Chemiebranche "Rohstoffnähe oder Marktnähe"

Die Wachstumsregion Naher Osten wandelt sich vom Rohstofflieferanten zum Chemiestandort. Josef Packowski, CEO der auf Chemie spezialisierten Unternehmensberatung Camelot, spricht über den Zweikampf zwischen BASF und Sabic, über Saudisierung und den Sinn von Investitionen in China.
Von Kristian Klooß
Ölfeld in Saudi Arabien: "Es geht um Saudisierung - also darum, wie viele wissensbasierte und hochqualifizierte Arbeitsplätze in Saudi-Arabien in der Petrochemie entstehen"

Ölfeld in Saudi Arabien: "Es geht um Saudisierung - also darum, wie viele wissensbasierte und hochqualifizierte Arbeitsplätze in Saudi-Arabien in der Petrochemie entstehen"

Foto: epa Jamal Nasrallah/ picture-alliance/ dpa

mm: Herr Packowski, Ihre Unternehmensberatung kam in einer Studie zu dem Schluss, dass der saudische Chemiekonzern Sabic die BASF bis 2015 als Weltmarktführer ablösen könnte. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Packowski: Eigentlich ging es in der Marktprognose darum, zu zeigen, wie schnell sich die Golfregion in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Chemieproduzenten entwickelt hat. Sie ist längst nicht mehr nur Rohstofflieferant. Die Zahlen, auf die wir uns in der Studie bezogen haben, basieren auf einer Fortschreibung der Wachstumsraten der vergangenen Jahre. Sollte der Chemiesektor im Nahen Osten weiterhin mit rund 20 Prozent im Jahr wachsen, und würde Sabic davon weiter entsprechend profitieren, dann, so die Prämisse, könnte der Konzern sogar bereits im Jahr 2015 die BASF  als umsatzstärkstes Chemieunternehmen der Welt ablösen.

Dieses Szenario ist allerdings rein hypothetisch, weil das Umsatzwachstum in der Vergangenheit auch erheblich durch große Zukäufe zu Stande kam. Sabic selbst geht mittlerweile von einem weniger rasanten Umsatzwachstum aus - auf "nur" noch etwa 60 Milliarden US-Dollar bis 2020.

mm: Gelten die Wachstumsprämissen also nicht mehr?

Packowski: Ich komme gerade vom GPCA Forum…

mm: …einem der bedeutendsten Treffen der weltweiten Vertreter der Chemieindustrie im Nahen Osten…

Packowski: …und die Investitionen in der Golfregion, von denen dort gesprochen wurde, waren noch höher als in der Studie angenommen. Und doch ging es dort weniger um Wachstum allein, als vor allem darum, wie Investitionen im Nahen Osten die Entwicklung nachgelagerter Wertschöpfungsprozesse in der Chemie fördern können. Diese Investitionslenkung war das Thema der Eröffnungsrede des Forums, die Prinz Faisal Bin Turki Al-Saud persönlich gehalten hat. In Saudi Arabien spricht man in diesem Zusammenhang von Saudisierung.

mm: : Saudisierung?

Packowski: Ja, Saudisierung, das ist aktuell das Schlagwort schlechthin in der Region. Es geht darum, wie viele wissensbasierte und hochqualifizierte Arbeitsplätze in Saudi Arabien in der Petrochemie, aber auch in anderen Branchen, geschaffen werden können. Das Potenzial ist schließlich da. Die jungen Leute sind gut ausgebildet. In der Chemiebranche haben einige Konzerne in kürzester Zeit zu den Weltmarktführern aufgeschlossen, darunter Sabic oder das Industriekonglomerat Tasnee. Gleichzeitig unterstützt die Regierung diese Entwicklung mit Nachdruck. Ich kenne keine andere Region, wo von der öffentlichen Seite ähnlich gute Rahmenbedingungen angestrebt werden.

mm: Spielen die Unruhen im arabischen Raum auch eine Rolle?

Packowski: Das geht nicht spurlos am Nahen Osten vorbei. Der Druck auch auf die saudische Regierung wächst. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass die Aussage lautet: Es werden bei der Rohstoffzuteilung jene Investoren bevorzugt, die mit ihren Investments mehr für die Entwicklung von Downstream-Aktivitäten, also für die nachgelagerten Bereiche der chemischen Wertschöpfung tun und damit mehr Arbeitsplätze für den zunehmenden Strom hoch qualifizierter Saudis schaffen.

