Mittwoch, 27. Mai 2020

Trotz Bauboom Warum Hochtief und Bilfinger nicht vom Heimatmarkt profitieren

Deutsche Bauwirtschaft: Lahme Wachstumsbremse schaltet auf Turbo
dapd

4. Teil: So ähnlich wie bei den Elektroautos

In wie weit solche Zukunftspläne das Deutschlandgeschäft von Hochtief und Bilfinger wieder in den Mittelpunkt rücken werden, ist indes noch nicht ausgemacht. "Bilfinger und Hochtief sprechen in diesem Bereich zwar jetzt schon von Umsatzbeiträgen in dreistelliger Millionenhöhe", sagt Marc Nettelbeck, Branchenanalyst bei der DZ Bank. Doch ob sich die beiden Konzerne in der Wertschöpfungskette etablieren könnten, sei offen. Schließlich gebe es schon heute etablierte Konkurrenten, die auch vor Deutschlands Küsten ins Geschäft kommen wollten. So gelten beispielsweise Energieinfrastrukturanbieter wie die italienische Prysmian sowie die französischen Wettbewerber Nexans und Vinci Energy als ernsthafte Rivalen.

Doch auch die Versorger könnten sich dafür entscheiden, einen Teil des Geschäfts selber zu machen. So kreuzen etwa unter der Flagge der RWE-Tochter Innogy inzwischen zwei Installationsschiffe durch Nord- und Ostsee, um künftig Windparks zu erichten.

Für Hochtief sind das nicht die besten Nachrichten. Denn die Essener wollen ihre künftige Strategie vor allem auf drei Säulen stellen: Urbanisierung, Verkehr und - Energie. Abgesehen von der Installation von Offshore-Windrädern will der Konzern dabei eigentlich auch vom Ausbau der deutschen Stromtrassen vom stürmischen Norden in den sonnigen Süden der Republik profitieren.

Dazu soll ausgerechnet die neue Konzernmutter dienen: ACS Börsen-Chart zeigen. Der spanische Baukonzern hatte sich im vergangenen Jahr die Mehrheit an Hochtief Börsen-Chart zeigen gesichert, nachdem sich der deutsche Bauriese vergeblich gegen eine Übernahme gestemmt hatte. In den darauf folgenden Monaten hatte ein Topmanager nach dem anderen Deutschlands größten Baukonzern den Rücken gekehrt - darunter auch Ex-Hochtief-Chef Herbert Lütkestratkötter.

Anteil an der Bauleistung unter 3 Prozent

Der seit Mai 2011 amtierende neue Hochtief-Chef Frank Stieler ist seither bemüht, neben dem Nutzen für die Spanier auch den Nutzen der Deutschen im Zuge der Zusammenarbeit mit der neuen Konzernmutter zu rechtfertigen. Ein Beispiel für den gemeinsamen Nutzen lieferte Stieler in der vergangenen Woche, in der er einen Auftrag über Planung, Bau, Betrieb und Teilfinanzierung einer Autobahn im kanadischen Alberta über 1,39 Milliarden Euro verkündete, den Hochtief gemeinsam mit seinem Mutterkonzern ACS in Kanada an Land gezogen hat.

Gegenüber der "Frankfurter Sonntagszeitung" legte Hochtief-Finanzchef Sassenfeld nach: "Wir sehen Potenzial für gemeinsame Umsätze im höheren einstelligen Milliardenbetrag, etwa bei Verkehrsprojekten in Nordamerika und Australien oder Stromleitungen in Deutschland."

Von bisher knapp fünf auf dann knapp sieben Milliarden Euro will Hochtief den Umsatz im Energieinfrastrukturgeschäft bis 2016 steigern. Unterirdische Stromtrassen beispielsweise sollen künftig Strom von Offshore-Parks nach Süddeutschland bringen. In Australien hat die Hochtief-Tochter Leighton solche Projekte bereits in Bau. In Deutschland geht es hingegen nicht voran.

Der Ausbau der Netze kommt hierzulande dem Bedarf nicht hinterher. Bereits im Jahr 2009 war im Energieleitungsausbaugesetz der Bau von Trassen mit einer Länge von 1834 Kilometern auf den Weg gebracht worden. Davon wurden 214 Kilometer realisiert, wovon keine 100 Kilometer auch tatsächlich in Betrieb genommen wurden.

"Die Energiewende ist aktuell zwar in aller Munde, so dass alle Bauunternehmen sich diesem Thema gewidmet haben", sagt Marc Gabriel, der die Branche für das Bankhaus Lampe analysiert. In Zahlen ausgedrückt liege der Anteil allerdings bislang bei unter 3 Prozent der Bauleistung der großen Konzerne. Ob dieser Bereich einmal mehr als 10 Prozent ausmachen werde, bleibe fraglich. Es sei so ähnlich wie bei den Elektroautos, sagt Gabriel. "Jeder redet darüber, aber die Verkaufszahlen sind verschwindend gering."

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