Linde Eine Professorin für den Aufsichtsrat

Im Linde-Aufsichtsrat sitzt bisher keine einzige Frau, auch nicht auf der Arbeitnehmerseite. Wenn die Wirtschaftsprofessorin Ann-Kristin Achleitner heute gewählt wird, bringt sie nicht nur Fachwissen mit, sondern auch Neugier darauf, wie Unternehmen funktionieren. Allüren bemerkt man an ihr keine.   
Von Cornelia Knust
Will ehrlich sein: Ann-Kristin Achleitner

Will ehrlich sein: Ann-Kristin Achleitner

Foto: David Ausserhofer

München - Bei der Metro-Hauptversammlung vergangene Woche hat sie sich schnörkellos vorgestellt: Warum sie, warum hier, warum Aufsichtsrat. Sie vergaß nicht zu erwähnen, dass sie drei Kinder hat und ihre Professur an der Technischen Universität München in Teilzeit betreibt.

Ann-Kristin Achleitner, 45, wird heute vor den Linde -Aktionären dasselbe tun, bevor die Hauptversammlung die erste Frau in den bisher komplett männlich besetzten Aufsichtsrat des Gase-Herstellers wählen soll. Achleitner ist eine profilierte Wissenschaftlerin voller Neugier und Begeisterung für die Welt der Unternehmensfinanzierung. Und sie scheint eine engagierte Mutter zu sein. Sie trägt das nicht vor sich her, aber sie unterschlägt es auch nicht. Vor allem tut sie nicht so, als schaffe sie beides mit links.

Der Weg zu ihr führt durch Baugerüste und ein dunkles Treppenhaus. Dieser Trakt der TU München wird seit Jahren renoviert. Im ersten Stock ein karger Flur, ein paar Zimmer: der KfW Lehrstuhl für Unternehmensfinanzierung. Die Professorin bittet in die kleine Bibliothek, wo sich Fachzeitschriften stapeln.

Familienunternehmen im Fokus

Gleich sprudeln die neuesten Forschungsprojekte aus ihr heraus. Die Familienunternehmen haben es ihr angetan, der Zusammenhang zwischen Eigentümerstruktur und unternehmenspolitischen Entscheidungen. Der Einfluss von Finanzinvestoren. Die Wirkung von Börsengängen. Das Für und Wider von Unternehmensanleihen zur Finanzierung von Mittelständlern. Das professionelle Management von Organisationen des sozialen Sektors.

Sie und ihre Truppe haben Börsenindizes erfunden, die Bundesregierung bei der Forschungsfinanzierung beraten, Venture Capital Fonds gegründet. Wo man bei diesen Themen Kommissionen bildet, Rat sucht oder Preise verleiht, ist der Name Ann-Kristin Achleitner meist nicht weit. Noch dazu ist sie mit einem mächtigen Mann verheiratet: Paul Achleitner verantwortet seit dem Jahr 2000 im Vorstand des Münchner Versicherungskonzerns Allianz die Beteiligungen. Vorher war er Deutschland-Chef der Investmentbank Goldman Sachs.

Die Allianz  hatte früher großen Einfluss auf Linde, ist heute noch mit 4 Prozent an dem Dax-Unternehmen beteiligt und mit Allianz-Chef Michael Diekmann im Aufsichtsrat vertreten. Frau Achleitner versichert: "Das ist keine wesentliche Beteiligung der Allianz. Sonst würde ich in diesen Aufsichtsrat nicht gehen". Man müsse aber auch zur Kenntnis nehmen, so fügt sie an, dass berufstätige Ehepaare in der Lage seien, die notwendige Vertraulichkeit an den Tag zu legen.

Affinität zur Praxis

Achleitner nennt sachliche Gründe für ihre Kandidatur. Linde sei lange durch Familieneigentümer dominiert gewesen, sei ein sehr durch Innovationen getriebenes Unternehmen mit einem bekanntlich höchst professionellen Aufsichtsrat. Auch beim Handelskonzern Metro , wo sie vergangenen Freitag in den Aufsichtsrat gewählt wurde, sei es die Nähe zu ihrer Forschung über Familienunternehmen, die sie gereizt habe. "Das ist eine immense Chance, das, was ich lehre, in der Realität zu erleben", sagt Achleitner.

Sie dürfte in den Aufsichtsgremien nicht nur Fallstudien sammeln wollen. Doch wie sie sich ihren Beitrag vorstellt oder was einen guten Aufsichtsrat ausmacht, dazu äußert sie sich sehr allgemein: Kritisch und engagiert müsse man sein.

Um die Jahrtausendwende hatte sie schon einmal zwei Aufsichtsratsmandate: Bei der Pfandbriefbank Depfa und beim Marktforscher GfK. 2009 bat die Schweizer Bank Vontobel sie in den Verwaltungsrat. Doch welche Debatten dieser Tage in deutschen Aufsichtsräten geführt werden sollten, dazu ist Achleitner vorerst nichts zu entlocken.

