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Heißes Geschäft: Die führenden Kernkraftwerksbauer

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Fukushima-Effekt Schrumpfender AKW-Markt treibt Konzerne in die Enge

Die Aussichten für Kernkraftwerksbauer trüben sich ein. Staaten steigen aus der Atomenergie aus, Sicherheitsregeln treiben die Kosten für neue Meiler in die Höhe - Windstrom ist oft schon billiger als Atomstrom. Westliche Hersteller wie Areva leiden besonders. Siemens wird sich aus dem Geschäft wohl zurückziehen.
Von Kristian Klooß und Nils-Viktor Sorge

Hamburg - Die Ingenieure von Areva und Siemens arbeiten in Erlangen fast Tür an Tür. Im Gewerbegebiet an der Bundesstraße 4 unterhält der französische Kernkraftwerksbauer seine Deutschland-Zentrale, der Münchener Technologiekonzern ist mit der Sparte Power Generation vertreten. Die Nähe hat Tradition - lange tüftelten die Unternehmen gemeinsam an neuen Reaktortypen zum weltweiten Export.

Die Zeit der Gemeinsamkeiten ist inzwischen aber vorbei. Zum einen, weil die Zusammenarbeit nicht mehr klappte, und Siemens  seinen Anteil an Areva  abgegeben hat. Zum anderen, weil das eine Unternehmen (Areva) weiter an die Zukunft der Kernkraft glaubt, das andere (Siemens) mit dem Gedanken spielt, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen.

Denn gut drei Monate nach dem Reaktorunglück im japanischen Kernkraftwerk Fukushima stehen die Chancen für das lange beschworene furiose Comeback der Atomenergie deutlich schlechter als zuvor. "Die Finanzierungsbedingungen für Kraftwerke werden zunehmend schwieriger, das Risiko wird anders bepreist", sagt Unternehmensberater Michael Kruse von Arthur D. Little.

Waren vor dem Reaktorunglück weltweit 570 Reaktoren in Bau oder Planung, sind es wenige Monate danach nur noch 533, wie die Unternehmensberatung ermittelt hat. Diese Zahl werde sich wegen der nun aufgetretenen Schwierigkeiten allerdings voraussichtlich um weitere 40 Prozent auf etwa 320 reduzieren.

Investitionen schrumpfen um 260 Milliarden Dollar

Statt wie in einem optimistischen Szenario gingen pro Jahr statt bis zu 45 nur noch bis zu 25 neue Meiler im Jahr ans Netz. In einem Negativszenario sind es sogar nur noch maximal 10 bis 15 pro Jahr.

Die US-amerikanische Beratung McIlvaine beziffert den Fukushima-Schaden für die Branche auf 260 Milliarden Dollar. In den Jahren 2011 bis 2015 würden, statt wie bisher erwartet 360 Milliarden, nur noch 100 Milliarden Dollar für neue Kernkraftwerke bereitgestellt (siehe Grafik).

"Die Probleme in Japan haben Sicherheits- und Gesundheitsbedenken sowie Unsicherheiten bei der Finanzierung hervorgerufen. Die Kosten für künftige Kraftwerke werden wohl steigen", urteilen die US-Experten. Die Investitionen würden stattdessen in Kohle- und Gaskraftwerke sowie die erneuerbaren Energien umgelenkt.

Preise für Kraftwerke explodieren

Prinzipiell sei der Markt weiterhin attraktiv, betont Arthur-D.-Little-Mann Kruse. Doch die Vorzeichen haben sich geändert. Als problematisch für die Erfolgschancen westlicher Hersteller könnte sich erweisen, dass die Kernenergie vor allem in demokratisch regierten Staaten drastisch an Zustimmung verliert.

• Deutschland will bis 2022 aus der Kernkraft ausstiegen und hat bereits acht Meiler vom Netz genommen.

• Italien und die Schweiz haben alle Neubauprojekte gestrichen. Bei einer Volksabstimmung in Italien sprachen sich 95 Prozent der Teilnehmer gegen Atomkraft aus, in der Schweiz beschloss das Parlament den Ausstieg.

• In den USA hat ein Investor Pläne für den Neubau von zwei Atomkraftwerken auf Eis gelegt.

• In Frankreich und Japan sprechen sich jeweils etwa 80 Prozent der Bevölkerung für einen Ausstieg aus der Atomkraft aus, obwohl sie bisher in beiden Ländern eine tragende Säule der Energieversorgung war.

Diese Entwicklung könnte die Geschäftsaussichten westlicher Konzerne wie Areva oder Siemens deutlich schmälern, erwartet Kruse. "Die Stellung eines Kraftwerksbauers auf dem Weltmarkt ist stark mit Referenzobjekten auf dem Heimatmarkt verbunden. Es wird keine großen Anbieter geben, die nicht zuhause gebaut haben."

Atomic Anne muss bei Areva gehen

Dass die Probleme der etablierten Kraftwerksbauer indes nicht erst 2011 begannen, zeigt der Blick auf den Weltmarktführer Areva. Dieser trennte sich in diesen Tagen von seiner Chefin, der in der Branche auch als "Atomic Anne" bezeichneten Anne Lauvergnon.

Mit Fukushima hat Lauvergnons unfreiwilliger Abschied indes wenig zu tun. Denn die Probleme Arevas begannen schon 2005 im finnischen Olkiluoto, 2007 im französischen Flamanville und 2009 im Emirat Abu Dhabi.

