Naturstrom-Vorstand Hummel "EEG-Novelle begünstigt Branchenriesen"

In wenigen Tagen tritt die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes in Kraft. Demnach sollen bereits 2020 rund 35 Prozent des deutschen Stroms aus erneuerbaren Energiequellen stammen. Für Naturstrom-Vorstand Oliver Hummel lässt die Novelle dennoch viele Wünsche offen.
Von Nicole Wildberger
Windkrafträder in Nordbayern: Obwohl die Onshore-Windkraft erheblich kostengünstiger und einfacher zu realisieren ist, wird die Offshore-Windkraft 2012 noch stärker gefördert

Windkrafträder in Nordbayern: Obwohl die Onshore-Windkraft erheblich kostengünstiger und einfacher zu realisieren ist, wird die Offshore-Windkraft 2012 noch stärker gefördert

Foto: DPA

mm: Am 1. Januar 2012 tritt die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes in Kraft - welche Auswirkungen sehen Sie für ihre Branche im Allgemeinen und Ihr Unternehmen im Besonderen?

Hummel: Im Prinzip schreibt die Novelle nur die Ziele der vergangenen Jahre fort - und bleibt damit hinter den Möglichkeiten zurück. Zwar hat das Thema Energiewende nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima erheblich an Dynamik gewonnen, schließlich ist dadurch erst der erneute Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen worden. Allerdings wurden die Ausbauziele für die Erneuerbaren Energien gegenüber den Planungen vor dem Ausstieg nicht erhöht, obwohl nun auch die 25 Prozent Atomstrom ersetzt werden müssen, die in Deutschland bislang verbraucht wurden. Das novellierte EEG schafft leider weder die Rahmenbedingungen für einen beschleunigten und zugleich möglichst kostengünstigen Ausbau der Erneuerbaren Energien, noch setzt es effektive Anreize für die dringend benötigte Markt- und Systemintegration der Erneuerbaren Energien. Gerade im Bereich Marktintegration wurden Chancen vertan. Die direkte Vermarktung von deutschem Ökostrom an Endkunden wurde beispielsweise sogar noch erschwert - ein Effekt, der uns als Anbieter von dezentral erzeugtem Ökostrom direkt betrifft.

mm: Was waren denn aus Ihrer Sicht die Bremsen für die Entwicklung der Erneuerbaren Energie in den vergangen Jahren?

Hummel: Die Regierungen einiger Bundesländer, und hier vor allem die Flächenstaaten Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen, haben den Ausbau der Windenergie blockiert, zum Beispiel durch entsprechend restriktive Flächennutzungspläne. Das hat sich aufgrund der Regierungswechsel nun aber zum Glück geändert. Wenn die Flächenplanung der Landesregierungen die bundesweiten Zielvorgaben berücksichtigt und nicht gegensteuert, dann ist dies ein Schritt in die richtige Richtung. Aber alles Planungsrecht nützt am Ende wenig, wenn die Bürger nicht eingebunden werden - entweder über direkte Investitionsmöglichkeiten in Bürgersolar- und Bürgerwindparks. Oder indem, wenn ein Windpark neben einem Dorf realisiert wird, jeder Einwohner einen Rabatt auf seine Stromrechnung bekommt. Ein Modell, das wir gerade selber anbieten. So profitiert der Bürger davon, die Windräder in unmittelbarer Nähe zu haben. Und das erhöht natürlich auch die Akzeptanz.

mm: Geht Ihnen denn dann die Novelle nicht weit genug?

