Nach 375 Jahren Traditionswerft Sietas ist insolvent

Die Hamburger Traditionswerft Sietas hat wegen Überschuldung Insolvenz angemeldet. Hunderte Stellen sind gefährdet, nachdem es zuletzt mit dem Spezialschiffbauer wieder aufwärts zu gehen schien. Die Gewerkschaft IG Metall fordert mehr staatliche Hilfe für den Schiffbau.
Sietas-Dock in Hamburg-Neuenfelde: "Wir werden weiter für unsere Werft kämpfen"

Sietas-Dock in Hamburg-Neuenfelde: "Wir werden weiter für unsere Werft kämpfen"

Foto: DPA

Hamburg - Die Geschäftsführung habe am Donnerstag einen entsprechenden Antrag beim Amtsgericht Hamburg gestellt, teilte der Vorsitzende der Geschäftsführung der Sietas Gruppe, Rüdiger Fuchs, am Freitag in der Hansestadt mit. Rund 700 Mitarbeiter seien betroffen.

Als vorläufiger Insolvenzverwalter wurde der Hamburger Rechtsanwalt Berthold Brinkmann eingesetzt. Gemeinsam mit der Geschäftsführung werde er die Werft weiterführen, hieß es. Ziel sei es, fünf im Bau befindliche Schiffe fertigzustellen und so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten. "Es wird sicherlich einen nicht unerheblichen Arbeitsplatzabbau geben", stellte Fuchs aber klar. Die zur Sietas Gruppe gehörende Norderwerft sowie die Neuenfelder Maschinenfabrik seien von der Insolvenz nicht betroffen.

"Insolvenzverwalter, Unternehmen und Senat müssen alles dafür tun, um die Zukunft der Werft und damit der Arbeitsplätze zu sichern", sagte der IG-Metall-Bezirksleiter Küste, Meinhard Geiken, am Freitag in Hamburg. "Sietas hat das Know-how für eine Neuausrichtung auf den Spezialschiffbau. Jetzt kommt es darauf an, dass die Banken mitziehen und das Unternehmen Zeit bekommt, weitere Aufträge einzuwerben."

Abgang in der neunten Generation der Gründerfamilie

Der Betriebsratsvorsitzende Peter Bökler sagte, die Mitarbeiter wollten ihr Schicksal nicht tatenlos hinnehmen: "Wir sind mit Leib und Seele Schiffbauer. Wir werden weiter für unsere Werft und unsere Arbeitsplätze kämpfen." Der Bevollmächtigte der IG Metall Region Hamburg, Eckard Scholz, erinnerte an den Sanierungsbeitrag, den die Beschäftigten schon geleistet hätten: Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie die Verschiebung von Tariferhöhungen. "Auch in der Insolvenz erwarten sie, dass mit ihnen fair umgegangen wird."

Die IG Metall Küste verlangte erneut von der Bundesregierung, sich stärker für Werften und Zulieferer einzusetzen: "Das fehlende Krisenmanagement durch den Maritimen Koordinator gefährdet den Schiffbau in Deutschland. Wir brauchen eine aktive Industriepolitik, damit den Werften die Chance für eine Neuausrichtung bleibt", sagte Bezirksleiter Geiken.

Die 1635 gegründete Werft war schon vor Jahren ins Trudeln gekommen. Erst im März 2009 hatte Firmeneigner Hinrich Sietas - in der neunten Generation, im Alter von 65 Jahren und nach 40 Jahren im Betrieb - das Management der Werft an den früheren Airbus-Manager Fuchs und den Betriebswirt Rüdiger Wolf abgegeben. Zu lange hatte er am Bau kleinerer Containerschiffe und überholten Produktionsmethoden festgehalten, was ihm in der Weltwirtschaftskrise 2008 zum Verhängnis wurde. Reeder stornierten acht Containerschiffe bei Sietas. Die Werft mit einem Umsatz von damals 350 Millionen Euro und noch fast 1000 Mitarbeitern auf den Docks geriet in schweres Fahrwasser.

Fuchs stellte auf Spezialbauten wie Schwergutschiffe, Fähren, und Spezialschiffe für die Offshore-Windindustrie um und erhielt wieder Aufträge. Angefangen hatte die 1635 gegründete Traditionswerft einst mit hölzernen Booten und Kuttern. Schoner, Briggs und Fischkutter folgten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Fertigung von Holz auf Stahl umgestellt.

ak/dpa
Mehr lesen über