Montag, 14. Oktober 2019

Mythos Industriesterben Deutscher Mittelstand befeuert Amerikas Comeback

Stihl, Trumpf, Komet: Wie deutsche Mittelständler in den USA auftrumpfen
REUTERS

Jetzt macht sich sogar der US-Geheimdienst Sorgen: Der Director of National Intelligence lässt die US-Industrieproduktion untersuchen. So desolat wird in den USA die Lage der heimischen Industrie empfunden. Dabei wächst sie - und deutsche Industriefirmen machen in Amerika vor, wie das geht.   

New York - Amerikas Industrie scheint dem Untergang geweiht. In Sherrill (New York) schloss kürzlich die letzte Besteckfabrik, schon vor Jahren hat in Maine der letzte Hersteller von Sardinendosen dichtgemacht. Nur noch 11,7 Prozent steuerte die Industrie 2010 zum Bruttoinlandsprodukt bei - halb so viel wie in Deutschland. "Die Welle der Globalisierung hat das industrielle Fundament der Vereinigten Staaten weggespült", klagt der demokratische Kongressabgeordnete Bruce Braley.

Wirklich? Die deutsch-amerikanische Handelskammer in New York stellte kürzlich die Ergebnisse einer Umfrage vor: Mehr als 90 Prozent der deutschen Unternehmen in den USA erwarten dieses Jahr steigende Umsätze, fast 70 Prozent wollen neue Mitarbeiter einstellen. Besonders optimistisch sind, ausgerechnet, die Industriehersteller. Das gibt zu denken. Wenn Amerikas Industriebasis stirbt, weshalb geht es mit den deutschen Produzenten dort aufwärts? Sind das alles Ausnahmen? Oder stimmt womöglich die Wahrnehmung nicht von Amerika als einem de-industrialisierten Land, das sämtliche Bedarfsartikel aus Asien importiert?

Die Zahlen scheinen das Klischee zu bestätigen: Tatsächlich haben die USA in den vergangenen zehn Jahren rund fünf Millionen Industriejobs verloren, schätzen Fachleute. Die Steuern seien zu hoch, die Konkurrenz aus China zu stark, kritisieren Politiker und Unternehmer. Sogar der Geheimdienst macht sich Sorgen: Im Februar gab der Director of National Intelligence eine Untersuchung zur Lage der Industrieproduktion in Auftrag.

Doch für viele deutsche Industrieunternehmen sind die USA offenbar ein idealer Standort. Mehr als 1000 Töchter produzieren jenseits des Atlantiks erfolgreich Medizingeräte, Feinwerkzeuge und Präzisionsmaschinen. Insgesamt beschäftigen sie fast 200.000 Mitarbeiter - Tendenz steigend. Von vielen Amerikanern werden sie als heimische Unternehmen betrachtet, die brav ihre Steuern zahlen und als "Corporate Citizens" am nachhaltigen Erfolg des Unternehmensstandorts interessiert sind. Das gilt keineswegs nur für Konzerne wie Siemens; auch den Mittelstand zieht es nach Amerika.

Trumpf-CEO Biekert: "Unser Umsatz wächst um 50 Prozent"

Etwa den Maschinenbauer Trumpf. 1969 schickte die Mutterfirma, beheimatet im schwäbischen Ditzingen, drei Leute nach Farmington, rund 150 Kilometer nordöstlich von New York, um eine Fertigung aufzubauen. Heute beschäftigt Trumpf Inc. mehr als 700 Mitarbeiter - und die Auftragsbücher sind gefüllt: "Unser Umsatz wächst dieses Jahr um etwa 50 Prozent", schätzt CEO Rolf Biekert.

Ein Standortproblem hat auch Friedrich-Hans Grandin nicht, CEO von Komet of America Inc. in Schaumburg bei Chicago, einem Produzenten von Industriewerkzeugen. Seine Mutterfirma in Besigheim begann Anfang der 80er Jahre mit dem Aufbau des Standorts jenseits des Atlantiks - heute beschäftigt Grandin rund 200 Angestellte. "Ich habe seit dem Ende der Finanzkrise 29 Leute angeworben und stelle auch in diesem Jahr ein", sagt er.

Oder Stihl Inc., US-Tochter des Motorsägenherstellers aus Waiblingen. Vor 37 Jahren begann ein 35-Mann-Team in Virginia Beach mit der Produktion von Kettensägen -- heute produzieren mehr als 2200 Mitarbeiter 516 unterschiedliche Modelle. Selbst während der Rezession habe das Unternehmen Marktanteile gewonnen, sagt Stihl Inc.-Präsident Fred Whyte: "Bei uns gab es keine Entlassungen." In diesem Jahr stellt er rund 50 Leute ein.

Das Geheimnis des Erfolgs: "Die Firmen produzieren in den USA hochwertige Waren, die viel Know-How erfordern", sagt Handelskammer-Präsident Benno Bunse. Das Klischee von der Industriewüste Amerika entspricht allenfalls zur Hälfte der Wahrheit: Simple Produkte wie T-Shirts und Tassen werden inzwischen nahezu komplett in Niedriglohnländern hergestellt. Doch bei vielen anspruchsvollen Produkten sind amerikanische Unternehmen Weltmarktführer, etwa Caterpillar mit ihren Hochgeschwindigkeits-Dieselgeneratoren oder Lincoln Electric, die Lichtbogenschweißgeräte herstellen.

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