Wacker Neuson Firmenvater Wacker räumt das Feld

Die Geschäfte des 160 Jahre alten Baumaschinenherstellers Wacker Neuson SE laufen wieder glänzend. Doch der ehemalige Hauptinhaber Ulrich Wacker räumt das Feld. Juniorpartner Neunteufel hat offensichtlich die Kontrolle übernommen.
Von Cornelia Knust
Baumaschinen: Wacker Neuson bekommt neuen Chef

Baumaschinen: Wacker Neuson bekommt neuen Chef

Foto: Corbis

München - Die Aktionäre des Münchener Baumaschinenherstellers Wacker Neuson können sich freuen. Endlich gibt es einmal gute Nachrichten. Gerade hat Wacker das beste Quartal seit der Fusion mit der österreichischen Neuson Kramer beendet, wie heute mitgeteilt wurde. Das Jahresziel wurde schon Ende Juli auf bis zu 930 Millionen Euro Umsatz und eine Rendite von bis zu 14 Prozent vor Steuern und Zinsen erhöht. Die Aktie, die ihren Emissionskurs nie wieder erreicht hat, legte vorübergehend etwas zu.

Doch Ulrich Wacker, Sproß einer stolzen Unternehmerdynastie und ursprünglicher Regisseur dieser Erfolgsgeschichte, ist aus dem Aufsichtsrat, wo er stellvertretender Vorsitzender war, ausgeschieden, wie heute mitgeteilt wurde. Der Anwalt Matthias Bruse rückt vorläufig für ihn ein. Gesundheitliche Gründe wurden für Wackers Ausscheiden genannt. Und es könnte sogar stimmen, dass die Kraft nicht mehr reicht, dass er sich jetzt einfach geschlagen geben muss - nach Jahrzehnten des Kampfes.

Denn Wacker, 61, hat das Familienunternehmen in den vergangenen zehn Jahren mittels Finanzinvestor und Börsengang dem ewigen Streit in der Sippe entrissen - nur um die hehre Firmenkultur mit einer Fusion und einem neuen Familiengesellschafter gleich wieder auf die Probe zu stellen. Es sollte eine Zerreißprobe werden. Dass die Firma unter den beiden Inhaberfamilien Familien Neunteufel und Wacker in der bisherigen Konstellation noch lange weitermacht würde, schien zuletzt kaum mehr vorstellbar. Nun geht Wacker von Bord.

Ulrich Wacker war bei dem Münchener Baumaschinenhersteller (3100 Mitarbeiter) lange Jahre Geschäftsführer, dann im Aufsichtsrat, mal als Chef, mal als Stellvertreter. Er hat gekämpft, er hat gestritten. Er ist das Gesicht der Dauer in all dem Wandel. Und ohne ihn wäre die Firma wahrscheinlich längst zerbrochen.

Mit 33 Jahren die Führung übernommen

Doch: Ulrich Wacker ist heute nur noch ein kleiner Anteilseigner. Die meisten seiner Aktien hat er an die Kinder verschenkt - noch bevor der Wert der Papiere auf die Hälfte ihres Emissionskurses sank. Und er wirkte zuletzt geläutert, wenn man ihn traf. Nicht einmal das vorgeschlagene Bild vom Sisyphos griff Wacker im Gespräch auf, winkte bloß ab: Er wird den Stein nicht noch einmal auf den Berg bringen.

33 war er damals,1983, als der Vater plötzlich starb und er mit Bruder und Cousin die Geschäftsführung der Firma übernehmen musste. Ein Traditionshaus, 1848 als Schmiede gegründet, Spezialist für Baumaschinen: Stampfer, Verdichter, Walzen, Trennschneider, Aufbruchhämmer.

Doch die fünfte Generation verstand sich untereinander nicht besonders. Zwar verließ der Cousin 1991 die Geschäftsführung, und 1993 starb tragischerweise der Bruder. Ulrich Wacker hatte dennoch keine freie Bahn: Er konnte das Vertrauen der Großfamilie im Hintergrund einfach nicht erringen. Man zermürbte sich in endlosen Prozessen.