Regierung möchte keine falschen Signale setzen

mm: Das Beispiel Dubai hat gezeigt, wie schwierig es ist, ganze Wirtschaftszweige quasi auf Sand zu bauen. Die Produktion von Benzin, Gummi, Plastik oder von höherwertigen Produkte wie Pharmazeutika, Automobilkomponenten bedarf doch auch der Nachfrage in der Region. Gibt es diese überhaupt?

Packowski: Weil der Druck der Regierung so groß ist, hier etwas zu tun, steht diese Frage nicht an erster Stelle. Deutlich wird dies, wenn Sie mit den Vertretern der lokalen Konzerne sprechen. Es wird oft nicht gefragt, ob die Investments stärker in Asien oder in Amerika stattfinden sollten, obwohl es gelegentlich gute Gründe dafür gäbe. Zum Beispiel die angesprochene Nähe zu den Absatzmärkten. Doch auch das Sammeln von Erfahrungen und das Erlernen von Technologien kann für eine Internationalisierung sprechen.

mm: : Erst vor wenigen Wochen hieß es doch, Sabic plant groß in China zu investieren.

Packowski: Ja, das war ein Gerücht. Es wurde aber vor wenigen Tagen wieder dementiert.

mm: : Dass Sabic zu rund 70 Prozent dem saudischen Staat gehört, spielt eine Rolle für solche Management-Entscheidungen?

Packowski: Absolut. Die Regierung möchte keine falschen Signale senden. Die Unternehmen aus den Golfstaaten investieren natürlich auch in den Wachstumsmärkten in Asien, besonders in die Fertigung hochwertiger Produkte vor Ort - wie etwa technische Kunststoffe. Es soll aber ein klarer Fokus auf die lokale Entwicklung gelegt werden. Das gilt auch für andere Bereiche der saudischen Industrien. Erst kürzlich wurde der Lebensmittelkonzern Almarai wieder zurückgepfiffen, nachdem er seine Milchpreise in der Region erhöht hatte. Der Grund war, dass die Bevölkerung das negativ aufgenommen hatte. Und über Twitter und Facebook breitete sich der Protest so schnell aus, dass sich die Regierung veranlasst sah, per Direktive des Ministeriums die Milchpreise wieder zurückzusetzen. So sollte die Unzufriedenheit eingedämmt werden.

mm: Bringt der lange Arm der Politik den arabischen Unternehmen auch Vorteile gegenüber rein marktwirtschaftlich planenden Wettbewerbern?

Packowski: Die Chemieunternehmen in der Region haben ohne Frage einen immensen Vorteil bei der Zuteilung und dem Bezugspreis von Rohstoffen. Dadurch konnten die einheimischen Unternehmen ja überhaupt erst so schnell zu den Weltmarktführern bei petrochemischen Produkten aufschließen.

Der Rohstoffvorteil sinkt mit der Spezialisierung

mm: Anders als Sabic verlagern die BASF, aber auch Bayer  , inzwischen ganze Geschäftssparten nach China. Eine sinnvolle Entscheidung?

Packowski: Die Verlagerung gerade in den Bereichen der Textilbranche ist ja schon lange auf dem Vormarsch. Prominentestes Beispiel aus Deutschland ist ja der Farbstoffkonzern Dystar…

mm: …der 1995 als Joint Venture unter anderem aus Bayer, BASF und Hoechst hervorgegangen war…

Packowski: … und der heute vor allem in Asien produziert. Wenn Sie Massenwaren herstellen, dann können Sie es sich heute nicht mehr leisten, Zwischenprodukte zwischen den Kontinenten hin und her zu transportieren oder in Hochlohnländern zu fertigen.

mm: Was spricht da für den Nahen Osten als Standort?

Packowski: Hier lautet die Gretchenfrage: Rohstoffnähe oder Marktnähe? Solange Unternehmen im Nahen Osten auf der Ebene der Massenprodukte und der Basischemie wirtschaften, ist der Rohstoffvorteil enorm. In den Vereinigten Staaten kostet Ethan rund vier Mal so viel wie in Saudi Arabien. Wir reden hier von einem immensen Kostenvorteil im Nahen Osten.

mm: Aber Downstreaming und Spezialisierung lösen diesen Vorteil auf.

