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Verkäufer, Lagerist, Kellner: Die neuen Jobs der Roboter

Foto: ? Christian Charisius / Reuters/ REUTERS

Jobangst US-Arbeiter zittern vor Roboter-Vormarsch

Kostendruck und Dümpelkonjunktur: In US-Fabriken greift eine neue Welle der Automatisierung um sich. Der Eroberungszug der Roboter geht inzwischen weit über Fließbänder in der Autoindustrie hinaus. Jetzt übernehmen die Robots schon Service-Jobs - und Amerikas Arbeiter erfasst blanke Angst.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Sie holen Bücher, Gewürze und Kleider aus dem Hochregal zum Versand an die Onlinekunden. Sie verkaufen Fleisch in amerikanischen Supermärkten. Und sie bieten Vielfliegern am Gate noch schnell ein paar Chips oder eine Cola an. Roboter und Verkaufsmaschinen beschleunigen derzeit ihren Vormarsch in die Arbeitswelt in einer Weise, die selbst Experten staunen lässt.

Die Robotic Industries Association (RIA) in den USA meldet für die ersten neun Monate im laufenden Jahr ein Absatzplus von 41 Prozent. Der Industrieverband der Automatisierer erwartet eines der besten Jahre seines Bestehens. Die wichtigen Zulieferer der Autoindustrie bestellten bis September 85 Prozent mehr Fertigungsroboter als im Vorjahr. Laut der RIA steht schon jeder fünfte der weltweit eine Million Industrieroboter in den USA. Nur in Japans sind mehr Arbeitsmaschinen im Einsatz.

Kostendruck, eiserne Sparvorgaben der Hersteller sowie teure Entlassungsprogramme in der vergangenen Rezession - und dazu schwache Wachstumsaussichten - sorgen für einen Automatisierungsschub, wie er noch nie zu sehen war. "Es gibt ein neues Bäumchen-wechsel-Dich-Spiel in der Industrie", erklärt Edward Leamer, Direktor beim Prognoseunternehmen UCLA Anderson Forecast bei der gleichnamigen Business School in Kalifornien. Im Klartext: Die zweite Outsourcingwelle ist in vollem Gange.

Diesmal geht es aber nicht ab nach China. Für viele US-Arbeiter in der Autoindustrie, in Lagerhallen, in der Nahrungs- und Konsumgüterbranche sowie an Verkaufstheken - und selbst in Restaurants - geht es zunehmend direkt auf das Altenteil, Rückkehr ausgeschlossen. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen hat in den USA ein Rekordhoch erreicht.

Service-Jobs von Maschinen übernommen

Das zeigen die jüngsten Zahlen aus dem US-Zensusbüro. Anfang 2010 lag der Anteil der Arbeitslosen, die vom Staat finanzielle Hilfe bekamen, bei 75 Prozent. Jetzt sind es nur noch 48 Prozent. Die Erklärung: Es gab noch nie so viele Langezeitarbeitslose wie jetzt. Fast ein Drittel der offiziell 14 Millionen Arbeitslosen in den USA ist seit einem Jahr oder länger nicht mehr beschäftigt. Und das auf einem Arbeitsmarkt, der als einer der flexibelsten auf der Welt gilt. "Wir haben in den USA eine Erholung ohne neue Jobs", sagt Leamer. "Roboter kommen in der gewerblichen Wirtschaft auf Arbeitsplätze, die nach früheren Rezessionen Menschen erhielten, und Jobs, die Roboter nicht machen können, gehen weiter nach Übersee".

Wer nach Beispielen für den Roboterboom sucht, wird in diesen Tagen schnell fündig. Neu im Angebot: Zum Beispiel der "Smart Butcher", eine Verkaufsmaschine für Metzgerläden, die im Süden der USA gerade getestet wird - und einiges Aufsehen erregt. Der erste "Smart Butcher" steht seit zwei Wochen in einem kleinen Supermarkt, dem Lil Mart in Odenville, Alabama.

Die Ladenbetreiberin, Anna Sagani, hat die Fleischtruhe mit eigener Auslage, Preisschildern und eingebauter Kasse in der Abteilung für Lebensmittel aufgestellt. Der "Smart Butcher" muss nur alle paar Tage mit neuen Steak- und Hackfleischpackungen aufgefüllt werden. Den Rest macht er alleine, inklusive kassieren. Er gehört keiner Gewerkschaft an, wird nicht krank, geht nicht in Urlaub, und verlangt keine Lohnerhöhung, sagt Anna Sagani. Sie braucht jetzt keinen richtigen Metzger mehr in ihrem Laden. Sie spart jetzt viel Geld.