Vorübergehende Befriedung per Finanzinvestor

"Regierung wähle Dir ein neues Volk" lautete die Strategie, die der Chef seit 2001 verfolgte, und für die er die Familie tatsächlich gewann. Konkret hieß das: Umwandlung in eine AG, Hereinnahme eines Finanzinvestors und anschließender Börsengang.

2003 beteiligte sich die amerikanische Lindsay, Goldberg & Bessemer (LGB) zu 32,5 Prozent an Wacker. Deutschland-Statthalter der LGB war Ex-Thyssen-Chef Dieter Vogel. Der leitete dann nicht nur den Aufsichtsrat der Wacker Construction AG, er kümmerte sich mit großem Ehrgeiz um die künftige Ausrichtung der Firma, um Wachstum und Zukäufe, gab ambitioniertere Renditeziele vor. Mit seiner Neutralität und Professionalität beruhigte er wie nebenbei die erhitzten Gemüter.

"Er gab allen das Gefühl, an einem glänzenden und gut geführten Unternehmen beteiligt zu sein", erzählt Wacker. Er selber zog sich 2005 in den Aufsichtsrat zurück und übergab den Vorstandsvorsitz an den langjährigen Technikchef Georg Sick. 2006 kaufte die Familie den Anteil von LGB zurück und brachte 2007 ein Drittel des Kapitals an die Börse. Wacker wurde Aufsichtsratsvorsitzender und hatte gemeinsam mit Sick schon wieder einen neuen Plan.

Die österreichische Neuson Kramer wollte man gerne übernehmen. Mit ihren kleineren Produkten (Raupen, kleine Bagger, Radlader) wollte man das eigene Vertriebssystem in aller Welt besser auslasten. Doch Neuson-Gründerunternehmer Hans Neunteufel wollte nicht verkaufen, nur fusionieren. Per Sachkapitalerhöhung und Ausgabe neuer Aktien kam Neuson Kramer im Herbst 2007 unter das Wacker-Dach, stellte zwei von fünf Vorständen und sogar den Aufsichtsratsvorsitz in der Person Hans Neunteufel. Die beiden Familien hatten jeweils Poolverträge im eigenen Haus und einen Konsortialvertrag miteinander. Laufzeit: bis 2022.

Kostspieliger Rechtsstreit

"Die sind für uns wie eine Frischzellenkur", so Wacker über Neuson noch 2008. Zwar habe man den Einfluss der Wacker-Familie reduziert, aber den Einfluss des Familienunternehmertums gestärkt, schwärmte er damals über Neunteufel & Co. Solche Sätze hört man heute nicht mehr von ihm. Zwar schweigt er eisern zu Anlass und Inhalt des Konflikts mit Hans Neunteufel, doch dass die Illusionen verflogen sind, wurde schon lange spürbar: "Ich bin jetzt so weit, dass ich zugebe, dass der Charakter des Familienunternehmens gelitten hat", sagte er im Frühjahr.

Was war geschehen? Bekannt ist nur so viel: Im Oktober 2009 wurde Neunteufel von der Spitze des Aufsichtsrats abberufen, kurz durch Ulrich Wacker ersetzt, dann aber wieder eingesetzt. Innerhalb des Aufsichtsrats, aber auch zwischen Aufsichtsrat und Vorstand gab es juristische Auseinandersetzungen. Ende 2009 wurde auf den Teilkonzern Neuson eine außerordentliche Abschreibung von 100 Millionen Euro vorgenommen, was dem Gesamtunternehmen einen Verlust bescherte und die Aktionäre um die Dividende brachte. Dies sei aber nicht Anlass des Streits gewesen, sondern nur eine buchhalterische Maßnahme, versicherte Wacker.

