Jahr aus. Für eine Branche, die über Jahre nichts als Rezession kannte, ein blendender Wert, der, so der Verband, sich vor allem dem "lebhaften Wohnungsbau" verdanken ließe.

Dies lässt vor allem Handwerker und mittelständische Anbieter frohlocken, die größten unter ihnen sind Fertighausanbieter wie die Bien Zenker AG aus dem hessischen Schüchtern oder die Helma Eigenheimbau AG aus dem niedersächsischen Lehrte. Nur an den großen Namen der Branche, etwa Hochtief  und Bilfinger , schwappt die Bauwelle vorbei.

"Strukturell bedingt existieren in Deutschland keine großen Konzerne mehr, die sich der Entwicklung des Wohnungsbaus verschrieben haben", sagt Jens Jung, der die Baubranche für die BHF-Bank analysiert. In angelsächsischen Ländern, so Jung, sei dies völlig anders. "Dort gibt es große börsennotierte Konzerne, die sich auf den Wohnungsbau spezialisiert haben." Darunter Milliardenunternehmen wie der US-Wohnungsbauer Dr. Horton, das britische Pendant Taylor Wimpey oder die schwedische Skanska .

Bauleistung um 70 Prozent zurückgefahren

Deutsche Konzerne wie Hochtief und Bilfinger haben sich hingegen weitgehend aus diesem Geschäft verabschiedet. Grund dafür war der lange Kater, der dem Wiedervereinigungsboom seit Mitte der neunziger Jahre folgte. Seither schrumpfte der Anteil der Bauwirtschaft am deutschen Bruttoinlandsprodukt von Jahr zu Jahr - von einst 14 auf heute 10 Prozent. Die Zahl der Beschäftigten halbierte sich gar von rund 1,5 Millionen im Jahr 1995 auf rund 715.000 im Krisenjahr 2009.

Für Bilfinger und Hochtief waren diese Erfahrungen so einschneidend, dass sie ihr Heil erstens in der Internationalisierung und zweitens jenen Geschäftsfeldern suchten, die mit dem Bauen selbst nur noch verwandt sind - allem voran Service, Betrieb, Wartung und Instandhaltung. Die Baustellen überließen sie stattdessen Subunternehmern.

Diese neue Ausrichtung findet bei Experten durchaus Gefallen. "Es war eine wichtige strategische Entscheidung für Bilfinger, das Servicegeschäft auszubauen und die Bauaktivität in den vergangenen Jahren drastisch verringert zu haben", sagt etwa Benjamin Gläser, Analyst der Berenberg Bank. Inzwischen haben die Mannheimer ihre einstige Bauleistung um mehr als 70 Prozent zurückgefahren. Auch die Essener Konkurrenz von Hochtief hat den Anteil der Bauleistung seit 2007 um fast 50 Prozent reduziert.

"Die deutsche Bauindustrie hat in den vergangenen fünfzehn Jahren einen starken Transformationsprozess vollzogen", sagt auch BHF-Analyst Jens Jung. Der Trend von großen strukturellen Einheiten hin zu eher virtuellen, projektbezogenen und kundenorientierten Organisationsformen habe sich etabliert. Die deutsche Bauindustrie sei sehr innovativ und international wettbewerbsfähig. "Dass Bilfinger sich zukünftig nicht mehr als Baukonzern sondern als Dienstleistungsunternehmen versteht, spricht Bände", sagt Jung.

Österreicher sind die Baukönige in Deutschland

Das Bilfinger  in Deutschland Gefängnisse betreibt und in Großbritannien Polizeiquartiere baut und verwaltet, passt in dieses neue Selbstverständnis. Die Kehrseite der Medaille: Das Geschäft mit Straßen- und Brückenbau und vor allem mit Großprojekten wie Bahnhöfen und Flughäfen machen mittlerweile immer öfter andere. Darunter große Player wie die niederländische BAM-Gruppe mit ihrer Tochter Wayss & Freytag oder der französische Gigant Vinci  mit den deutschen Töchtern Eurovia und SKE.

Die größte Bauleistung in Deutschland wird inzwischen allerdings unter österreichischer Flagge erbracht: von der Wiener Strabag AG . Der Konzern, der heute seine wie erwartet schwachen Quartalszahlen vorgelegt hat, kann sich derzeit zumindest auf eines verlassen: sein Deutschlandgeschäft. Dabei zehren die Österreicher vor allem von zahlreichen kleinen und großen Übernahmen, die sie in den vergangenen Jahren auf dem deutschen Markt getätigt haben.

Die wichtigsten Meilensteine legte Strabag-Vormann Hans Peter Haselsteiner dabei bereits im Jahr 2005 durch den Teilkauf der insolventen Walter-Bau-Gruppe und dem damit verknüpften Einstieg beim Stuttgarter Bauunternehmen Züblin. 2006 schluckten die Österreicher dann das mittelständische Bauunternehmen Preusse aus Braunschweig. Im darauf folgenden Jahr kamen das Bauunternehmen Alpen aus Schleswig-Holstein und Wettern aus Köln dazu. 2008 folgte die Immobilientochter der Deutschen Telekom  - DeTeImmobilien. Im selben Jahr schlug Strabag bei den zwei Straßenbauunternehmen F. Kirchhoff und Kirchner zu. Und erst 2011 übernahmen die Österreicher das Bremer Unternehmen Behmann Feuerfestbau und das Cuxhavener Wasserbauunternehmen Ludwig Voss.