Hummel: Die Novelle hakt an sehr vielen Ecken, denn sie unterstützt grundsätzlich nicht die dezentralen und mittelständischen Erzeugerstrukturen, sondern eher die großen Energiekonzerne. Das zeigt besonders deutlich das Beispiel der Windparks auf hoher See, die ab dem 1. Januar 2012 eine nochmal erhöhte Förderung erhalten werden. Solche riesigen Windparks, von denen viele geplant, in der deutschen See aber erst zwei betrieben werden, sind primär Konzernthemen, da es dafür immenser Investitionen bedarf. Und diese Anlagen auf hoher See werden im neuen Jahr mit 19 Cent pro Kilowattstunde gefördert - Anlagen an Land erhalten dagegen lediglich circa 10 Cent pro Kilowattstunde. Offshore-Windkraft wird also trotz der bekannten technischen Schwierigkeiten aggressiv unterstützt, Onshore-Windkraft, die erheblich einfacher zu realisieren ist, kleinteiliger gebaut werden kann und vor allem schon sehr nah am Marktpreis produziert, dagegen nicht. Da arbeiten eben keine Konzerne dran. Ohne Fukushima wäre es im Onshore-Windkraftbereich vermutlich sogar noch zu Kürzungen gekommen.

"Photovoltaik wird stark wachsen"

mm: Und wie sieht es mit den anderen Energieträgern aus - beispielsweise der Photovoltaik? Da sind aktuell ja einige Unternehmen in Bedrängnis?

Hummel: Die Photovoltaik wird aus meiner Sicht aus einer ganzen Reihe von Gründen noch stark wachsen. Anlagenbetreiber haben zu Beginn der Förderung von Erneuerbaren Energien über 50 Cent Vergütung für die Kilowattstunde Strom aus Photovoltaikanlagen erhalten - aktuell liegt die Vergütung bei 21,11 Cent. Prognosen gehen davon aus, dass wir in wenigen Jahren bei neun Cent landen werden - das bedeutet, die Photovoltaik produziert dann zu denselben Kosten Strom wie ein neues Atom- oder Kohlekraftwerk. Gleichzeitig sind auch die Preise für Solarmodule erheblich gefallen - allein seit Januar 2011 beispielsweise für deutsche kristalline Module um 31 Prozent, für kristalline Module aus China sogar um 42 Prozent. Das bedeutet einen enormen Preisverfall, der den Kunden zu Gute kommt, schließlich macht die Photovoltaik bisher einen Großteil der Kosten des Erneuerbaren Energien Gesetzes aus. Photovoltaik hat außerdem den großen Vorteil, dass es gegen deren Ausbau wenig Widerstand in der Bevölkerung gibt. Solaranlagen auf dem Dach sind sogar en vogue. Die Frage, inwieweit deutsche Hersteller bei diesem starken internationalen Preiswettbewerb langfristig konkurrieren können, lässt sich momentan nicht abschließend beantworten. Sicherlich wird die Zahl der heimischen Produzenten eher abnehmen.

mm: Und die anderen Energieträger - beispielsweise Biomasse oder auch Wasser?

Hummel: Neue Wasserkraftanlagen in Deutschland zu planen und zu bauen ist aufgrund der damit verbundenen Auflagen und Genehmigungen ein extrem aufwendiges und zeitfressendes Unterfangen geworden. Wir selbst haben mehr als fünf Jahre benötigt um die Genehmigungen für ein neues Wasserkraftwerk zu erhalten. In diesem Sektor müssen die Prozesse unbedingt erleichtert werden, wenn es wieder einen nennenswerten Zubau geben soll. Im Bereich der Biomasseanlagen gibt es besonders viele kritische Punkte zu beachten, zumindest wenn man einige Ansprüche an die Anlagen stellt und Themen wie zusätzliche Monokulturen bei Raps oder Mais vermeiden will. Auf der anderen Seite ist die Stromerzeugung potenziell steuerbar und spielt somit in einem Mix schwankender Stromerzeuger wie Wind- und PV-Anlagen auch weiterhin eine wichtige Rolle. Generell sehen wir die Chancen der Biomasse eher im Abfallbereich und versuchen bei eigenen Anlagen die Umweltverträglichkeit und Effizienz der Anlagen weiter zu verbessern. Für unser eigenes Biogasprodukt haben wir einen Liefervertrag mit einer großen Klärgasanlage geschlossen. Die Gase in einer Kläranlage entstehen ohnehin - ob man sie nutzt oder nicht. Wenn man daraus auch noch Energie gewinnen kann, ist das die optimale Lösung.