Im März 2010 folgte eine außergerichtliche Einigung zwischen den streitenden Parteien. Die Befriedung sei nachhaltig, sagte Neunteufel auf der letztjährigen Hauptversammlung. Auf 1,7 Millionen Euro bezifferte der Vorstand damals die Kosten dieses Rechtsstreits. Die Aktionäre reagierten verärgert. Wacker konnte sie verstehen: "Als Aktionär würde ich auch sagen: Habt ihr nichts besseres zu tun, als Euch zu streiten?"

Ein Jahr ohne Chef

Nur zwei Monate nach der Hauptversammlung drohte neues Unheil. Vorstandschef Georg Sick, 55, teilte Ende Juli mit, sein Vertrag laufe gerade zum 31. Juli aus, und er werde das Unternehmen zum Jahresende verlassen, wenn ein Nachfolger gefunden sei. Das war merkwürdig, hätte Sick, ein profilierter und angesehener Manager mit starker Bindung an das Haus Wacker, doch mit 60 ohnehin die unternehmensinterne Altersgrenze erreicht. Und normalerweise werden Vorstandsverträge mit einem Jahr Vorlauf verhandelt, gerade wenn jemand stolze 15 Jahre im Unternehmen ist.

Außerdem ging Sick dann schon im September. Vorstandsmitglied Richard Mayer sollte eigentlich nur übergangsweise als Vorstandssprecher einspringen, füllt diese Rolle aber bis heute aus. Erst in diesem September werden die vier Vorstandsmitglieder - je zwei von jeder Partei - mit dem Bosch-Manager Cem Peksaglam einen neuen Chef und Schiedsrichter bekommen. Sick ist inzwischen Chef und Anteilseigner eines französischen Wettbewerbers.

Ein externer Aufsichtsratsvorsitzender für Wacker Neuson - kompetent, neutral, unabhängig - ist bis heute nicht gefunden. Neunteufel scheint sich durchgesetzt zu haben, hat sich auf der Hauptversammlung eine neue Holding-Struktur genehmigen lassen und hat im Juli für 2,5 Millionen Euro Wacker Neuson-Aktien am Markt zugekauft.

Mit Wacker und Neunteufel sind offenbar zwei Alphatiere aneinandergeraten, zwei energische Unternehmer, die sich zunächst mit Respekt, ja beinahe mit Freundschaft begegneten, deren Verhältnis aber nun zerrüttet ist. Zwar wäre die Wacker-Familie mit 38 Prozent Kapitalanteil (Neunteufel hat 29 Prozent) eigentlich die bestimmende Partei. Dass sie es nicht ist, spricht dafür, dass sie auch intern nicht einig ist.

Auf der Suche nach dem Notausgang

Ob die Meinungsverschiedenheiten die Strategie betrafen, die Personalpolitik, den Umgang mit einer Wirtschaftskrise oder einfach den Umgang miteinander - man weiß es nicht. Man ahnte nur, dass nichts wirklich besser werden konnte, solange die handelnden Personen noch da sind. Es schien kaum auszudenken, dass das gegenseitige Behaken noch zehn Jahre so weitergehen sollte - zumal in einem börsennotierten Unternehmen.

Wacker suchte den Notausgang, gab sich aber unerschütterlich: "Jedes Jahr mehr, dass das Unternehmen gesund vorwärts kommt, ist ein Gewinn". Darauf sei er stolz und empfinde in Bezug auf die Fusion mit Neuson Kramer auch keine Reue: "Sie war in der Logik richtig. Das Unternehmen ist dadurch heute mehr wert".

Doch er sagte auch: "Als Familienunternehmen hängen wir an der Herz-Lungen-Maschine". Selbst seinen eigenen Kindern konnte er wohl kaum Begeisterung für ein Unternehmen vermitteln, das ihm seit Jahrzehnten Schlaf und Gesundheit raubt.

Es scheint fast, als hielten nur noch die Arbeiter in der Firma die Ehre der Familie Wacker hoch, als wollten gerade sie nicht lassen von der Verbindung mit früheren Generationen und mit den Werten, die diese dem Unternehmen eingepflanzt haben. Doch auf eine Identifikationsfigur aus der Familie Wacker müssen sie von nun an verzichten. Es weht ein neuer Wind.

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