Strabag hat Bilfinger und Hochtief auf die Plätze verwiesen

Kurzum, während Hochtief  heute weniger als 10 Prozent seiner Geschäfte in Deutschland und nur 4 Prozent im deutschen Baugeschäft erwirtschaftet, und während Bilfinger nur noch ein Fünftel seiner Umsätze am Bau erwirtschaftet, hat Strabag sich gezielt für die großen Bauprojekte im Nachbarland positioniert.

Längst hat Strabag die deutsche Konkurrenz auf die Plätze verwiesen. 2010 lag die Bauleistung des Konzerns in der Bundesrepublik bei gut 5 Milliarden Euro. Bilfinger brachte es auf 3,3 Milliarden, Hochtief auf 1,8 Milliarden.

Die Perle im Portfolio der Österreicher ist allen voran die deutsche Tochter Züblin, an der Strabag mit 53,6 Prozent beteiligt ist. Erst in der vergangenen Woche vermeldeten die Stuttgarter einen Auftragsrekord. Ein Grund dafür ist der Auftrag für das Bahnprojekt "Stuttgart 21" - ein lukratives Heimspiel auf Champions-League-Niveau.

Rund 300 Millionen Euro erhält Züblin unter anderem für die Errichtung der Bahnhofshalle und der zwei Zufahrtstunnel. Insgesamt hat sich der Auftragseingang der Züblin-Gruppe im vergangenen Jahr um mehr als 38 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro erhöht. Der Auftragsbestand wuchs um rund 22 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro - der höchste Wert der Konzerngeschichte.

Fehlt den deutschen Konkurrenten das Personal?

Züblin, so eine Anmerkung auf der jüngsten Bilanzpressekonferenz, gewinne mittlerweile in Deutschland auch deshalb viele Aufträge, weil sich die Konkurrenten aus der Fläche zurückgezogen hätten und nicht mehr genügend Personal mobilisieren könnten.

Experten zweifeln indes an dieser Aussage. Es gehe weniger darum, ob Großkonzerne wie Bilfinger oder Hochtief noch in der Lage seien, entsprechende Großprojekte abzuwickeln, glaubt BHF-Bank-Analyst Jens Jung. "Die Frage ist eher, ob sie es wollen." Und dies sei eher unter Aspekten des Risikomanagements zu sehen als unter Aspekten der Personalkapazität.

Das Dauer-PR-Desaster um die Hamburger Elbphilharmonie - den Zuschlag hielt Hochtief im Bieterwettstreit mit Strabag - oder der Pfusch am Kölner U-Bahn-Bau unter Federführung Bilfingers (auch Züblin war beteiligt), dürften hier einiges zur Neuausrichtung beider Konzerne beigetragen haben, künftig als Generalunternehmer bei Großprojekten nur noch beschränkt mitzubieten.

Die Ansicht, dass es weniger um Personalmanagement als um Risikomanagement geht, teilt auch Berenberg-Analyst Benjamin Gläser. "Der Geschäftsbereich ist schlichtweg aus dem strategischen Fokus gerückt." Bilfinger habe sich bewusst auf kleinere und speziellere Projekte fokussiert - von der Magnetspule für Teilchenbeschleuniger bis zum Stahlfundament für Offshore-Windräder.

Neue Hoffnung Offshore

Ganz aus Deutschland verabschieden werden sich allerdings weder Hochtief noch Bilfinger. Zwar haben beide - vor allem Bilfinger - das klassische Baugeschäft auf das Nötigste reduziert, also so weit, dass Know-how und Synergien weiterhin für die anderen Geschäftsfelder nutzbar bleiben. Gleichzeitig schielen sie jedoch auf ein künftiges deutsches Großprojekt, das in reinen Zahlen gelesen gigantisch wirkt: die Energiewende.

Allein die Modernisierung und der Ausbau der Stromtrassen an Land verschlingen nach Schätzungen der Netzbetreiber bis 2022 rund 20 Milliarden Euro. Für die Windkraft auf hoher See kommen noch einmal rund 12 Milliarden Euro hinzu. Das Bilfinger und Hochtief sich von diesem Kuchen ihr Stück abschneiden wollen, verwundert nicht.

Und die ersten Schritte haben beide Unternehmen bereits unternommen. Odin und Thor heißen beispielsweise die beiden Hub-Inseln, mit denen die Hochtief Solutions AG Windräder in bis zu 50 Meter Meerestiefe errichten will. Die vier Beine der nach dem nordischen Donnergott benannten Offshore-Bauplattform sind je 82 Meter lang.