Packowski: Ja, der Rohstoffvorteil der Region nimmt ab, je weiter man den Wertschöpfungsketten folgt, sich also auf höherwertige Produkte spezialisiert. Gleichzeitig werden Applikationskompetenz, Entwicklungskompetenz und Technologiekompetenz immer bedeutsamer. Sabic hat bereits darauf reagiert und ein Innovationszentrum in der Region gegründet. Und auch der Chemiekonzern LyondellBasell hat jetzt Pläne für ein entsprechendes Kompetenzzentrum in der Region vorgestellt.

mm: Ein anderer Großkonzern, Dow Chemical, hat angekündigt, im Nahen Osten mit dem saudischen Ölgiganten Aramco die größte chemische Produktionsanlage aus dem Boden zu stampfen, die je in einem einzigen Schritt erbaut wurde. Welche Strategie steckt hinter diesem Sadara genannten Joint Venture?

Packowski: Es wächst auch anderswo die Erkenntnis, dass die BASF in der Vergangenheit einiges richtig gemacht hat. Die chemischen Prozesse, die das Unternehmen an seinen Verbundstandorten perfekt miteinander verknüpft, gelten als Ansatz, der auch im Nahen Osten funktionieren kann. Die saudische Regierung treibt das Sadara-Projekt daher voran. Auch andere westliche Konzerne haben bereits Interesse an ähnlichen Projekten im Nahen Osten bekundet.

mm: Wer zum Beispiel?

Packowski: Stephen Pryor, President der ExxonMobil Chemical Company, hat auf der GPCA-Konferenz beispielsweise dafür plädiert, konkurrenzübergreifend eine stärkere Konsolidierung in Richtung Verbund und Verbundintegration anzustreben. Da bietet sich das Sadara-Projekt als Ausgangsbasis gut an. Spannend ist aber auch ein geplantes Projekt, das Exxon Mobile und Sabic in der Region gemeinsam vorantreiben. Beide Unternehmen wollen Rohöl ab 2015 gemeinsam direkt weiter verarbeiten, es also in die chemische Wertschöpfungskette mit einbeziehen.

"Reach" verzögert den Abbau von Europas Schiefergas

mm: Kommen wir noch einmal zurück zur Frage: Rohstoffnähe oder Nachfragenähe? Welche Rolle spielt eine solche strategische Entscheidung für die Kostenstrukturen, die Wertschöpfungsketten, die Internationalisierung?

Packowski: Wenn ein Unternehmen sich auf nur ein Szenario festlegt, ist das schon ein erhebliches wirtschaftliches Risiko. Es geht also darum, die Szenarien auszubalancieren. Das heißt, ein Unternehmen sollte nicht nur einseitig auf Rohstoffnähe setzen, sondern diesen Faktor mit zunehmender Produktspezialisierung auch mit der Marktnähe austarieren. Beide Aspekte auszubalancieren, das wird meiner Ansicht nach die Herausforderung für alle Chemieunternehmen sein. Diese Frage hat aber gerade im Nahen Osten nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Aspekte.

mm: Seit diesem Jahr weist Venezuela erstmals mehr Ölreserven auf als Saudi Arabien. Auch Argentinien hat kürzlich Rekordfunde bekannt gegeben. Sind hier Verschiebungen zu erwarten?

Packowski: Für US-Konzerne zum Beispiel war Südamerika ja schon immer eine Rohstoffquelle. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Die Vorteile auf der Kostenstruktur liegen aber, trotz der neuen Funde, immer noch im Nahen Osten. Nehmen wir das Beispiel Venezuela. Die dortigen Ölvorkommen können nur für mehrere US-Dollar pro Tonne angeboten werden. Im Nahen Osten liegen wir unter einem Dollar.

mm: In den Vereinigten Staaten ist eine regelrechte Schiefergasrevolution ausgebrochen. Ist in Europa, wo ebenfalls große Vorkommen existieren, ähnliches zu erwarten?

Packowski: In Europa gibt es einen großen Schirm, der über allem aufgespannt ist. Und auf diesem Schirm steht "REACH"….

mm: …das Kürzel für die seit 2007 gültige europäische Chemikalienverordnung.

Packowski: Da geht es um Nachhaltigkeit. Und dies gilt nicht nur für die Endprodukte. Dies gilt über die gesamte Wertschöpfungskette bis hin zu jenen Einsatzstoffen, die beim Fracking, also dem Abbau des Gases aus den Gesteinsschichten, verwendet werden. Die Schiefergasförderung wird vor diesem Hintergrund in Europa immer noch sehr kritisch gesehen. Ich glaube daher nicht, dass hier abgesehen von Osteuropa viel stattfinden wird.