Mittwoch, 27. Mai 2020

Trotz Bauboom Warum Hochtief und Bilfinger nicht vom Heimatmarkt profitieren

Deutsche Bauwirtschaft: Lahme Wachstumsbremse schaltet auf Turbo
dapd

3. Teil: Fehlt den deutschen Konkurrenten das Personal?

Züblin, so eine Anmerkung auf der jüngsten Bilanzpressekonferenz, gewinne mittlerweile in Deutschland auch deshalb viele Aufträge, weil sich die Konkurrenten aus der Fläche zurückgezogen hätten und nicht mehr genügend Personal mobilisieren könnten.

Experten zweifeln indes an dieser Aussage. Es gehe weniger darum, ob Großkonzerne wie Bilfinger oder Hochtief noch in der Lage seien, entsprechende Großprojekte abzuwickeln, glaubt BHF-Bank-Analyst Jens Jung. "Die Frage ist eher, ob sie es wollen." Und dies sei eher unter Aspekten des Risikomanagements zu sehen als unter Aspekten der Personalkapazität.

Das Dauer-PR-Desaster um die Hamburger Elbphilharmonie - den Zuschlag hielt Hochtief im Bieterwettstreit mit Strabag - oder der Pfusch am Kölner U-Bahn-Bau unter Federführung Bilfingers (auch Züblin war beteiligt), dürften hier einiges zur Neuausrichtung beider Konzerne beigetragen haben, künftig als Generalunternehmer bei Großprojekten nur noch beschränkt mitzubieten.

Die Ansicht, dass es weniger um Personalmanagement als um Risikomanagement geht, teilt auch Berenberg-Analyst Benjamin Gläser. "Der Geschäftsbereich ist schlichtweg aus dem strategischen Fokus gerückt." Bilfinger habe sich bewusst auf kleinere und speziellere Projekte fokussiert - von der Magnetspule für Teilchenbeschleuniger bis zum Stahlfundament für Offshore-Windräder.

Neue Hoffnung Offshore

Ganz aus Deutschland verabschieden werden sich allerdings weder Hochtief noch Bilfinger. Zwar haben beide - vor allem Bilfinger - das klassische Baugeschäft auf das Nötigste reduziert, also so weit, dass Know-how und Synergien weiterhin für die anderen Geschäftsfelder nutzbar bleiben. Gleichzeitig schielen sie jedoch auf ein künftiges deutsches Großprojekt, das in reinen Zahlen gelesen gigantisch wirkt: die Energiewende.

Allein die Modernisierung und der Ausbau der Stromtrassen an Land verschlingen nach Schätzungen der Netzbetreiber bis 2022 rund 20 Milliarden Euro. Für die Windkraft auf hoher See kommen noch einmal rund 12 Milliarden Euro hinzu. Das Bilfinger und Hochtief sich von diesem Kuchen ihr Stück abschneiden wollen, verwundert nicht.

Und die ersten Schritte haben beide Unternehmen bereits unternommen. Odin und Thor heißen beispielsweise die beiden Hub-Inseln, mit denen die Hochtief Solutions AG Windräder in bis zu 50 Meter Meerestiefe errichten will. Die vier Beine der nach dem nordischen Donnergott benannten Offshore-Bauplattform sind je 82 Meter lang.

Bilfinger indes gab kürzlich bekannt, auf der polnischen Insel Gryfia bei Stettin zusammen mit dem Stahlbauunternehmen Crist und dem polnischen Investmentfonds Mars Stahlkonstruktionen zu fertigen, die zur Gründung von Windkraftanlagen in größeren Wassertiefen zum Einsatz kommen. Ab 2014 sollen jährlich 80.000 Tonnen Stahl verarbeitet und Fundamente für 80 Windkraftanlagen gebaut werden.

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