Hochtief-Hauptversammlung Die alte Garde ruft zum Rückzug

Die Hauptversammlung des Baukonzerns Hochtief hätte zum Showdown in der Übernahmeschlacht zwischen Konzernleitung und dem spanischen Mehrheitsaktionär ACS werden können. Doch die alten Herren des Baukonzerns gaben sich bereits im Vorfeld geschlagen. Sie traten den geordneten Rückzug an - mehr als Sticheleien hatten sie den Spaniern nicht mehr entgegenzusetzen.
Geordneter Rückzug: Hochtief-Vorstandsvorsitzender Herbert Lütkestratkoetter (rechts) und der Aufsichtsratsvorsitzende Detlev Bremkamp

Geordneter Rückzug: Hochtief-Vorstandsvorsitzender Herbert Lütkestratkoetter (rechts) und der Aufsichtsratsvorsitzende Detlev Bremkamp

Foto: dapd

Essen - Es ist das erste Mal, dass der Baukonzern Hochtief den klotzigen Festsaal der Messe Essen für eine Hauptversammlung angemietet hat, und wenn man der Eigenwerbung des Hallenbetreibers glauben kann, verspricht die Ortswahl eine ganze Menge: "Seit 50 Jahren", heißt es da, sei die Grugahalle "ein Garant für Spitzen-Entertainment und gute Unterhaltung".

Es ist auch das erste Mal, dass so viele Aktionäre zum Jahrestreffen gekommen sind: Knapp 70 Prozent des Hochtief-Kapitals sind in der Halle vertreten, die Tribünen sind voll, das ist Rekord für den Essener Traditionskonzern. Die Abschlusszahlen des Konzerns sind gut, der Konzerngewinn ist um 50 Prozent gestiegen, die Dividende höher als im Vorjahr.

Doch all das interessiert hier kaum jemanden. Und die Stimmung in der Gruga-Halle ist auch keineswegs festlich oder feierlich. Sie ist gedrückt. Viele Aktionäre sind persönlich gekommen, weil sie eine Kampfabstimmung über die Zukunft des Baukonzerns erwartet hatten.

Neun Monate lang hatten sie nämlich zuschauen müssen, wie sich die Konzernleitung um Vorstandschef Herbert Lütkestratkötter mit dem spanischen Mehrheitsaktionär ACS eine erbitterte Übernahmeschlacht um die Kontrolle über Hochtief lieferten. Drei der fünf Vorstandsmitglieder hatten während der vergangenen Monate ihren Rückzug aus der Konzernleitung angekündigt, darunter Konzernchef Lütkestratkötter, bei den Aktionären bekannt als Dr. Lü.

Aktionäre erwarteten die Kampfabstimmung - vergeblich

Doch zumindest der Aufsichtsrat um seinen bisherigen Vorsitzenden Detlev Bremkamp hatte für heute ein letztes Aufbäumen gegen die feindliche Übernahme versprochen: Die Alt-Aufsichtsräte hatten beschlossen, zur Wiederwahl anzutreten - den Spaniern zum Trotz. Die alte Hochtief-Garde wollte weiter die Geschicke des Konzerns kontrollieren. Am Sonntag dann hatte Angreifer ACS eine eigene Kandidatenliste vorgelegt, in denen die Alt-Aufsichtsräte Bremkamp, Hans-Peter Keitel, Heinrich von Pierer und Wilhelm Simson keinen Sitz mehr bekommen sollten - dafür aber vier Vertreter der Spanier und drei diesen genehme unabhängige Kandidaten.

Die Zeichen standen also auf Kampfabstimmung - oder auch nicht. Denn dass ACS mit seinem Aktienanteil von 43 Prozent in der Hauptversammlung selbst bei einer Beteiligung von 70 Prozent kaum zu schlagen sein würde, wurde immer klarer. Noch am Vorabend der Versammlung hatte der scheidende Vorstandschef Lütkestratkötter in einem Video die Aktionäre aufgefordert, nur ja zahlreich zur Hauptversammlung zu erscheinen. Es stünden wichtige Entscheidungen für ihren Konzern an, warnte Dr. Lü.

All das half nichts. Die Kandidatur der Alt-Aufsichtsräte lief immer klarer auf eine Kamikaze-Aktion heraus. Der Schmach einer Niederlage wollten sich die Herren dann wohl doch nicht aussetzen. Und so zogen sie kurz vor der heute anstehenden Wahl ihre Kandidatur zurück.

"Heute steht nur noch die Kandidaten-Liste von ACS zur Wahl", verkündete Aufsichtsratschef Bremkamp gleich zu Beginn der Versammlung den Aktionären. Er erntete Buhrufe - denn nun können die angereisten Aktionäre den neuen Herren von ACS nicht mal mehr symbolisch eine Absage erteilen. Stattdessen sitzen sie jetzt seit Stunden bei gedämpftem blauem Licht in der Messehalle, berieselt von beruhigender Fahrstuhl-Musik, und trösten sich mit Schnittchen vom Buffet.

