Bauindustrie Aus dem Nichts zur Konjunkturstütze

Zwanzig Jahre lang galt die Bauwirtschaft in Deutschland als Bremsklotz. Doch dank zweistelliger Wachstumsraten mausert sie sich plötzlich zur unverhofften Stütze des Aufschwungs. Und vor allem die Energiewende verspricht ihr weiteres Wachstum. Die Baubranche kann ihr Glück kaum fassen.
Wiedergeburt einer Krisenbranche: Deutsche Bauwirtschaft glaubt an Trendwende

Wiedergeburt einer Krisenbranche: Deutsche Bauwirtschaft glaubt an Trendwende

Foto: dapd

Hamburg - Herbert Bodner hat mehr als zehn Jahre lang die Geschicke eines der größten deutschen Baukonzerne geleitet. Zehn Jahre, in denen Nachrichten aus der deutschen Baubranche zuverlässig für schlechte Stimmung sorgten: Umsatzrückgang, Beschäftigungsabbau, spektakuläre Firmenpleiten und ruinöser Preiswettbewerb waren die Themen, mit denen die Bauwirtschaft auffiel. Im Bauboom der Nachwendezeit hatte die Bauwirtschaft in Deutschland noch enorme Überkapazitäten aufgebaut. Seither ging es abwärts. Fast zwanzig Jahre lang kam die Bauwirtschaft nicht aus der Rezession und erwarb sich einen Ruf als ewige Krisenbranche.

Wenn Bodner nun im Juli den Vorstandsvorsitz bei Bilfinger Berger an seinen Nachfolger Roland Koch übergibt, kann dieser in einer deutlich entspannteren Marktsituation starten. Bilfinger Berger  ist auf Erfolgskurs, und auch der Baubranche insgesamt geht es überraschend gut. "Das Ausmaß des aktuellen Aufschwungs ist wirklich eine positive Überraschung", sagt Bodner. Fast noch erstaunlicher: "Der Aufwärtstrend scheint tatsächlich eine nachhaltige Entwicklung zum Besseren zu sein."

Der Umsatz der Baubranche stieg in den ersten vier Monaten des Jahres um sagenhafte 21,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Auftragseingänge im Wohnungs- und Wirtschaftsbau stiegen zweistellig, lediglich der öffentliche Bau schwächelt; speziell Unternehmen investieren wieder in ihre Gebäude. Erstmals seit zwanzig Jahren weist die Bauwirtschaft dann auch einen positiven Beschäftigungssaldo auf, meldet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Auch die Investitionspläne der Baufirmen sind so hoch wie seit dem Vereinigungsboom nicht mehr. An eine so gute Stimmung in der Baubranche können sich nur noch Bauunternehmer erinnern, die den kurzen, steilen Bauboom nach der Wende miterlebt haben.

Heiko Stiepelmann, Leiter der Hauptabteilung Volkswirtschaft beim Hauptverband der deutschen Bauindustrie (HDB) in Berlin, warnt trotz der prächtigen Zahlen vor zu großer Euphorie. "Das hohe Umsatzplus im ersten Quartal ist saisonal überzeichnet", sagt Stiepelmann. Der Grund dafür liegt im Vergleichszeitraum des Vorjahres: "Das erste Quartal 2010 war extrem schwierig, weil der Winter bis weit in den Februar hinein sehr hart war."

Konjunkturpakete wirken nach

Als Deutschland unter Schnee begraben war, konnte kaum gebaut werden. Der Jahresanfang 2011 hingegen war von milder Wetterlage geprägt, die Bauunternehmen konnten ungewöhnlich früh im Jahr aktiv werden - deshalb fielen die Umsatzzahlen im Vorjahresvergleich so positiv aus. "Die extrem guten Quartalszahlen stehen deshalb vor allem für Nachholeffekte", stellt Stiepelmann klar. Außerdem wirkten noch die während der Finanzkrise aufgelegten Konjunkturpakete nach. Dass die Baubranche dauerhaft mit zweistelligen Wachstumsraten bei Umsatz und Neuaufträgen zur Konjunkturtriebkraft wird, ist also unwahrscheinlich. "Die Bauwirtschaft wird zwar nicht länger ein Klotz am Bein der Konjunktur sein", bestätigt Udo Ludwig, Konjunkturexperte des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. "Aber zur Triebkraft für die Wirtschaftsentwicklung wird sie deshalb noch lange nicht."

Im Gesamtjahr 2011 wird der Umsatz der Baubranche nominal um 4,5 Prozent auf 85,6 Milliarden Euro steigen, prognostiziert der HDB. Nach Inflation bleibt laut den Prognosen des Bauverbands ein Plus von 2 Prozent - die Bauwirtschaft hinkt der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung also noch immer hinterher. Dennoch: "Es gibt viele Faktoren, die für einen stabilen Wachstumspfad in den kommenden Jahren sprechen", sagt HDB-Experte Stiepelmann. Die Talsohle der jahrzehntelangen Baurezession sei 2005 erreicht worden, die Überkapazitäten der Wendezeit seien abgebaut. "Die Finanzkrise hat den beginnenden Aufschwung dann aber leider noch einmal ausgebremst." Jetzt stünden die Zeichen wieder nachhaltig auf Wachstum.

