Mittwoch, 1. April 2020

Trotz Bauboom Warum Hochtief und Bilfinger nicht vom Heimatmarkt profitieren

Deutsche Bauwirtschaft: Lahme Wachstumsbremse schaltet auf Turbo
dapd

Deutschlands Baubranche boomt. Doch Deutschlands größte Baukonzerne profitieren davon nicht. Hochtief und Bilfinger setzen lieber auf die von der Energiewende erhofften Bauprojekte. Doch ausgerechnet hier herrscht zwischen Nordsee und Bodensee Flaute.

Hamburg - Die Euro-Krise kennt nicht nur Verlierer. Denn Angst vor dem Zerfall des Euro-Raums, Furcht vor Inflation und Flucht ins Betongold haben der deutschen Baubranche einen Boom beschert. Schon im Gesamtjahr 2011 legte der Branchenumsatz um 12,5 Prozent zu. Und auch 2012 läuft gut an. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie geht von immerhin 4 Prozent mehr Umsatz in diesem Jahr aus. Für eine Branche, die über Jahre nichts als Rezession kannte, ein blendender Wert, der, so der Verband, sich vor allem dem "lebhaften Wohnungsbau" verdanken ließe.

Dies lässt vor allem Handwerker und mittelständische Anbieter frohlocken, die größten unter ihnen sind Fertighausanbieter wie die Bien Zenker AG aus dem hessischen Schüchtern oder die Helma Eigenheimbau AG aus dem niedersächsischen Lehrte. Nur an den großen Namen der Branche, etwa Hochtief Börsen-Chart zeigen und Bilfinger Börsen-Chart zeigen, schwappt die Bauwelle vorbei.

"Strukturell bedingt existieren in Deutschland keine großen Konzerne mehr, die sich der Entwicklung des Wohnungsbaus verschrieben haben", sagt Jens Jung, der die Baubranche für die BHF-Bank analysiert. In angelsächsischen Ländern, so Jung, sei dies völlig anders. "Dort gibt es große börsennotierte Konzerne, die sich auf den Wohnungsbau spezialisiert haben." Darunter Milliardenunternehmen wie der US-Wohnungsbauer Dr. Horton, das britische Pendant Taylor Wimpey oder die schwedische Skanska Börsen-Chart zeigen.

Bauleistung um 70 Prozent zurückgefahren

Deutsche Konzerne wie Hochtief und Bilfinger haben sich hingegen weitgehend aus diesem Geschäft verabschiedet. Grund dafür war der lange Kater, der dem Wiedervereinigungsboom seit Mitte der neunziger Jahre folgte. Seither schrumpfte der Anteil der Bauwirtschaft am deutschen Bruttoinlandsprodukt von Jahr zu Jahr - von einst 14 auf heute 10 Prozent. Die Zahl der Beschäftigten halbierte sich gar von rund 1,5 Millionen im Jahr 1995 auf rund 715.000 im Krisenjahr 2009.

Für Bilfinger und Hochtief waren diese Erfahrungen so einschneidend, dass sie ihr Heil erstens in der Internationalisierung und zweitens jenen Geschäftsfeldern suchten, die mit dem Bauen selbst nur noch verwandt sind - allem voran Service, Betrieb, Wartung und Instandhaltung. Die Baustellen überließen sie stattdessen Subunternehmern.

Diese neue Ausrichtung findet bei Experten durchaus Gefallen. "Es war eine wichtige strategische Entscheidung für Bilfinger, das Servicegeschäft auszubauen und die Bauaktivität in den vergangenen Jahren drastisch verringert zu haben", sagt etwa Benjamin Gläser, Analyst der Berenberg Bank. Inzwischen haben die Mannheimer ihre einstige Bauleistung um mehr als 70 Prozent zurückgefahren. Auch die Essener Konkurrenz von Hochtief hat den Anteil der Bauleistung seit 2007 um fast 50 Prozent reduziert.

"Die deutsche Bauindustrie hat in den vergangenen fünfzehn Jahren einen starken Transformationsprozess vollzogen", sagt auch BHF-Analyst Jens Jung. Der Trend von großen strukturellen Einheiten hin zu eher virtuellen, projektbezogenen und kundenorientierten Organisationsformen habe sich etabliert. Die deutsche Bauindustrie sei sehr innovativ und international wettbewerbsfähig. "Dass Bilfinger sich zukünftig nicht mehr als Baukonzern sondern als Dienstleistungsunternehmen versteht, spricht Bände", sagt Jung.

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung