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Neue Technologien: Um diese Rohstoffe kämpfen die Firmen

Foto: Maurizio Gambarini/ picture alliance / dpa

Rohstoffrisiken "Nicht spekulieren, sondern absichern"

Starke Schwankungen bei den Rohstoffpreisen drohen das Wachstum in Deutschland auszubremsen. Die Firmen hätten das Problem erkannt, sagt Commerzbank-Vorstand Markus Beumer. Aber wer sich vor Spekulationen schützen will, muss selbst tätig werden.

mm: Fast jeder zweite Mittelständler sieht sein Geschäft durch die Knappheit von Rohstoffen gefährdet. Dennoch sichern sich nur wenige Unternehmen gegen Preisschwankungen und Preisrisiken ab. Woran liegt das?

Beumer: In vielen mittelständischen Unternehmen gibt es noch die klassische Trennung zwischen dem Einkauf und der Finanzabteilung. Der Einkauf ist üblicherweise für das Thema Rohstoffversorgung zuständig - und lässt sich ungern reinreden. Viele Einkäufer wissen nicht, dass es effiziente Absicherungsstrategien für die von ihnen benötigten Rohstoffe gibt. Andere meinen, Absicherungsgeschäfte seien zu komplex, zu riskant und zu teuer für ihr Unternehmen. All dies führt dazu, dass nur 10 Prozent der befragten Unternehmen sich langfristig gegen Preisrisiken beim Rohstoffeinkauf absichern, indem sie entsprechende Finanzinstrumente einsetzen. Das ist eine alarmierend niedrige Zahl - weil durch das Ausblenden des Risikos viele Unternehmen verwundbar werden.

mm: Viele Unternehmen, so ein Ergebnis der Studie, vertrauen auf ihre Innovationskraft, um mit dem Problem teurer Rohstoffe fertig zu werden. Sie wollen höhere Rohstoffpreise notfalls weiterreichen. Funktioniert das?

Beumer: Die Innovationsstärke der deutschen Unternehmen ist bei diesem Thema Chance und Risiko zugleich. Viele Unternehmen sind noch der Überzeugung, dass sie steigende Rohstoffpreise wie in der Vergangenheit über Preisgleitklauseln weiterreichen können. Aber diese Klauseln sind häufig nicht mehr Bestandteil der Lieferverträge, so dass das Risiko oftmals bei den Zulieferern hängen bleibt. Das ist ein sehr sensibles Thema in der Branche - der Ton zwischen den Verhandlungspartnern ist wieder rauer geworden, und Absicherung wird dadurch für alle wieder relevant.

mm: Das bedeutet, nicht jeder ist so innovationsstark, dass er steigende Rohstoffpreise weiterreichen kann?

Beumer: Es könnte trügerisch sein, sich darauf zu verlassen. Nicht jedes Unternehmen hat ein so einzigartiges Produkt und eine so starke Marktposition, um damit die hohen Schwankungen der Rohstoffpreise aufzufangen. Irgendwo müssen die Kosten hängen bleiben, und einer muss die Zeche zahlen.

mm: Ganz so einfach sind die Finanzderivate, die zur Absicherung nötig sind, aber auch nicht zu durchschauen. Viele Unternehmer misstrauen solchen Finanzinstrumenten.

Beumer: Da sind natürlich die Banken gefragt. Wir müssen stärkeren Zugang zu den Einkaufsabteilungen bekommen und vermitteln, dass Absicherung kein Hexenwerk ist. Oft sind es einfache Termingeschäfte, Swaps oder Optionsgeschäfte. Ziel ist doch, zu kalkulierbaren Kosten die Versorgung mit den jeweils benötigten Rohstoffen sicherzustellen, und zwar je nach Bedarf über einen definierten Zeitraum oder zu einem bestimmten Zeitpunkt. Lässt man diese Positionen einfach offen, geht man oft viel höhere Risiken ein.

mm: Exportierende Unternehmen müssen sich nicht nur um Rohstoffe kümmern, sondern auch die Währungsentwicklung im Auge behalten.

Beumer: Die Schwankungen an den Rohstoffmärkten sind aber deutlich größer als zum Beispiel die Schwankungen an den Währungs- und Zinsmärkten. Es ist bemerkenswert, dass viele Unternehmen derivative Instrumente nutzen, um sich auf den Währungs- und Zinsmärkten abzusichern. Gleichzeitig werden beim Einkauf von Rohstoffen diese Instrumente nicht in Betracht gezogen - trotz der höheren Volatilität.

