Manroland-Insolvenz Tiefer Groll gegen den Allianz-Konzern

Es ist der Überlebenskampf eines Industrieriesen: Auf seiner ersten Betriebsversammlung bei Manroland konnte Insolvenzverwalter Jürgen Schneider der Belegschaft keine konkreten Ansagen zu Investoren machen. Die bangt jetzt um ihre Jobs - und wütet gegen Manroland-Anteilseigner Allianz.
Von Cornelia Knust
Manroland-Demonstration am 13.12.2011: Insolvenz in Eigenverantwortung angestrebt

Manroland-Demonstration am 13.12.2011: Insolvenz in Eigenverantwortung angestrebt

Augsburg - "Das was wir wissen wollten, haben wir nicht erfahren". Der Mann in den 50ern, seit 26 Jahren Maschinenschlosser bei Manroland, verlässt am Dienstag das Augsburger Werksgelände durch Tor 1. Die gerade beendete Betriebsversammlung in der Montagehalle R44 mit mehr als 2000 Kollegen hat ihn nicht beeindruckt. Der Mann will wissen, für welchen Arbeitgeber er künftig schafft. Mit seinem Meister habe er gewettet, dass ein Drittel bis die Hälfte der Beschäftigten gehen muss. Den Vorstand, der ja immer noch im Amt ist, wünscht er zum Teufel: "Wer so einen Mist baut, muss weg".

Insolvenzverwalter Werner Schneider - er kommt gerade von der gleichen Veranstaltung - gibt sich dagegen ganz zufrieden. "Es ist ziemlich aggressionsfrei und ruhig gelaufen". Der ruhige Mann hat sogar Zeit zum Scherzen. Er nennt noch keine Investoren, aber er wirkt erstaunlich optimistisch. "Ich gehe mit sehr großer Sicherheit davon aus, dass Manroland als produzierendes Unternehmen erhalten bleibt, wenn auch nicht in der selben Dimension", wiederholt er, was er drinnen den Beschäftigten sagte. Gerade für das Rollendruckgeschäft in Augsburg ist er zuversichtlich.

Aus Gesprächen mit Zeitungsverlagen weiß er: Die Kunden brauchen die Maschinen vom Weltmarktführer in diesem Segment, sie brauchen die termingerechte Auslieferung der schon begonnenen Anlagen und den anschließenden Service, sie bleiben bei der Stange. Das gibt dem Verwalter Zeit bis Ende Januar, bis die Zahlung des Insolvenzgeldes durch die Arbeitsagentur ausläuft. Bei den in Offenbach ansässigen Bogenmaschinen sei die Lage anders; da brauche der Markt Manroland nicht unbedingt, sagt Schneider.

Der Druckmaschinenhersteller (6500 Beschäftigte, eine Milliarde Euro Jahresumsatz, tief in der Verlustzone) hat am 25. November 2011 Insolvenzantrag gestellt. Die frühere Mutter MAN (für Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg) ist noch zu 23 Prozent am Kapital beteiligt und sitzt mit ihrer Sparte Diesel & Turbo in Augsburg gleich auf der anderen Straßenseite. Das Angebot, 200 Auszubildende von Manroland zu übernehmen, steht. Doch das war es dann auch schon. Trotz der zwei Sitze im Aufsichtsrat geriert man sich in der Münchner-Konzernzentrale als Minderheitsaktionär ohne wirkliche Expertise in diesem "Nicht-Kerngeschäft".

Groll auf den Allianz-Konzern

Bis 2005 war der Münchener Versicherungskonzern Allianz  der Ankeraktionär der MAN , dann entließ er den Dax-Konzern in die Freiheit - eine Freiheit, in der man sich schnell sauber aufstellen musste, um sich vor Angriffen frecher Finanzinvestoren zu schützen. Deshalb verkaufte die MAN schon ein Jahr später die Mehrheit an MAN-Roland an den Investment-Arm der Allianz. 2 Prozent Anteil bekam auch das Management, das die später in Manroland umbenannte Firma einmal an die Börse bringen sollte. Leider kam die Wirtschaftskrise dazwischen.

Der Konstrukteur, der aus Tor 4 in den Feierabend schreitet, seit über 30 Jahren im Unternehmen, hat gegen dieses Management nichts. Der Vorstand hätte ja sogar 400 Vorschläge im Unternehmen gesammelt, welche Produkte Manroland als Ausgleich zum kriselnden Druckmaschinengeschäft entwickeln könnte, sagt der Mann. Doch die Gesellschafter, die hätten nicht mitgezogen, hätten alles blockiert.

Betriebsrat und Gewerkschaft sehen es ähnlich. Besonders auf die Allianz haben sie einen Groll. Am Sitz in der feinen Münchner Königinstraße wollen sie demnächst ein überdimensionales Mikado-Stäbchen abgeben. "Hier gilt das Motto: Wer sich am wenigsten bewegt, hat gewonnen", sagt Christiane de Santana, Geschäftsführerein der Augsburger IG Metall.