So verzögert sich der Bau der von Areva entwickelten, neuen Europäischen Druckwasserreaktoren (EPR) in Finnland und Frankreich seit Jahren. Ein Ende ist kaum abzusehen. Allein der finnische Reaktor, der ursprünglich 2009 ans Netz gehen sollte, wird nicht vor 2014 fertiggestellt sein. Die Baukosten explodieren. Waren zunächst 3,2 Milliarden Euro eingeplant, wird der Bau nun nach Angaben von Arthur D. Little voraussichtlich mindestens 5,8 Milliarden Euro verschlingen. Wichtigster Grund für die Verzögerungen: Areva hat Sicherheitsbestimmungen nicht eingehalten.

Und nach der Katastrophe in Japan werden die Anforderungen an Atomkraftwerke in Europa eher noch steigen. Dies hat zur Folge, dass der Bau eines Atomkraftwerks in Finnland, Frankreich oder Holland sich kaum noch rechnet - vor allem im Vergleich zu anderen Weltregionen. So schätzt Arthur D. Little die Baukosten des amerikanischen AKWs South Texas 3&4 auf 4,6 Milliarden Euro pro Block, im türkischen Akkuyu wären demnach für einen Reaktorblock 4,4 Milliarden Euro fällig, und im chinesischen Sanmen 1&2 kostet ein Block nach Schätzungen der Berater gerade noch 3,6 Milliarden Euro.

Anbieter aus Schwellenländern auf dem Vormarsch

Zwar nutzen derzeit auch Schwellenländer wie China und Indien immer noch das Know-how der westlichen Kraftwerkskonzerne. Doch wie schnell sich das Blatt wenden kann, hat Areva-Chefin Lauvergnon 2009 im Emirat Abu Dhabi erfahren. Dort schnappte ihr der südkoreanische Staatskonzern Kepco einen Auftrag zum Bau von bis zu vier Reaktoren im Wert von rund 14 Milliarden Euro weg.

Dies war letztlich der Anlass, weshalb die Managerin bei Staatschef Nicolas Sarkozy in Ungnade fiel. Denn der Chef des französischen Versorgers EDF und Sarkozy-Vertraute, Henri Proglio, forderte nach dem verpassten Auftrag offen die Zerschlagung von Areva und die Federführung in der französischen Atomwirtschaft durch EDF.

Für die Siemens-Manager war dieses politische Gezänk aber wohl nur der eine Grund, sich von Areva zu trennen. Denn genauso schwer wiegt wohl ein zweites Argument: Die Areva-Konkurrenz war einfach billiger.

Preis versus Sicherheit

Auf dem Weltmarkt haben andere Anbieter offenbar bessere Chancen - das zeigt nicht nur das Beispiel Abu Dhabi. "Es ist im Markt ein verstärktes großes Interesse an Kraftwerken von asiatischen Anbietern erkennbar, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern", sagt Unternehmensberater Kruse. Kepco aus Südkorea, aber auch die chinesischen Anbieter CGN und CNNC drängen auf den Weltmarkt.

Die Anlagen gelten im Vergleich zu westlichen Anbietern als billig im Bau, die Unterhaltskosten liegen möglicherweise aber höher. In Sicherheitsfragen gelten die Reaktoren als zum Teil weniger ambitioniert - was Areva und Co. in die Hände spielen könnte.

Doch weltweit wiegen Kostenargumente mitunter immer noch schwerer als Sicherheitsfragen, wie auch die unverbindlichen Ergebnisse der internationalen Atomkonferenz in Wien bestätigen. Dort hatten sich viele Staaten - vor allem Entwicklungsländer - gegen striktere Bestimmungen gewandt.

Dies ist nicht weiter verwunderlich, da die Wirtschaftlichkeit von Kernkraftwerken ganz überwiegend von den Baukosten abhängt. Brennstoffkosten spielen im Gegensatz zu Gas- oder Kohlekraftwerken eine untergeordnete Rolle.

Doch schon vor Fukushima gab es Berechnungen etwa des Bostoner MIT und verschiedener Banken, dass die Investition oft nicht wirtschaftlich ist - auch, weil der Rückbau eines Kernkraftwerks mit mehreren Milliarden Euro zu Buche schlagen kann. Strom aus Windkraftanlagen (Erzeugungskosten: 5 Cent pro Kilowattstunde) schneidet im Vergleich zu neuen Atomkraftwerken (5,8 Cent) vielfach bereits günstiger ab - ist allerdings mit dem Makel der fehlenden Stetigkeit behaftet.

Gebaut wird nur, wo der Staat hilft

Kostenexplosionen wie beim Areva-Meiler im finnischen Olkiluoto auf 5,8 Milliarden Euro oder im bulgarischen Belene auf 9 bis 10 Milliarden Euro (für zwei Reaktoren) senden daher ein fatales Signal für weitere Projekte aus. Zumal ihre Ursachen noch nicht einmal etwas mit den Folgen von Fukushima zu tun haben.

Ohne Unterstützung der Politik wird es unter diesen Umständen kaum vorangehen für die Branche, erwartet Berater Kruse. "Neue Reaktoren werden nur in den Ländern gebaut, wo es staatliche Unterstützung gibt - sei es in Form von Garantien, einem autoritären System oder einfach stabilen und zuverlässigen Rahmenbedingungen."

All das muss Siemens nun also abwägen und mit seinem potenziellen neuen Partner Rosatom in Russland abwägen. "Dies wird verständlicherweise unter Berücksichtigung der Ereignisse in Japan, des weltweiten Marktumfelds, aber auch gesellschaftlicher und politischer Aspekte erfolgen", sagt ein Unternehmenssprecher gegenüber manager magazin.

Keine leichte Entscheidung für die Münchener, und dennoch sind sie in einer komfortablen Lage. Anders als ihre nahezu völlig auf Kernenergie ausgerichteten Erlanger Nachbarn von Areva können sie sich in der für die Branche prekären Lage recht frei entscheiden - und sich von der Kernkraft notfalls ohne allzu schmerzhafte Verluste verabschieden.

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