Alstom in Salzgitter Sterben auf Raten

Trotz des Booms will Alstom in Salzgitter rund 700 Stellen streichen. Eine Verlagerung des Fahrzeugrohbaus gleiche einem Tod auf Raten, sagt Hartmut Meine, IG-Metall-Bezirkschef. Er erklärt, was die Beschäftigten dem Konzern anbieten - und welche Rolle die Bundesländer als Alstom-Auftraggeber spielen.
Von Thomas Katzensteiner
Alstom-Produktionsanlage: "Die Beschäftigten würden ihren Beitrag zur Sanierung leisten"

Alstom-Produktionsanlage: "Die Beschäftigten würden ihren Beitrag zur Sanierung leisten"

Foto: REUTERS

mm: Herr Meine, der französische Bahntechnikkonzern Alstom hat angekündigt, rund 700 Stellen an seinem deutschen Standort in Salzgitter abzubauen. Sie wollen in den kommenden Tagen unter anderem mit Kundgebungen und Mahnwachen dagegen mobil machen. Glauben Sie, dass Sie die Entscheidung noch beeinflussen können?

Meine: Wir werden jedenfalls alles dafür tun. Die Situation ist geradezu absurd. Der Markt für Schienenfahrzeuge boomt, und namhafte Unternehmensberatungen prognostizieren, dass sich daran bis 2020 nichts ändern wird. Allein im deutschen Nahverkehr werden jede Menge Strecken neu ausgeschrieben. Dafür werden auch neue Fahrzeuge benötigt. Ausgerechnet in einer solchen Boomphase will Alstom  Stellen abbauen. Im Übrigen geht es um mehr als 700 Arbeitsplätze. Inklusive Zeit- und Leiharbeitskräften sind mehr als 1000 Beschäftigte betroffen. Das ist fast die Hälfte der Belegschaft.

mm: Aber der Standort ist, wenn man der Konzernmutter glauben darf, nicht profitabel. Da scheinen Stellenstreichungen zunächst einmal nicht verwunderlich.

Meine: Die Verluste sind nicht durch zu hohe Personalkosten entstanden, sondern durch Managementversagen. Problematisch sind primär drei Faktoren: Die hohen Kosten für Garantie und Gewährleistung, die Vertragsstrafen wegen zu später Lieferung sowie die problematische Organisation der Abläufe. Für alle drei Punkte sind Fehler des Managements verantwortlich, nicht die Beschäftigten. Dennoch haben Betriebsrat und die IG-Metall konkrete Vorschläge gemacht, wie die Qualität und die Kosten künftig optimiert werden können. Doch das Management weigert sich, diese Vorschläge auch nur zu diskutieren. Und das, obwohl man noch vor wenigen Tagen Verhandlungsbereitschaft signalisiert hatte.

mm: Sie wehren sich insbesondere gegen die Verlagerung des Fahrzeugrohbaus nach Osteuropa. Folgt Alstom mit der Verlagerung von personalintensiven Bereichen nicht nur einem Industrietrend, dem auch Continental  zum Teil schon gefolgt ist?

Meine: Der Rohbau ist das Herzstück der Schienenfahrzeugproduktion. Wenn Sie das verlagern, dann leiten Sie damit ein Sterben auf Raten ein. Wir haben dem Unternehmen signalisiert, dass die Arbeitnehmer ihren Anteil zur Sanierung beitragen würden. Dann müsste Alstom aber eine Beschäftigungssicherung bis 2016 garantieren. Aber das scheint nicht im Interesse des Unternehmens zu sein. Anders ist kaum zu erklären, dass sich Alstom an bestimmten lukrativen Ausschreibungen nicht einmal mehr beteiligt.

mm: Wo zum Beispiel?

Meine: Die Stadt Hannover braucht 150 neue Wagen für ihr Straßenbahnnetz. Alstom hatte im Rahmen der Expo in Hannover die sogenannten Silberpfeile gebaut, die durch ihr besonderes Design auffallen. Jetzt weigert sich Alstom erneut als Komplettanbieter aufzutreten, obwohl das Unternehmen als Lieferant von Zügen in der Landeshauptstadt gut angesehen ist.

mm: Was wollen Sie tun, wenn Sie mit den jetzigen Aktionen kein Gehör finden?

Meine: Schon jetzt spürt das Unternehmen, dass die Beschäftigten derzeit keine Mehrarbeit mehr leisten. Und es gibt da ja auch noch das Instrument der Arbeitsniederlegung. Außerdem werden wir jetzt verstärkt versuchen, gemeinsam mit der Politik Druck zu machen. Wir sind da in sehr guten Gesprächen mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten und weiteren Bundesländerchefs. Ein Großteil der Aufträge, die in Deutschland im Bahnverkehr vergeben werden, sind schließlich öffentliche Aufträge. Ich glaube nicht, dass Alstom  sich leisten kann, darauf zu verzichten.

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