Das nächste Beispiel findet sich schnell. Roboter, die wie Astronauten der NASA aussehen, ziehen massenweise in Lagerhallen von Bekleidungsläden und Onlineretailern wie Amazon  ein. In Lagerhäusern bewegen sie sich wie die vollautomatischen Karren in den Fabriken der Autohersteller auf vorgegebenen Pfaden. Sie holen neue Ware aus den Lagerhäusern und bringen sie in die Verkaufsabteilungen der Kleiderläden oder in die Versandabteilung von Onlinefirmen. Die Investitionen in solche Roboter haben seit dem Ende der großen Rezession in den USA um 26 Prozent zugenommen, weiß man bei Kiva Systems in Boston. Dort werden solche Roboter hergestellt.

Roboter in Fast-Food-Läden

Kiva-Gründer Mick Mountz war einst beim Onlineretailer "Webvan" angestellt, wo die Kunden Getränke, Brot, Gewürze und Müsli mit einem Mausklick zum Versand bestellen. Mountz erinnert sich an 2001. Webvan endete damals als eine der ganz spektakulären Pleiten im Dotcom-Crash. Aus einem Unternehmen, das mit 4500 Leuten mehr als 1,2 Milliarden Dollar Umsatz machte, wurde binnen zwei Jahren ein Insolvenzfall. "Die Arbeitskosten haben uns gekillt. Es war schlicht zu teuer, von Leuten die Waren aus dem Hochregal holen und in die Versandabteilung bringen zu lassen", sagt erzählt Mountz.

Also gründete Mountz das Unternehmen Kiva Systems, holte sich Finanzinvestoren dazu, und beschäftigt inzwischen 240 Leute. Jedes Quartal kommen 30 dazu. "Als wir den ersten Investoren unsere Roboter zeigten, machten die ein Gesicht, als würden wir ihnen eine Herz-Lungen-Transplantation empfehlen", sagt Mountz. Doch Firmen wie der Bürobedarfhändler Staples , die Kleiderkette The Gap und der Internetgigant Amazon schwören mittlerweile auf die Kiva-Roboter. Kiva wuchs im vergangenen Jahr um 130 Prozent. Im laufenden Jahr sollen es noch mehr sein.

Investitionen in Maschinen, Software und Roboter steuerten laut dem Bureau of Labor Statistics in den USA von 2000 bis 2007 einen Prozentpunkt zur Produktivitätssteigerung der privaten US-Wirtschaft bei. Ab 2007 stieg dieser Anteil auf 1,7 Prozentpunkte, konnte sich also annähernd verdoppeln. Die Computer-Kiosks der Airlineindustrie waren im vergangenen Jahrzehnt nur der Anfang. Jetzt, so weiß der beim Firmenberater IHL Group für die Technologie im Einzelhandel zuständige Präsident Greg Buzek, legen sich sogar Restaurants und Fast-Food-Läden Roboter zu.

Einfache Tätigkeiten besonders betroffen

EMN8, eine Firma in San Diego, die Selbstbedienungs-Kioke für Restaurants herstellt, sieht "eine dramatische Zunahme" der Nachfrage nach ihren Produkten, wie Verkaufschef Brent Christensen erzählt. Die Maschinen von EMN8 sehen aus wie bunte Geldautomaten. Die Kunden tasten sich dort am Bildschirm elektronisch durch das Menü, bestellen ihre Mahlzeit und zahlen auch gleich, indem sie nur ihre Kreditkarte vor dem Gerät schwenken. Den Rest erledigt dann die Küche.

Das bedeutet: Der Eroberungszug der Roboter geht inzwischen weit über Fließbänder in der Autoindustrie hinaus. Immer öfter werden jetzt Service-Jobs durch die Maschinen ersetzt. Laut einem Bericht von David Autor beim Center for American Progress hat die jüngste Rezession die Eliminierung von Jobs, die leicht automatisiert werden können, rasant beschleunigt. Landesweit ging in den USA die Beschäftigung bei Hilfstätigkeiten in Büros - zum Beispiel das Austragen der Post - von 2007 bis 2009 um 8 Prozent zurück. In den acht Jahren bis 2007 hatte die Zahl solcher Jobs aber lediglich um 1 Prozent zugenommen. Auch das waren Gründe, warum US-Präsident bBarack Obama erst vor wenigen Monaten ein neues Jobprogramm auflegte.

