Mittwoch, 27. Mai 2020

Deutsche Unternehmen "Wir haben eine Investitionslücke in Deutschland"

Markus Beumer, Vorstand Mittelstandskunden bei der Commerzbank: "Optimismus und Wachstumschancen verlagern sich derzeit außerhalb des Euro-Lands"

Die eskalierende Euro-Krise lässt die Unsicherheit bei deutschen Unternehmen steigen. Obwohl viele bestens finanziert sind, schieben sie Investitionen in Deutschland auf oder investieren außerhalb der Euro-Zone, sagt Commerzbank-Vorstand Markus Beumer. Dadurch entstehen neue Risiken.

mm: Herr Beumer, in Spanien werden Banken zwangskapitalisiert, und in Griechenland droht die Staatspleite. Lähmt die Euro-Schuldenkrise neben den Finanzmärkten auch die deutschen Unternehmen?

Beumer: Eine drohende Pleite Griechenlands bereitet deutschen Mittelständlern keine schlaflosen Nächte - sie gehen sehr gelassen mit dem Thema um. Viele Unternehmen in Deutschland agieren derzeit aus einer Position der Stärke heraus: Sie haben Kosten reduziert und gleichzeitig auch davon profitiert, dass wir in Deutschland sehr niedrige Zinsen ohne Aufwertung der Währung haben. Viele Unternehmen verdienen gut und sind solide finanziert. Sie sind aber nicht sorgenfrei.

mm: Was treibt die Mittelständler also um?

Beumer: Die größte Sorge der mittelständischen Unternehmen in Deutschland, das hat unsere Studie gezeigt, sind die sich in hohem Tempo verändernden wirtschaftspolitischen Verhältnisse sowie die Kurzatmigkeit der Politik. Die raschen Veränderungen und das Hin und Her sorgen für eine hohe Volatilität der politischen Entscheidungen. Das kann für Unternehmen in Deutschland gefährlich werden - selbst dann, wenn sie finanziell gut aufgestellt sind.

mm: Wie reagieren Firmen auf die steigende Unsicherheit?

Beumer: Wenn unklar ist, wie die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Kürze aussehen werden, kann ein Unternehmer nicht planen. Die Zeiten, in denen man angesichts stabiler Märkte mit ruhigem Gewissen in langfristiges Wachstum investieren konnte, sind vorbei. Das führt dazu, dass Unternehmen sich bei Investitionen und fremdfinanzierter Expansion zurückhalten. Die Folge: Wir haben eine geringe Kreditnachfrage. Im Gegensatz zu vielen Ländern in Europa sind wir von einer Kreditklemme jedoch weit entfernt. Aber wir haben stattdessen eine Investitionslücke in Deutschland.

mm: Dass Unternehmen in Zeiten der Krise vorsichtig agieren, ist verständlich.

Beumer: Es ist sogar vernünftig. Doch diese Vorsicht kann auch wachstumshemmend sein. Unternehmen drohen Chancen zu verpassen, wenn sie allzu kritisch gegenüber Schulden sind und Investitionen verschleppen - zumal die Zinsen noch nie so niedrig waren wie derzeit und sich für viele Unternehmen sehr gute Finanzierungsmöglichkeiten bieten.

mm: Also Zeit für den Krisengewinner Deutschland, die Bremsen zu lösen und stärker zu investieren?

Beumer: Das wäre zu einfach, man muss jedes Unternehmen einzeln anschauen. Aber klar ist auch: Die überwältigende Mehrheit der mittelständischen Unternehmen hat die richtigen Konsequenzen aus der Finanzkrise gezogen und seine Hausaufgaben erledigt. Die meisten Unternehmen betreiben ein umfangreiches Kapitalmanagement, sind in vielen Fällen exzellent kapitalisiert und gut gerüstet. Sie treten bei ihren Banken viel selbstbewußter auf als noch vor zwei oder drei Jahren. Ein Beispiel: 40 Prozent der von uns befragten 4000 Unternehmen weisen eine Eigenkapitalquote von 30 Prozent aus. Vor 10 Jahren lag dieser Wert noch bei 10 Prozent. Verkürzt gesagt: Das Geld ist da, doch die Unsicherheit, die hierzulande als bedrohlich empfunden wird, bremst Investitionen und das weitere Handeln.

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