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Stihl, Trumpf, Komet: Wie deutsche Mittelständler in den USA auftrumpfen

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Mythos Industriesterben Deutscher Mittelstand befeuert Amerikas Comeback

Jetzt macht sich sogar der US-Geheimdienst Sorgen: Der Director of National Intelligence lässt die US-Industrieproduktion untersuchen. So desolat wird in den USA die Lage der heimischen Industrie empfunden. Dabei wächst sie - und deutsche Industriefirmen machen in Amerika vor, wie das geht.   
Von Christine Mattauch

New York - Amerikas Industrie scheint dem Untergang geweiht. In Sherrill (New York) schloss kürzlich die letzte Besteckfabrik, schon vor Jahren hat in Maine der letzte Hersteller von Sardinendosen dichtgemacht. Nur noch 11,7 Prozent steuerte die Industrie 2010 zum Bruttoinlandsprodukt bei - halb so viel wie in Deutschland. "Die Welle der Globalisierung hat das industrielle Fundament der Vereinigten Staaten weggespült", klagt der demokratische Kongressabgeordnete Bruce Braley.

Wirklich? Die deutsch-amerikanische Handelskammer in New York stellte kürzlich die Ergebnisse einer Umfrage vor: Mehr als 90 Prozent der deutschen Unternehmen in den USA erwarten dieses Jahr steigende Umsätze, fast 70 Prozent wollen neue Mitarbeiter einstellen. Besonders optimistisch sind, ausgerechnet, die Industriehersteller. Das gibt zu denken. Wenn Amerikas Industriebasis stirbt, weshalb geht es mit den deutschen Produzenten dort aufwärts? Sind das alles Ausnahmen? Oder stimmt womöglich die Wahrnehmung nicht von Amerika als einem de-industrialisierten Land, das sämtliche Bedarfsartikel aus Asien importiert?

Die Zahlen scheinen das Klischee zu bestätigen: Tatsächlich haben die USA in den vergangenen zehn Jahren rund fünf Millionen Industriejobs verloren, schätzen Fachleute. Die Steuern seien zu hoch, die Konkurrenz aus China zu stark, kritisieren Politiker und Unternehmer. Sogar der Geheimdienst macht sich Sorgen: Im Februar gab der Director of National Intelligence eine Untersuchung zur Lage der Industrieproduktion in Auftrag.

Doch für viele deutsche Industrieunternehmen sind die USA offenbar ein idealer Standort. Mehr als 1000 Töchter produzieren jenseits des Atlantiks erfolgreich Medizingeräte, Feinwerkzeuge und Präzisionsmaschinen. Insgesamt beschäftigen sie fast 200.000 Mitarbeiter - Tendenz steigend. Von vielen Amerikanern werden sie als heimische Unternehmen betrachtet, die brav ihre Steuern zahlen und als "Corporate Citizens" am nachhaltigen Erfolg des Unternehmensstandorts interessiert sind. Das gilt keineswegs nur für Konzerne wie Siemens; auch den Mittelstand zieht es nach Amerika.

Trumpf-CEO Biekert: "Unser Umsatz wächst um 50 Prozent"

Etwa den Maschinenbauer Trumpf. 1969 schickte die Mutterfirma, beheimatet im schwäbischen Ditzingen, drei Leute nach Farmington, rund 150 Kilometer nordöstlich von New York, um eine Fertigung aufzubauen. Heute beschäftigt Trumpf Inc. mehr als 700 Mitarbeiter - und die Auftragsbücher sind gefüllt: "Unser Umsatz wächst dieses Jahr um etwa 50 Prozent", schätzt CEO Rolf Biekert.

Ein Standortproblem hat auch Friedrich-Hans Grandin nicht, CEO von Komet of America Inc. in Schaumburg bei Chicago, einem Produzenten von Industriewerkzeugen. Seine Mutterfirma in Besigheim begann Anfang der 80er Jahre mit dem Aufbau des Standorts jenseits des Atlantiks - heute beschäftigt Grandin rund 200 Angestellte. "Ich habe seit dem Ende der Finanzkrise 29 Leute angeworben und stelle auch in diesem Jahr ein", sagt er.

Oder Stihl Inc., US-Tochter des Motorsägenherstellers aus Waiblingen. Vor 37 Jahren begann ein 35-Mann-Team in Virginia Beach mit der Produktion von Kettensägen -- heute produzieren mehr als 2200 Mitarbeiter 516 unterschiedliche Modelle. Selbst während der Rezession habe das Unternehmen Marktanteile gewonnen, sagt Stihl Inc.-Präsident Fred Whyte: "Bei uns gab es keine Entlassungen." In diesem Jahr stellt er rund 50 Leute ein.