Bilfinger indes gab kürzlich bekannt, auf der polnischen Insel Gryfia bei Stettin zusammen mit dem Stahlbauunternehmen Crist und dem polnischen Investmentfonds Mars Stahlkonstruktionen zu fertigen, die zur Gründung von Windkraftanlagen in größeren Wassertiefen zum Einsatz kommen. Ab 2014 sollen jährlich 80.000 Tonnen Stahl verarbeitet und Fundamente für 80 Windkraftanlagen gebaut werden.

So ähnlich wie bei den Elektroautos

In wie weit solche Zukunftspläne das Deutschlandgeschäft von Hochtief und Bilfinger wieder in den Mittelpunkt rücken werden, ist indes noch nicht ausgemacht. "Bilfinger und Hochtief sprechen in diesem Bereich zwar jetzt schon von Umsatzbeiträgen in dreistelliger Millionenhöhe", sagt Marc Nettelbeck, Branchenanalyst bei der DZ Bank. Doch ob sich die beiden Konzerne in der Wertschöpfungskette etablieren könnten, sei offen. Schließlich gebe es schon heute etablierte Konkurrenten, die auch vor Deutschlands Küsten ins Geschäft kommen wollten. So gelten beispielsweise Energieinfrastrukturanbieter wie die italienische Prysmian sowie die französischen Wettbewerber Nexans und Vinci Energy als ernsthafte Rivalen.

Doch auch die Versorger könnten sich dafür entscheiden, einen Teil des Geschäfts selber zu machen. So kreuzen etwa unter der Flagge der RWE-Tochter Innogy inzwischen zwei Installationsschiffe durch Nord- und Ostsee, um künftig Windparks zu erichten.

Für Hochtief sind das nicht die besten Nachrichten. Denn die Essener wollen ihre künftige Strategie vor allem auf drei Säulen stellen: Urbanisierung, Verkehr und - Energie. Abgesehen von der Installation von Offshore-Windrädern will der Konzern dabei eigentlich auch vom Ausbau der deutschen Stromtrassen vom stürmischen Norden in den sonnigen Süden der Republik profitieren.

Dazu soll ausgerechnet die neue Konzernmutter dienen: ACS . Der spanische Baukonzern hatte sich im vergangenen Jahr die Mehrheit an Hochtief  gesichert, nachdem sich der deutsche Bauriese vergeblich gegen eine Übernahme gestemmt hatte. In den darauf folgenden Monaten hatte ein Topmanager nach dem anderen Deutschlands größten Baukonzern den Rücken gekehrt - darunter auch Ex-Hochtief-Chef Herbert Lütkestratkötter.

Anteil an der Bauleistung unter 3 Prozent

Der seit Mai 2011 amtierende neue Hochtief-Chef Frank Stieler ist seither bemüht, neben dem Nutzen für die Spanier auch den Nutzen der Deutschen im Zuge der Zusammenarbeit mit der neuen Konzernmutter zu rechtfertigen. Ein Beispiel für den gemeinsamen Nutzen lieferte Stieler in der vergangenen Woche, in der er einen Auftrag über Planung, Bau, Betrieb und Teilfinanzierung einer Autobahn im kanadischen Alberta über 1,39 Milliarden Euro verkündete, den Hochtief gemeinsam mit seinem Mutterkonzern ACS in Kanada an Land gezogen hat.

Gegenüber der "Frankfurter Sonntagszeitung" legte Hochtief-Finanzchef Sassenfeld nach: "Wir sehen Potenzial für gemeinsame Umsätze im höheren einstelligen Milliardenbetrag, etwa bei Verkehrsprojekten in Nordamerika und Australien oder Stromleitungen in Deutschland."

Von bisher knapp fünf auf dann knapp sieben Milliarden Euro will Hochtief den Umsatz im Energieinfrastrukturgeschäft bis 2016 steigern. Unterirdische Stromtrassen beispielsweise sollen künftig Strom von Offshore-Parks nach Süddeutschland bringen. In Australien hat die Hochtief-Tochter Leighton solche Projekte bereits in Bau. In Deutschland geht es hingegen nicht voran.

Der Ausbau der Netze kommt hierzulande dem Bedarf nicht hinterher. Bereits im Jahr 2009 war im Energieleitungsausbaugesetz der Bau von Trassen mit einer Länge von 1834 Kilometern auf den Weg gebracht worden. Davon wurden 214 Kilometer realisiert, wovon keine 100 Kilometer auch tatsächlich in Betrieb genommen wurden.

"Die Energiewende ist aktuell zwar in aller Munde, so dass alle Bauunternehmen sich diesem Thema gewidmet haben", sagt Marc Gabriel, der die Branche für das Bankhaus Lampe analysiert. In Zahlen ausgedrückt liege der Anteil allerdings bislang bei unter 3 Prozent der Bauleistung der großen Konzerne. Ob dieser Bereich einmal mehr als 10 Prozent ausmachen werde, bleibe fraglich. Es sei so ähnlich wie bei den Elektroautos, sagt Gabriel. "Jeder redet darüber, aber die Verkaufszahlen sind verschwindend gering."

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