Berkshire Hathaway Anschlag auf Warren Buffetts Imperium

Berkshire Hathaway, die Holding des Anlagegurus Warren Buffett, leidet nicht nicht nur unter Verlusten im Versicherungsgeschäft. Viel schwerer wiegt die Insideraffäre um Buffetts ehemaligen Vertrauten David Sokol, die während der Hauptversammlung in Omaha für Unsicherheit sorgt. Lässt sich ein Imperium wie Berkshire noch so führen, wie Buffett es gewohnt ist? Die Antwort lautet Nein. Buffett muss umsteuern.
Von Hendrik Leber
"Unerklärlich und unentschuldbar": Warren Buffett muss nach der Sokol-Affäre Fragen verunsicherter Aktionäre beantworten - und die Führungsstruktur des Weltkonzerns ändern

"Unerklärlich und unentschuldbar": Warren Buffett muss nach der Sokol-Affäre Fragen verunsicherter Aktionäre beantworten - und die Führungsstruktur des Weltkonzerns ändern

Foto: RICK WILKING/ Reuters

Omaha - Eine Ära geht zu Ende. Warren Buffett hat seine Beteiligungs- und Versicherungsholding Berkshire Hathaway auf der Basis von Vertrauen und persönlicher Integrität zu einem Imperium mit 260.000 Mitarbeitern ausgebaut. Nun, im Alter von 80 Jahren, muss er erleben, dass sein mutmaßlicher Kronprinz David Sokol des Geldes wegen sein Vertrauen vorsätzlich missbraucht hat.

Die Geschichte ist bekannt: Berkshire Hathaway unterbreitete im März ein von Sokol vorbereitetes Übernahmeangebot für den Chemiekonzern Lubrizol. Was Sokol verschweigt, ist die Tatsache, dass er unmittelbar vorher für zehn Millionen Dollar Lubrizol-Aktien gekauft hat. Drei Millionen Dollar Gewinn kann Sokol verbuchen. So etwas nennt sich Insiderhandel, und es ist strafbar. Natürlich kommt das schnell heraus, und Sokol tritt zurück.

Hier geht es um mehr als drei Millionen Dollar. Hier geht es um die Frage, ob in der heutigen Zeit ein Wirtschaftsimperium noch von einer Person und wenigen treuen Gefolgsleuten auf Vertrauensbasis geführt werden kann. Die Insider-Affäre um Sokol gibt die Antwort: Es geht nicht mehr.

Vertrauensverlust wiegt am schwersten

Seit 15 Jahren besuche ich die Hauptversammlung von Berkshire Hathaway in Omaha, einer rechtschaffenen, prosperierenden Stadt im mittleren Westen der USA. Hier grüßt man sich noch auf der Straße.

Nach dem Studium in der turbulenten Millionenstadt New York ist Buffett in den 50er Jahren wieder hierher zurückgekehrt, um in Ruhe seine Investmententscheidungen treffen zu können. Einmal im Jahr liefert er seinen Aktionären Rechenschaft ab. Seine Geschäftsberichte sind vergleichsweise kurz, seine Hauptverwaltung hat weniger als 20 Mitarbeiter, und er trifft schon mal Milliardenentscheidungen auf Basis eines Briefs und eines Geschäftsberichts.

Wenn die Zahlen aus seiner Sicht stimmen, reicht Buffett eine halbe Stunde für die Entscheidung. Wenn er sein Wort gibt, dann steht er dazu.

Für die komplizierte und teilweise korrupte Wall Street hat Buffett Verachtung übrig. Begriffe wie Due Diligence, Chinese Walls, Ebitda, Capital Asset Pricing Model, eben die Begriffe der Wall Street, hält er für sinnfrei. Er tut die Dinge so, wie er es als Laufbursche im Lebensmittelladen seines Onkels gelernt hat.

Per Pfadfinderehrenwort lässt sich ein Weltkonzern nicht steuern

Und nun, es ist früh am Samstagmorgen, warten 40.000 Hauptversammlungsteilnehmer auf eine Antwort. Es wird ein kurzer, 20 Jahre alter Film am Anfang gezeigt, in dem Buffett vor einem Kongressausschuss seine Maßnahmen darstellt, mit denen er den Augiasstall Salomon Brothers ausmisten will. "Lose money for the firm, and I will be forgiving, lose one shred of reputation, and I will be ruthless", heißt es in dem Video.

Nun, 20 Jahre später, ist Buffetts innerer Zirkel betroffen.

Die erste Frage aus dem Publikum kommt gleich zur Sache. Buffett antwortet sehr ausführlich. Er schildert die persönliche Enttäuschung. "Unerklärlich und unentschuldbar" sind die Worte, die er verwendet. Dass ein wohlhabender, erfolgreicher Manager mit einem Jahresgehalt von 24 Millionen Dollar wegen drei Millionen Dollar alles ruiniert, ist wirklich nicht rational zu erklären.

Buffett aber erklärt nicht, wie es dazu kommen konnte. Gab es denn keine Kontrollsysteme, Meldelisten, Compliancebeauftragte? In einer so kleinen Konzernzentrale müssen Meldepflichten routinemäßig überwacht werden.

Die Zeit des Pfadfinderehrenworts ist offensichtlich vorbei. Damit kann man zu Beginn des 21. Jahrhunderts keinen Weltkonzern mehr steuern. Das ist die schmerzliche Lektion.

Fragen der Konzernsteuerung - und der Nachfolge - harren einer Antwort

Die Frage der Konzernsteuerung, die Segmentberichterstattung und insbesondere die Frage seiner Nachfolge müssen nun bald in großer Klarheit beantwortet werden. Die bisherigen Kandidaten überzeugen nicht.

Buffett muss seinen Mammutkonzern auf das 21. Jahrhundert ausrichten - und steht damit vor einer gewaltigen Aufgabe, die durch die Sokol-Affäre noch schwieriger geworden ist.

"Something good will come out of the Sokol affair", sagte einer seiner Manager während der Berkshire-Hauptversammlung am Wochenende. Jede Krise bietet eine Chance, und ich persönlich hoffe darauf, dass Buffett auch in den kommenden zehn Jahren die Anteilseigner persönlich zur Hauptversammlung begrüßen wird. Vielleicht ist er ja doch unsterblich.

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