Sticheln und Nachtreten

Selbst wenn das Aktionärstreffen nun gänzlich unspektakulär verläuft: Eine Zeitenwende, ein neuer Abschnitt in der 140-jährigen Geschichte des Baukonzerns beginnt mit der heutigen Hauptversammlung allemal. Denn jetzt ist endgültig klar, dass Hochtief seine Unabhängigkeit verliert. Dennoch: Keine Protestveranstaltung vor der Veranstaltungshalle, kein Eklat, keine Kampfabstimmung.

Stattdessen: Geordnete Übergabe an die neuen Herren des Konzerns. Zumindest Aufsichtsrats-Chef Bremkamp tut vielen anwesenden Aktionären den Gefallen und tritt in seiner Eröffnungsrede dann doch noch mal nach: Er gehe davon aus, dass die ACS-Kandidaten gewählt würden - welche Folgen das für Hochtief haben werde, müssten dann die nächsten Monate und Jahre zeigen. Dass er vom Führungsstil der ACS-Leute nicht viel hält, lässt er zwischen den Zeilen durchblicken. ACS sei nicht kompromissbereit gewesen und habe Aufsichtsrat und Vorstand nicht offen über seine Übernahmepläne informiert.

Auch bei der Aufstellung der Kandidatenliste für den Aufsichtsrat habe sich ACS der Zusammenarbeit verweigert. Er hoffe, das sei kein Zeichen, dass ACS eine vollständige Übernahme anstrebe, um seine Interessen ohne Kompromisse durchzusetzen, ätzt Bremkamp. Und Vorstandschef Lütkestratkötter gehe übrigens nicht auf eigenen Wunsch, sondern auf Wunsch von ACS, legt der Aufsichtsratschef nach. Die Buh-Rufe aus dem Saal nimmt er zufrieden zur Kenntnis.

"Dr. Lü" kämpft mit den Tränen - Abschied mit stehenden Ovationen

Nachdem Brenkamp das Sticheln und Nachtreten übernommen hat, sorgt Vorstandschef Lütkestratkötter für den emotionalen Höhepunkt der Hauptversammlung. Der scheidende Vorstandschef gibt sich an seinem letzten Tag im Amt zunächst betont heiter. Jovial grüßt Lütkestratkötter kurz vor der Veranstaltung noch die anwesenden Journalisten: Die Schlagzeilen müsse dann in Zukunft jemand anderes liefern, er wünsche alles Gute. Seinen Vortrag zur Lage des Unternehmens hält er strikt nach Manuskript, gefasst und souverän.

Zum Schluss seiner Rede vor den Aktionären wird dann aber doch deutlich, unter welchem Druck Lütkestratkötter an seinem letzten Tag steht: Als er sich bei den Aktionären, dem Aufsichtsrat und seinem Team bedankt, stockt er kurz. Er schluckt, kämpft mit den Tränen, fängt sich wieder - und verlässt dann fast fluchtartig das Rednerpult. Zurück an seinem Platz - neben Bremkamp, seinem treuen Kampfgefährten in den vergangenen Monaten - fließen dann doch Tränen. Der Saal verabschiedet Dr. Lü mit stehenden Ovationen.

Danach machen die Kleinaktionäre ihrem Ärger Luft: Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz schimpft ausgiebig auf Gewerkschafts-Funktionär Klaus Wiesehügel, der für die IG Bau im Aufsichtsrat von Hochtief sitzt und von vielen als Verräter gesehen wird, weil er früh und auf eigene Faust eine Vereinbarung mit den Spaniern traf - und die Belegschaft spaltete. Mancher Kleinaktionär schimpft auch über den Abgang der Vorstandsriege, die den Konzern nun nicht nur Fachwissen und Erfahrung, sondern auch Abfindungen in Millionenhöhe koste.

Ärger über die IG Bau, Pfiffe für den ACS-Anwalt

Doch die Redner aus den Kreisen der Kleinaktionäre, meist im Rentenalter, erwecken weniger den Eindruck, als ginge es ihnen ums Geld. Vielmehr klingt es, als trügen sie ein Familienmitglied zu Grabe. Ein älterer Herr gerät gar derart aus der Fassung, dass er weinend ins Mikrofon ruft: Machen Sie unsere Ruhrgebiets-Familie nicht kaputt! Im Saal herrscht Grabesstimmung, es melden sich so viele Aktionäre zu Wort, dass es am späten Nachmittag noch immer nicht zu einer Abstimmung über den neuen Aufsichtsrat gekommen ist.

ACS hat sich derweil entschieden, dem Unmut der Aktionäre heute lieber keine Angriffsfläche zu bieten: Die Aufsichtsrats-Kandidaten stellen sich den Aktionären nicht einmal vor. Als einziger Sprecher der Spanier tritt Peter Erbacher auf, der das Team der Anwaltskanzlei Linklaters leitet, das ACS bei der Übernahme berät. Sicher gäbe es einiges zu korrigieren an den Äußerungen zur Übernahme, sagt der ACS-Anwalt gelassen vor den unwillig murrenden Aktionären. Aber ACS sei der Meinung, dies hier sei nicht der Ort, um einen bereits beendeten Streit fortzusetzen.

Er erntet Pfiffe und Buhrufe, doch aus der Ruhe bringen die ihn nicht. Sollen die Kleinaktionäre und die Alt-Aufsichtsräte ruhig wüten und sticheln - ACS ist sich des Sieges sicher.