Das Geheimnis des Erfolgs: "Die Firmen produzieren in den USA hochwertige Waren, die viel Know-How erfordern", sagt Handelskammer-Präsident Benno Bunse. Das Klischee von der Industriewüste Amerika entspricht allenfalls zur Hälfte der Wahrheit: Simple Produkte wie T-Shirts und Tassen werden inzwischen nahezu komplett in Niedriglohnländern hergestellt. Doch bei vielen anspruchsvollen Produkten sind amerikanische Unternehmen Weltmarktführer, etwa Caterpillar mit ihren Hochgeschwindigkeits-Dieselgeneratoren oder Lincoln Electric, die Lichtbogenschweißgeräte herstellen.

Die USA ist Industriemacht Nummer eins

Allen Untergangsszenarien zum Trotz sind die USA auch heute noch die Industriemacht Nummer eins. 21 Prozent der Weltproduktion werden dort hergestellt - aus China kommen nur 15 Prozent, so der Industrieverband NAM. Zwar ist der Anteil des produzierenden Gewerbes am amerikanischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) stetig gesunken - wie beispielsweise auch in Deutschland -, doch absolut gesehen ist der Sektor in den USA gewachsen: 1950 lag die Industrieproduktion bei 79,4 Milliarden Dollar. 1990 waren es 968,9, im vergangenen Jahr 1717,5 Milliarden Dollar. Das heißt: Die industrielle Basis der USA ist mitnichten geschrumpft. Nur sind andere Wirtschaftssektoren, wie Finanzen oder Gesundheit, noch erheblich schneller gewachsen.

Falsch ist auch der Eindruck, Amerikas Industrie sei nicht wettbewerbsfähig. Das American Institute for Economic Research (AIER) in Great Barrington (Massachusetts) hat berechnet: In den 50er Jahren beschäftigte die Industrie ein Drittel der US-Arbeitskräfte - 2008 nur noch ein Zehntel, obwohl sich die Leistung im gleichen Zeitraum verzwanzigfachte. "Bemerkenswerte Fortschritte in der Produktivität durch verbesserte Technologie, Investitionen und Unternehmergeist haben es bewirkt, dass die USA heute mehr Waren mit weniger Leuten herstellen können als jemals zuvor in ihrer Geschichte", analysiert das AIER.

Auch die Töchter deutscher Unternehmen zählen zu dieser Effizienz-Elite. Trumpf liefert Laserschneidemaschinen, mit denen andere Fabrikanten Halbfertigteile herstellen, etwa für Küchen, Landmaschinen oder medizinische Apparate. Kleine Stückzahlen, kundenspezifische Anforderungen, hohe Präzision - "wir sind ein Hightech-Lieferant", sagt Biekert.

Berater sagen US-Renaissance voraus

Auch bei den Werkzeugen von Komet handelt es sich um komplexe Produkte, die das Unternehmen oft gemeinsam mit den Abnehmern entwickelt. Mögen die Löhne in China niedriger sein - für Grandin ist das kein Thema: "Wichtiger als die Herstellungskosten ist, dass der Kunde dank maßgeschneiderter Produkte seine Produktivität verbessern kann." Außerdem ist Nähe gefragt, wenn Werkzeuge repariert, angepasst oder nachgeschliffen werden müssen.

Und Stihl? In der hocheffizienten Fabrik in Virginia Beach sind über 100 Roboter im Einsatz. Der Lohnkostenvorteil gegenüber den Werken in Waiblingen beträgt rund 40 Prozent, sagt ein Firmensprecher. Das Unternehmen produziert dort sogar für den Weltmarkt - was eine überaus weitsichtige Entscheidung sein könnte: Eine im Mai veröffentlichte Studie der Boston Consulting Group (BCG) sagt dem produzierenden Gewerbe in den USA angesichts rasant steigender Löhne in China eine Renaissance voraus: Bereits im Jahr 2015 werden sich die Nettoarbeitskosten der beiden Wirtschaftsmächte angeglichen haben. "Als Konsequenz wird man in den nächsten fünf Jahren erheblich mehr Produkte 'Made in the USA' sehen", sagt BCG-Partner Harold Sirkin.

Die Trendwende wirkte sich bereits im ersten Quartal dieses Jahres aus: Während die Gesamtwirtschaft um bescheidene 1,8 Prozent wuchs, legte die Industrie um 9,1 Prozent zu - der Spitzenwert unter den Wirtschaftssektoren. Jeder zweite amerikanische Produktionsbetrieb will in den kommenden zwölf Monaten Leute einstellen, doppelt so viele wie noch vor einem Jahr.

US-Präsident Barack Obama hat zudem eine Offensive ins Leben gerufen, um eine notorische Schwäche des produzierenden Gewerbes zu bekämpfen: Weil der amerikanische Markt so groß ist, sind US-Unternehmen traditionell binnenorientiert. Während Deutschland 2009 über 40 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts exportierte, waren es in Amerika nur 11,2 Prozent. Obama will diesen Anteil innerhalb von fünf Jahren verdoppeln. Experten halten das für ehrgeizig, aber nicht unmöglich "Eine der großen Stärken der USA ist es, auf Probleme schnell und entschieden zu reagieren", sagt Kammerpräsident Bunse. Amerikas Industrie ist noch lange nicht am Ende.

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