Vom richtigen Menschenbild

Allerdings erzählt sie von der Hochschule St. Gallen, wo sie einst Betriebswirtschaft und Jura studierte, doppelte Doktorandin war und schließlich erste Frau, die sich habilitierte, damals 1994. Dort seien jüngst in der Wirtschaftskrise, so berichtet Achleitner, heiße Diskussionen geführt worden über das Menschenbild, das Wirtschaftsuniversitäten erzeugen. Ob das richtig sei. Auch über die Ansprüche der Stake Holder im Verhältnis zu den Share Holdern. Die Studenten selbst hätten eine Gastprofessur für Social Entrepreneurship eingefordert, die sie, Achleitner, nun seit 2009 bekleide.

Doch den Querdenker und Gutmenschen wird sie wohl kaum geben wollen im Aufsichtsrat der Linde Group, hat sie doch eine knochentrockene Wissenschaftskarriere aufzuweisen: Banken, Rechnungslegung, Finanzierung. Dabei stammt sie aus einer Familie von Medizinern. In Düsseldorf geboren, aufgewachsen in Aachen, wählte sie für das Studium die Schweiz. In St. Gallen lernte sie ihren Mann kennen, der dort auch zu einem früheren Zeitpunkt studiert hatte. Dann zog sie ihm hinterher, zunächst in den Raum Frankfurt, später nach München.

Ihre Karrierestufen fügten sich. In Frankfurt war es erst für anderthalb Jahre die Beratungsgesellschaft McKinsey, dann für sechs Jahre ein Lehrstuhl an der European Business School im nahen Oestrich-Winkel. Später in München traf es sich günstig, dass die TU sich betriebswirtschaftlich ergänzen wollte und gerade einen neuen Lehrstuhl parat hatte, den sie 2001 übernahm, 2003 ergänzt um ein Forschungsinstitut.

Um den Mann herumorganisiert

"Ich führe eine ganz klassische Ehe", sagt Achleitner ohne Koketterie. "Ich organisiere mich praktisch um meinen Mann herum". Den könne sie zwar nicht in die Abholung der Kinder einbinden, aber er gewähre ihr stets mentale Unterstützung und zudem die Freiheit, weiterzumachen oder auch jederzeit aufzuhören. "Berufstätige Frauen brauchen souveräne Männer", sagt sie. Das werde immer als gegeben vorausgesetzt, dabei seien die meisten Männer da noch gar nicht so weit.

An der aktuellen Debatte über die Frauenquote (die sie ablehnt) erstaunt Achleitner die Wucht, mit der sie in den Medien geführt wird. Man solle jetzt in Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu brachial auf einen Frauenanteil zu einem bestimmten Zeitpunkt zusteuern, alle Plätze schnell besetzen und damit jüngeren Frauen auf Jahre hinaus den Zugang versperren, meint sie.

Die Professorin bedauert auch, dass in der Debatte über Frauen in Führungspositionen allzu sehr auf die Defizite gesehen wird und zu wenig auf das, was sich in den letzten zehn Jahren schon zum Guten gewendet hat. Etwa die geänderte Einstellung zur Fremdbetreuung kleiner Kinder und das viel bessere Angebot auf diesem Gebiet. Andererseits mag sie auch nicht diese Heldenberichterstattung über Frauen, die Beruf und Familie angeblich problemlos zusammenbringen: "Man kann nicht beide Felder gleichzeitig maximieren. Man kann nur optimieren. Damit sollte man dann seinen Frieden machen".

Nicht im Voraus entschuldigen

Achleitner plädiert für mehr Ehrlichkeit und Natürlichkeit. Die berufstätigen Mütter sollten gegenüber Kollegen nicht Termine vorschützen, sondern klar sagen, dass sie jetzt mit ihren Kindern zur Schuleinschreibung müssten, und das gewünschte "Paper" erst am Abend schreiben könnten. Sie sollten sich aber auch nicht im Kommunionsunterricht der Kinder bei den anderen Müttern vorauseilend und mit schlechtem Gewissen entschuldigen, dass sie einen bestimmten Termin nicht wahrnehmen könnten. Und sie sollten von der Sprechstundenhilfe beim Kinderarzt erwarten dürfen, dass diese ihnen nicht einfach schnippisch einen Termin hinwirft, der im Berufsalltag nicht zu bedienen ist.

Achleitner will auch mit sich ehrlich sein. Sie hat festgestellt: Je größer die Kinder werden, desto schwieriger lassen sich Beruf und Familie vereinbaren. So hat sie immer wieder nachjustiert. Institut und Lehrstuhl leitet sie gemeinsam und im Wechsel mit dem Südtiroler Christoph Kaserer. Vorlesung hält sie selbst nur noch fünf Stunden in der Woche, auch wenn sie für ihren Lehrstuhl 52 Wochenstunden verantwortet. Die Beratung der Bundesregierung in der Expertenkommission für Forschung und Innovation hat sie per Ende April drangegeben. Den Linde-Aktionären wird sie das gerne und unaufgefordert erläutern: "Sie sollen schließlich wissen, dass ich auch die Zeit habe, dieses Mandat auszufüllen".

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