Freitag, 23. August 2019

VW/MAN Überschaubares Angebot

VW-Lastkraftwagen auf der IAA: Volkswagen will mit der MAN-Übernahme nicht länger zuwarten - und sich bis zur MAN-HV Ende Juni die Hauptversammlungsmehrheit sichern

VW verfolgt jetzt die Politik der kleinen Schritte. Per Übernahmeangebot will sich der Autokonzern erst einmal die Hauptversammlungsmehrheit bei MAN sichern. So wird eine engere Kooperation mit der VW-Tochter Scania kartellrechtlich einfacher.

München - "Es ist ein Testballon, und es ist der einfachste Weg", heißt es aus Kreisen von Fondsmanagern. Dass beim lange angekündigten integrierten Nutzfahrzeugkonzern unter dem Dach von Volkswagen jetzt endlich wieder etwas vorangeht, wird von Beobachtern der Branche begrüßt, wenn auch der gebotene Preis nur ein müdes Lächeln auslöst.

Selbst VW-Finanzvorstand Hans-Dieter Pötsch sagte in einer Analysten-Konferenz, die gebotenen 95 Euro je MAN-Stammaktie enthielten keine Prämie. "Dieses Angebot ist unbefriedigend und wird nicht in großer Zahl angenommen werden", kommentierte ein Fondsmanager. Für die Vorzugsaktionäre - ihnen werden gerade einmal 60 Euro geboten - sei das ein Schlag ins Wasser; Klagen seien zu erwarten.

Doch jetzt will Volkswagen Börsen-Chart zeigen erst einmal nur die Hauptversammlungsmehrheit, die laut Pötsch bei 35 bis 40 Prozent der Stimmrechte erreicht würde. Ende Mai soll das detaillierte Übernahmeangebot von der Aufsichtsbehörde Bafin genehmigt und veröffentlicht sein. 30 Prozent der Stimmrechte hat VW schon. Einige Kleinaktionäre werden vielleicht doch annehmen. Bis zur MAN-Hauptversammlung am 27. Juni könnte VW notfalls am Kapitalmarkt die fehlenden Aktien zukaufen.

Für den MAN-Konzern, der sich heute sehr diplomatisch äußerte, ändert sich zunächst nicht viel. VW hatte schon bisher de facto das Sagen in München. Doch kartellrechtlich macht es offensichtlich einen Unterschied, ob zwei Wettbewerber gemeinsam Teile einkaufen oder zwei vom VW-Konzern beherrschte Unternehmen. Die vielen gemeinsamen Teams der beiden Unternehmen könnten endlich mit etwas mehr Dampf arbeiten.

Pötsch rechnet mit 200 Millionen Euro Synergien

Pötsch bezifferte die kurzfristig zu erzielenden Synergieeffekte allein aus dem Einkauf auf 200 Millionen Euro pro Jahr. Rechne man weitere Einsparungen aus der Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung sowie Produktion hinzu, sei sogar doppelt so viel zu erzielen. MAN werde aufgrund seiner Größe davon stärker profitieren als Scania. Der Wert beider Unternehmen werde aber steigen und damit auch der Wert von Volkswagen: Die beiden Beteiligungen an MAN und Scania stellten jetzt schon 20 Prozent des Marktwertes von VW, sagte Pötsch.

Pötsch traf keinerlei Aussage zu möglichen Veränderungen im Management der beiden Unternehmen. Auch zur Frage, wie die Synergien genau gehoben werden sollen, wurde er nicht konkret. Die IG Metall Bayern war zu keiner Stellungnahme bereit. Sie will sich erst am morgigen Dienstag äußern. Dann tagt zudem der Vorstand der IG Metall in Frankfurt.

VW hatte die Gewerkschaft Ende 2010 mit der Idee erschreckt, Scania solle MAN im Auftrag von VW schlucken. In München sah man sich schon unter der Regie der höchst profitablen Schweden, fürchtete um Standorte, Mitarbeiter und die paritätische Mitbestimmung. Nun macht es VW doch selbst, was viele Beobachter offenbar überraschte.

Doch der Konjunkturaufschwung in Europa kam wohl mit solcher Wucht und die Zahlen für MAN sind derart gut, dass eine Übernahme immer teurer wird, je länger man zuwartet. Genügend Bargeld für dieses erste, sehr überschaubare Übernahmeangebot ist bei VW ohnehin vorhanden.

Gleichzeitig gewinnt VW Zeit, um offene Baustellen abzuarbeiten (darunter Rechtsstreitigkeiten rund um die MAN-Tochter Ferrostaal sowie frühere Irak-Exporte von Scania) und hält den weiteren Fahrplan des Zusammenschlusses flexibel.

Da fällt es auch leicht, der besorgten Belegschaft von MAN Eigenständigkeit zu versprechen: Bis der Dax-Konzern MAN von der Börse genommen und mit Scania fusioniert wird, könnte noch einige Zeit vergehen.

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