Die Allianz Capital Partners dagegen beteuert, es gebe einen guten Austausch mit dem Manroland-Management. Man werde alle Vorschläge des Insolvenzverwalters gewissenhaft prüfen, sich nicht verweigern, sagt eine Sprecherin auf Anfrage. 200 Millionen Euro habe man 2009 wegen der Wirtschaftskrise nachgeschossen in Manroland. Und die am Ende gescheiterten Gespräche mit einem potentiellen Käufer (das war noch vor der Insolvenz) hätten ja auch einen Genusschein beinhaltet von Seiten der Allianz; einen Kaufpreis habe man ohnehin nicht verlangt.

Tragischer Fall im deutschen Manchester

"Die Allianz unterschätzt den Image-Schaden durch eine Insolvenz von Manroland", sagt dagegen Betriebsratschef Jürgen Bänsch. Der gelernte Elektroniker ist seit 30 Jahren bei Manroland, seit 12 Jahren oberster Arbeitnehmervertreter und als solcher auch Mitglied des Aufsichtsrats. "Wir waren überzeugt, dass wir uns ohne MAN besser entwickeln können", sagt er rückblickend. "Wir waren ja wie das fünfte Rad am Wagen".

Nun scheint der Reifen ganz allein in den Graben zu rollen. Man habe geglaubt, das ohnehin konjunkturanfällige und zusätzlich durch die digitale Revolution gefährdete Stammgeschäft allmählich durch andere Geschäftsfelder kompensieren zu können, sagt Bänsch. Doch so viel Zeit blieb nicht: "Die Geschwindigkeit und die Stärke des Abschwungs hat uns überrascht". Er redet wie ein Manager, und er ist der einzige der redet. Der Vorstand ist derzeit für niemanden zu sprechen.

Die Tragik eines möglichen Untergangs des Druckmaschinenherstellers aus dem Jahr 1845, dieses "Gründungsmitglieds der MAN", wie Bänsch sagt, ist fühlbar im "deutschen Manchester", wie Augsburg oft genannt wird. Nicht, dass man Kummer nicht gewohnt ist. Der Untergang der örtlichen Textilindustrie, viele große Pleiten oder Verkäufe an ausländische Investoren - vieles hat die schmucke Barockstadt schon gesehen.

Aber hier im Augsburger Osten mit seiner Klinker-Architektur, wo die Haltestellen "MAN" heißen oder "Dieselbrücke", wo der Lech-Fluss viele kleine Kanäle speist, Lebensadern des Frühkapitalismus, ist diese Pleite schon von "überdurchschnittlicher Dimension". So sieht es Frau Santana von der IG Metall. Auch wenn das Beschäftigungsprofil vieler Manroland-Fachkräfte gerade sehr gefragt sei, könne man nicht einfach sagen: "ist nicht so schlimm".

"2400 Leute kriegen Sie nicht ohne weiteres unter", meint auch Kurt Gribl, CSU, der rührige Oberbürgermeister der Stadt. Er hat sich gleich selbst zum Chefmoderator ernannt, die Kammern alarmiert, den Altgesellschaftern Gespräche aufgezwungen, die Landespolitik bedrängt. Er schwärmt von Potenzial und Kompetenz der Manroland, erinnert an die überdies gefährdeten Zulieferer in der Region, beschwört die deutsche Weltmarktführerschaft in der Branche.

Zeit bis Ende Januar

Insolvenzverwalter Schneider schwärmt nicht und beschwört nicht. Er hat jetzt die Investmentbank Lazard beauftragt, ihm beim Abarbeiten der Kandidatenliste zu helfen, und zwar nach einer gemeinsam festgelegten Prioritätenfolge. Kandidaten - das sind mögliche Käufer von Manroland oder Manroland-Standorten.

Es seien wenige Interessenten, sagt Schneider, was an der Branche liege. Es seien sowohl strategische Erwerber als auch Finanzinvestoren. Man müsse nun die Spreu vom Weizen trennen und eine definitive Absichtserklärung herbeiführen, die Vertragscharakter habe, also zum Beispiel bei Nichterfüllung mit Strafzahlungen belegt sei.

"Zeit haben wir nicht mehr viel", sagt Schneider, will sich aber nicht auf "vor Weihnachten" festlegen, wie es die IG Metall gerne hätte. Der Januar bleibt ihm ja noch. Der Massekredit reicht, die Gläubiger müssen warten. Der Gläubigerausschuss ist bisher nur vorläufig gebildet, hat den Charakter eines Beirats, wie es aus Unternehmenskreisen heißt.

Hoffnung für die bangende Belegschaft könnte stiften, dass Schneider (Jahrgang 1943) seine Karriere offenbar mit einem besonderen Erfolg krönen möchte. Sein Ehrgeiz liegt darin, aus dem Fall Manroland bei Eröffnung im Februar tatsächlich eine Insolvenz in Eigenverwaltung zu machen, bei der dem Erwerber ein unterbrechungsfrei laufendes Unternehmen mit einem funktionierendes Management übergeben wird - natürlich befreit von allerlei lästigen Schulden und Verpflichtungen.

Zusammen mit dem Insolvenzspezialisten Frank Kebekus, der vom Gericht als Generalbevollmächtigter von Manroland eingesetzt wurde, will er stemmen, was so noch nicht einmal im Gesetz steht. Selbstbewusst sagt er: "Wir werden die neue Insolvenzordnung vorwegnehmend praktizieren".

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