"Spekulation ist nicht allein schuld"

mm: Unternehmen fürchten nicht nur Preisschwankungen. Noch bedrohlicher wäre, im Fall von Lieferengpässen von der Versorgung abgeschnitten zu werden.

Beumer: Es geht um drei Faktoren: Um Volatilität, um die Sicherung der Versorgung und um die Qualität der benötigten Rohstoffe. In allen drei Bereichen können Unternehmen selbst viel tun, um ihre Risiken zu senken - aber niemand ist davor gefeit, wenn zum Beispiel ein Staat die Lieferungen einstellt. Initiativen wie etwa vom BDI, um unternehmensübergreifend etwas für eine verlässliche Rohstoffversorgung zu tun, sind daher zu begrüßen.

mm: Unternehmen können ihre Risiken aber auch dadurch senken, dass sie ihre Abhängigkeit verringern - etwa durch Ersatzstoffe oder durch besonders effektiven Einsatz der benötigten Rohstoffe.

Beumer: Natürlich lässt sich durch Innovationskraft der Rohstoffeinsatz mindern, zum Beispiel durch stärkere Energieeffizienz oder durch den Einsatz von Alternativen. Wer seine Forschung und Entwicklung auch in dieser Frage vorantreibt und zum Beispiel in der Lage ist, Kunststoffe durch Kunstfasern zu ersetzen, verringert seine Abhängigkeit von Rohöl. Doch es gibt viele Industrien, die nur sehr begrenzt Ausweichmöglichkeiten nutzen können und dauerhaft von bestimmten Rohstoffen abhängig bleiben werden, zum Beispiel die Stahl- oder Aluminiumindustrie. Für diese Unternehmen ist es wichtig, die Volatilität der Preise zu senken und die Versorgung sicherzustellen. Da sind die Banken als Dienstleister gefragt - denn das Know-how und die Ressourcen sind da.

mm: Der Preis vieler Rohstoffe kann sich binnen weniger Tage zweistellig verändern. Die Politik täte vielen mittelständischen Unternehmen sicher einen Gefallen, wenn sie die immer stärkere Spekulation mit Rohstoffen bremsen würde.

Beumer: Die hohen Schwankungen sind ein Problem für Unternehmen, aber Spekulation ist nicht allein daran schuld. Viele Anleger nutzen Rohstoffe inzwischen als Anlagevehikel oder als Fluchtwährung, was zum Beispiel bei Gold und Silber in den vergangenen Wochen zu extremen Preisschwankungen geführt hat. Noch höhere Schwankungen sehen wir aber auch bei den so genannten Seltenen Erden - ein Markt, zu dem Spekulanten kaum Zugang haben. Man wird die Herausforderung der Rohstoffversorgung nicht meistern, wenn man sich ausschließlich auf die Spekulanten konzentriert.

mm: Viele Finanzinvestoren, die zum Beispiel Millionen Dollar in Termingeschäfte für Weizen stecken, sind an einer tatsächlichen Lieferung des Weizens gar nicht interessiert. Warum sollte man Termingeschäfte ab einer bestimmten Größenordnung nicht auf diejenigen beschränken, die den zugrundeliegenden Rohstoff tatsächlich brauchen?

Beumer: Das Problem ist nicht einfach zu lösen. Viele Unternehmen setzen auf so genannte "Proxy Hedges", weil sie sich für den Rohstoff, den sie tatsächlich brauchen, gar nicht absichern können. Wer zum Beispiel Gas benötigt, kann Öl hedgen, da der Gaspreis mit Zeitverzögerung dem Ölpreis folgt. Eine schärfere Regulierung würde diese Praxis in Frage stellen.

mm: Das klingt so, als würden Spekulation und starke Preisschwankungen auch weiterhin den Rohstoffmarkt bestimmen. Unternehmen müssten sich damit abfinden und in gewisser Weise mitspekulieren.

Beumer: Sie müssen nicht spekulieren, sondern sich absichern. Risiken begrenzen. Das kann durch eigene Innovation auf der Produktseite oder durch Absicherungsgeschäfte auf der Finanzseite geschehen. Fatal wäre nur, das Problem zu ignorieren. Deutschland ist keine Dienstleistungsgesellschaft, sondern eine Industrienation und damit von Rohstoffen abhängig. Dieser Abhängigkeit müssen Unternehmen mehr Aufmerksamkeit schenken: Aus der Erkenntnis, dass Rohstoffe ein Risikofaktor für die geschäftliche Zukunft sind, muss eine Konsequenz, also Risikomanagement folgen. Wir müssen für das Thema Rohstoffe sensibler werden - sonst wird es unser Wachstum bedrohen.

Studie: Rohstoffrisiken bedrohen deutsche Unternehmen

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