Möbelhersteller Zu Hause bleibt die Küche kalt

Deutsche Luxusküchenhersteller geben sich optimistisch und feiern gestiegene Umsätze. Was sie dabei verschweigen: Im Heimatmarkt geht es mit ihrem Geschäft kontinuierlich bergab.
Von Julia Groth
Deutsche Möbelindustrie: Ausnahmeerfolg der Küchenhersteller - im Ausland

Deutsche Möbelindustrie: Ausnahmeerfolg der Küchenhersteller - im Ausland

Foto: Miele

Hamburg - Das Selbstbewusstsein der deutschen Küchenmöbelhersteller dürfte in diesem Jahr einen neuen Rekord erreichen. Nicht nur, weil mit der "Living Kitchen" in Köln zu Beginn des Jahres eine neue internationale Küchenmesse ihre Premiere feierte - mit überwältigendem Erfolg vor allem bei den Endverbrauchern, wie die Veranstalter schwärmen. Sondern auch, weil das Geschäft trotz schwächelnder globaler Konjunktur rund läuft: Im den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres stieg der Umsatz der Küchenmöbelhersteller (VDM) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,3 Prozent auf rund zwei Milliarden Euro, meldet der Verband der deutschen Möbelindustrie. "Vor allem hochpreisige Küchen haben sich hervorragend entwickelt", sagt Winfried Titze, Unternehmensberater und Marktforscher mit Schwerpunkt Möbelbranche.

Küchen als Boombranche? Dabei machen hiesige Möbelhersteller seit geraumer Zeit eher mit Pleiten als mit Erfolgen von sich reden. "Die Branche leidet seit Jahren unter rückläufigen Umsätzen", sagt Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, der den Möbelhandel seit langer Zeit beobachtet. Schuld daran sind vor allem Konkurrenz aus Fernost und ein Mangel an echten Produktneuheiten. Die Hersteller von Luxusküchen, für die Kunden 30.000 Euro und mehr auf den Tisch legen müssen, scheinen nun die große Ausnahme zu sein. Bei genauer Betrachtung stimmt das allerdings auch nicht ganz: Das Erfolgsbild, das sie von sich zeichnen, ist schief. Das Geschäft mit luxuriösen Küchenausstattungen läuft tatsächlich gut - aber nur im fernen Ausland. In Deutschland haben die Hersteller große Probleme, größere noch als die meisten anderen Möbelunternehmen.

Küchenmöbel gehören traditionell zu den umsatzstärksten Segmenten der Möbelbranche: "Wer umzieht, kauft sich oft eine neue Küche, aber selten ein neues Schlafzimmer", erklärt Ralf Mertes, Möbelexperte der Gesellschaft für Konsumforschung. Die Schnäppchen-Mentalität der Deutschen macht den Herstellern inzwischen allerdings immer schwerer zu schaffen. Markenküchen, so gefragt sie auch sind, lassen sich kaum noch zu angemessenen Preisen verkaufen. Rabatte von 50 Prozent und mehr sind keine Seltenheit. "Rabattschlachten unter den Händlern drücken auf die Margen", erklärt Handelsprofessor Roeb. Die Preise für Küchen sind in der vergangenen Dekade drastisch gesunken, und sie befinden sich immer noch im freien Fall. "Der Wirtschaftsabschwung führt zu immer höheren Rabatten", sagt Roeb.

Möbelverband: "China bald wichtiger als die USA"

Den größten Teil des jüngsten Umsatzsprungs haben die Hersteller also dem Export zu verdanken. "Das Exportgeschäft zieht seit einigen Monaten wieder spürbar an", meldete der Branchenverband VDM bei der Präsentation seiner Halbjahreszahlen. Rund zwei Drittel ihres Umsatzes erzielen Luxusküchenhersteller mit der Ausfuhr. Im Ausland werden deutsche Dunstabzugshauben und Oberschränke hoch geschätzt: "Küchen sind das einzige Möbelsegment, das stark markenorientiert ist. Und die deutsche Küchenmöbelindustrie genießt international einen ausgezeichneten Ruf", sagt Branchenkenner Titze. Ähnlich wie deutsche Autos stehen deutsche Küchen im Ausland für hohe Qualität und verheißen ihrem Besitzer einen ordentlichen Prestigegewinn.

Viele Luxusküchenhersteller versuchen, ihre Marke im Ausland zu stärken und die Verluste in Deutschland durch höhere Verkaufszahlen auswärts wettzumachen. Dabei setzen sie vor allem auf Schwellenländer wie China. "China ist ein gigantischer Wachstumsmarkt. Da ist noch richtig Geld zu verdienen", sagt Experte Titze. Der Wohlstand der chinesischen Mittelschicht wächst, immer mehr Menschen bauen Häuser. Und wo Häuser gebaut werden, steigt der Umsatz der Küchenmöbelhersteller.

Anders sieht es beispielsweise in Nachbarländern Deutschlands wie Belgien oder den Niederlanden aus: Dort gingen die Erlöse der Möbelbranche zuletzt um 1,2 beziehungsweise 3,3 Prozent zurück. In China stiegen sie dagegen im ersten Halbjahr 2011 nach Angaben des VDM um sagenhafte 68 Prozent. In Russland waren es immerhin plus 27,4 Prozent, in Indien plus 20,5 Prozent. Und so prophezeit der Möbelverband: "Bis Ende 2011 dürfte China die USA als wichtigster außereuropäischer Markt für die deutsche Möbelindustrie ablösen."

Man wolle sich stärker auf Schwellenländer wie China und die Türkei konzentrieren, verkündete jüngst auch der baden-württembergische Küchenhersteller Alno, der international zu den Größten der Branche gehört. Alno hatte im ersten Halbjahr 2011 Verluste gemeldet, die gestiegenen Produktionskosten nicht mit Preiserhöhungen ausgleichen können. Jetzt sollen chinesische Konsumenten - wortwörtlich - für den Geiz der deutschen Verbraucher zahlen.

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