Dafür spricht zum einen die gesamtwirtschaftliche Entwicklung: Im Schlepptau des Aufschwungs zieht die Bautätigkeit in ganz Deutschland an. "Das niedrige Zinsniveau und die günstige Arbeitsmarktentwicklung sorgen dafür, dass sich der private Wohnungsbau deutlich erholt", sagt Stiepelmann. Die deutschen Häuslebauer seien wieder optimistisch genug, in Wohneigentum zu investieren: "Wenn der Aufschwung weiter anhält, kommt außerdem das verarbeitende Gewerbe an seine Kapazitätsgrenzen." Von Erweiterungsinvestitionen der Industrie profitiert dann verstärkt auch der Wirtschaftsbau, wie sich bereits im ersten Quartal gezeigt hat.

Energiewende als unerwartetes Konjunkturprogramm

Noch mehr Aufträge verheißt die geplante Energiewende. "Kleine und mittlere Bauunternehmen profitieren von den geplanten Investitionen in die energetische Gebäudesanierung", erklärt Stiepelmann. 1,5 Milliarden Euro jährlich will die Bundesregierung in ein CO2-Sanierungsprogramm im Gebäudebestand stecken, hinzu kommen Steuererleichterungen als Anreiz für Haus- und Wohnungsbesitzer. "Große Baufirmen versprechen sich außerdem viel Neugeschäft von den geplanten, bauintensiven Offshore-Windparks", sagt der Verbandsexperte.

Von den geplanten 75 Milliarden Euro, die in den Ausbau der Windkraftanlagen in Nord- und Ostsee fließen, seien 20 Milliarden bis 30 Milliarden Euro Bauinvestitionen; noch allerdings zögern die Investoren beim Investment in die Offshore-Windparks. Auch am Ausbau der Stromnetze und Pumpspeicheranlagen, am Bau neuer fossiler Kraftwerke und am Rückbau der Atommeiler wollen Bauunternehmen verdienen. Die Energiewende dürfte sich so als unerwartetes Konjunkturprogramm für die Baubranche erweisen.

"Was auch immer die Bundesregierung in Sachen Energiewende konkret beschließen wird, klar ist, dass die Bauwirtschaft profitieren wird", freut sich der scheidende Bilfinger-Berger-Chef Bodner. "Die hohen Investitionen in diesem Bereich könnten künftig auch saisonale und konjunkturelle Schwankungen ausgleichen." Große Bauunternehmen profitieren jetzt auch davon, dass sie sich längst nicht mehr auf reine Bautätigkeiten beschränken. In den vergangenen Jahren haben Branchengrößen wie Bilfinger Berger und Hochtief  systematisch auf das weniger volatile Geschäft mit baunahen Dienstleistungen gesetzt. "Wir sind nur noch zu etwa 20 Prozent vom Bau abhängig", sagt Bodner. So können die großen Konzerne nicht nur am Bau neuer Windkraftanlagen mitverdienen, sondern auch an Betrieb und Wartung.

Investoren und Kreditgeber gewinnen bereits das Vertrauen in die Dauerkrisenbranche zurück: "Laut unseren Analysen hat die Bauwirtschaft im ersten Quartal 2011 ein Drittel zum Wirtschaftswachstum beigetragen", sagt etwa Lutz Diederichs, Vorstand der HypoVereinsbank für Corporate- und Investmentbanking. Den Status einer Konjunkturlokomotive, den die Branche in den 50er und 60er Jahren hatte, werde sie zwar nicht mehr wiedererlangen. "Aber der Wachstumstrend wird in dieser Dekade anhalten", sagt der Banker voraus.

Image als Risikobranche abgelegt

Viele Unternehmen seien gut aufgestellt für die Wachstumsphase: "Die großen Baukonzerne haben zusätzliches Geschäft in den Schwellenländern erschlossen, und viele größere Baufirmen haben ihr Geschäftsmodell breiter aufgestellt", erklärt Diederichs. Auch regionale und hoch spezialisierte Baufirmen hätten sich ertragsreiche Geschäftsbereiche erschlossen. Die HypoVereinsbank wolle deshalb ihr Kreditvolumen für die Baubranche um 30 Prozent erhöhen, verspricht Diederichs. "Lange galt die Baubranche bei der Kreditvergabe per se als Risikobranche", sagt er. "Diese Haltung muss man sicherlich überdenken - entscheidend ist, wie die einzelnen Unternehmen aufgestellt sind."

Bauveteran Bodner sieht allerdings noch nicht alle strukturellen Schwächen der Branche überwunden: "Grund für die lang anhaltende Krise der Bauwirtschaft waren ja nicht allein die Überkapazitäten der Wendezeit", sagt er. "Das viel grundlegendere Problem ist, dass seit Jahrzehnten der Kompetenzwettbewerb hintansteht und ein reiner Preiswettbewerb herrscht." Enormer Preisdruck habe dazu geführt, dass viele gute Unternehmen vom Markt verschwunden seien und es nur noch sehr wenige starke Großkonzerne gebe.

"Statt einer Konsolidierung hat die lange Rezessionsphase zu einer Zersplitterung der Baubranche geführt", sagt Bodner. Die großen Bauunternehmen in Deutschland kämen gerade einmal auf 10 Prozent Marktanteil - in anderen Ländern wie Spanien oder Großbritannien hingegen dominierten Großkonzerne die Baubranche. "Wir müssen aufpassen, dass der Ausverkauf von Know-how ins Ausland nicht weitergeht", sagt Bodner. Bisher gab es mit Hochtief und Bilfinger Berger immerhin noch zwei deutsche Baukonzerne, die mit den europäischen Branchengrößen mithalten konnten. Nachdem der spanische Baukonzern ACS die Mehrheit beim deutschen Branchenführer Hochtief übernommen hat, steht der neue Bilfinger-Chef Koch nun dem letzten unabhängigen deutschen Bauriesen vor.