Doch wir stehen erst am Anfang, wie Zahlen des Bureau of Labor Statistics in den USA zeigen. Die Behörde gibt auf ihrer Webseite die Jobaussichten bis 2018 für verschiedene Industrien an. Für die Automobilindustrie und ihre Zulieferer - immer noch einer der wichtigsten gewerblichen Arbeitgeber in den USA - sagt die Behörde bis 2018 einen Rückgang der Beschäftigung um 16 Prozent vorher. Und das, obwohl die Produktion zunehmen soll. "Expandierende Automatisierung und Robotereinsätze", heißt es dort, "werden in fast allen Berufsgruppen der Autoindustrie für weniger Jobs sorgen". Die größten Rückgänge werden für Elektriker, Produktionsaufseher und Maschinisten ausgewiesen.

Das Potenzial zur Automatisierung scheint riesig zu sein

Das sind nicht nur für die betroffenen Beschäftigten schwarze Perspektiven, auch für einige US-Bundesstaaten. Denn laut dem Bureau of Labor Statistics sind fast die Hälfte aller Jobs in der Autobranche der USA auf Michigan, Indiana und Ohio konzentriert, mit einer rasanten Zunahme des amerikanischen Südens, in der Region wenige Autostunden um Atlanta herum. Bei UCLA Anderson verweist man in diesem Zusammenhang auf die joblose Erholung in den USA. Wachstum erzeugt nicht mehr automatisch Arbeitsplätze.

Der Beweis: Die US-Industrie konnte im Oktober wieder das alte Produktionsvolumen erreichen, das sie vor der Großen Rezession hatte, aber es fehlen immer noch sieben Millionen Arbeitsplätze, die es davor gab. Die werden aber nicht mehr gebraucht, weil dank wachsender Einsätze von Maschinen und Robotern die Produktivität kräftig steigt. Allein im dritten Quartal nahm die Produktivität in der US-Wirtschaft um 3,1 Prozent zu, berichtete vor einer Woche das Arbeitsministerium in Washington.

"Früher gab es Branchen, die haben Arbeiter aus der Industrie aufgefangen, wenn sie der Automatisierung zum Opfer fielen, aber jetzt mit der implodierten Bauwirtschaft und dem Einzelhandel, der ebenfalls kämpft, gibt es kaum noch Puffer", sagt Leamer. Doch auch der öffentliche Sektor falle als Alternative zunehmend aus. Bundesstaaten und Kommunen haben in den vergangenen zwei Jahren die Beschäftigung um fast 6 Prozent abgebaut. "Die einzigen, die entlassene Arbeiter jetzt auffangen können, sind Reparatur- und Wartungsbetriebe, Waschsalons, religiöse Organisationen, Stiftungen und private Haushalte", glaubt Leamer.

"Der langfristige Ausblick für den Einsatz von Industrierobotern in den USA ist exzellent", versichert derweil der Statistikchef bei der Robotic Industries Association (RIA), John Dulchinos: "Immer mehr Firmen in praktisch allen Industrien entdecken die Vorteile für Produktivität, Qualität und Kosten, wenn sie Roboter einsetzen". Das Potential zur Automatisierung scheint riesig zu sein. "Viele in der Industrie glauben, dass nur 10 Prozent aller Firmen, die Roboter einsetzen könnten, dies auch schon getan haben", sagt der Präsident der RIA, Jeff Burnstein.

Unterstützt wird die laufende Automatisierungswelle von der explodierenden Unsicherheit an den Finanzmärkten und den Schuldenkrisen auf beiden Seiten des Atlantiks. Sie verunsichern auch viele Firmen in hohem Ausmaß. "Früher haben Firmen zu Beginn einer Erholung zunächst Teilzeitarbeiter und Leihkräfte eingestellt und dann zunehmend feste Jobs vergeben", erzählt David Arkless, der beim Arbeitsvermittler Manpower Group für die Beziehungen zur Regierung zuständig ist. "Doch jetzt wollen selbst Arbeitgeber in wachsenden Branchen kaum noch fest einstellen, sie haben Angst vor einem Double Dip".

Die "Los Angeles Times" druckte daher kürzlich eine flehentliche Bitte: "Lasst uns hoffen, dass die Roboter nicht lernen, wie man man im Waschsalon arbeitet".

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