Ferrostaal-Skandal Ruf aus der Wüste

Zum Bestechungsskandal beim Essener Handelshaus Ferrostaal haben sich schon viele zu Wort gemeldet, nicht jedoch Großaktionär Ipic, Staatsfonds aus Abu Dhabi. Das ist seit heute anders. Die Scheichs geben sich ganz seriös. Im Rechtsstreit mit MAN spielen sie den Ball zurück ins gegnerische Feld.
Von Cornelia Knust
Probleme mit der deutschen Tochter: Ipic-Managing Director Khadam Abdulla Al Qubaisi sieht sich von MAN in Sachen Ferrostaal getäuscht

Probleme mit der deutschen Tochter: Ipic-Managing Director Khadam Abdulla Al Qubaisi sieht sich von MAN in Sachen Ferrostaal getäuscht

Foto: REUTERS

München - Der arabische Staatsfonds Ipic sorgt sich um sein Ansehen in Deutschland. Im Rechtsstreit mit dem Münchner MAN-Konzern um das gemeinsame, von einer Schmiergeldaffäre erschütterte Tochterunternehmen Ferrostaal droht es ernsthaft Schaden zu nehmen, fürchten die Araber.

Jetzt hat sich der Fonds über einen Sprecher in Deutschland erstmals zu der Sache geäußert und versichert, "weiterhin schnellstmöglich eine gütliche Einigung" anzustreben. Als "verantwortungsvoller Gesellschafter" von Ferrostaal habe Ipic der MAN  "ein für alle Beteiligten faires Angebot unterbreitet".

Der Streit zwischen dem Dax-Konzern und den Arabern dreht sich um die Frage, wie die Partner mit dem Korruptionsskandal umgehen, der erst nach der Ipic-Übernahme von 70 Prozent an Ferrostaal bekannt wurde. Die Münchner beharren darauf, dass Ipic auch die restlichen 30 Prozent übernehmen müsse, Ipic wiederum will nicht auf den Kosten der Affäre sitzen bleiben.

MAN schweigt

Die Auseinandersetzung belastet die Unternehmen seit langem und gilt als Hindernis für das Bestreben Volkswagens, die eigene Lkw-Tochter Scania mit MAN unter einem Dach zusammenzuführen. Zudem leidet Ferrostaal mit seinen gut 5300 Beschäftigten auch wirtschaftlich unter dem Konflikt der Eigentümer.

MAN wollte die Ipic-Presseerklärung zunächst nicht kommentieren. Am 3. Mai wird der MAN-Vorstand im Rahmen einer Telefonkonferenz seine Quartalsergebnisse erläutern. Vor Ostern hatte MAN-Vorstandssprecher Georg Pachta-Reyhofen auf der Nutzfahrzeugschau in Shanghai wieder Hoffnung auf eine Einigung geäußert und gesagt, die Tür sei "halboffen".

Doch das muss nichts bedeuten, denn einzelne Verhandlungspunkte sind offensichtlich weiterhin umstritten. Weiter geht es um die Grundfrage, wer die Verantwortung für die schon bekannten und noch nicht bekannten Schäden aus der Bestechungspraxis bei Ferrostaal zu tragen hat. Immerhin scheinen nach Informationen von Ipic die steuerlichen Aspekte des Einigungspakets jetzt einer Klärung nahe zu sein.

Anklage gegen zwei Verantwortliche

MAN hatte das Handelshaus Ferrostaal mit Sitz in Essen Anfang 2009 mit 700 Millionen Euro bewertet und zu 70 Prozent an die International Petroleum Investment Company (Ipic) in Abu Dhabi verkauft. Die übrigen 30 Prozent wollte MAN vereinbarungsgemäß Ende 2010 an Ipic verkaufen. Kurz darauf wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft München wegen Schmiergeldzahlungen bei Ferrostaal ermittelt. Inzwischen ist im Zusammenhang mit U-Boot-Lieferungen nach Griechenland gegen zwei Verantwortliche Anklage erhoben worden.

Das Angebot der Staatsanwaltschaft, auf die Anklage gegen ein Bußgeld von knapp 200 Millionen Euro zu verzichten, hat Ferrostaal bisher nicht angenommen. Wegen möglicher Bestechungsfälle bei anderen Lieferungen in andere Länder könnten noch Anklagen und weitere Bußgeldzahlungen folgen. Parallel läuft ein Schiedsgerichtsverfahren zwischen Ipic und MAN in Düsseldorf auf Rückabwicklung des Ferrostaal-Kaufs. Gleichzeitig fordert Ferrostaal per Mahnbescheid von MAN zu viel ausgeschüttete Gewinne aus den per Bestechung entstandenen Geschäften früherer Jahre zurück.

Ipic scheint seiner Sache nicht sicher

Ipic beharrt sich auf dem Standpunkt, die strafrechtlich relevanten Ereignisse fielen in die Zeit vor dem Erwerb und damit in den Verantwortungsbereich von MAN. Die Araber wollen nach eigenen Angaben keinen "Vorteil", sondern Ferrostaal in den vermuteten Zustand bei Erwerb zurückversetzen. MAN spricht dagegen von einer gesicherten Rechtsposition, die jede Haftung ausschließt. Dennoch hat der Konzern über ein Einigungspaket verhandelt, das Ipic aber offenbar nicht genügte. Das Tischtuch schien zerrissen.

Jetzt könnte wieder Bewegung in die Gespräche kommen. Deutlich wird durch das nun lancierte Statement auch, dass Ipic an einer Rückabwicklung des Ferrostaal-Kaufs nicht ernsthaft interessiert ist. Wenn aber Ferrostaal im Ipic-Reich verbleiben und wieder seinen Geschäften nachgehen soll, dann muss der belastende Rechtsstreit schleunigst beendet werden.

Knackpunkt steuerliche Behandlung

Aber "nicht zu jedem Preis", beeilt sich Ipic mitzuteilen. Der Staatsfonds erwartet von MAN offenbar eine Entschädigung von 500 bis 600 Millionen Euro, verlautet aus Verhandlungskreisen. Davon müsste der noch ausstehende Kaufpreis für die restlichen 30 Prozent an Ferrostaal, also 210 Millionen Euro, abgezogen werden.

Die theoretische Summe setzt sich zusammen aus dem erwähnten Bußgeld von 200 Millionen Euro, aus einer Risikovorsorge für weitere Bußgeldverfahren im Ausland, aus den Kosten für die gesamte Aufarbeitung des Schmiergeldkomplexes (70 bis 80 Millionen Euro), aus einer Gewinnschmälerung aus den Bestechungsgeldern (die einst in der Bilanz aktiviert wurden und nun nachträglich als Aufwand verbucht werden müssen), aus zu viel an MAN ausgeschüttete Gewinne in früheren Jahren (103 Millionen Euro), aus entgangenen Gewinnen wegen Rufschädigung bei Ferrostaal sowie aus bestimmten steuerlichen Aspekten im Zusammenhang mit der künftigen Bilanzierung all dieser Tatbestände.

Der steuerliche Aspekt hatte die Verhandlungen im Frühling offenbar komplett zum Erliegen gebracht. Nach Informationen von Ipic waren die Gespräche nur "ausgesetzt". Angesichts der bevorstehenden Klärung des Steuerthemas ist Ipic nun offenbar bereit, an den letzten Verhandlungsstand mit MAN anzuknüpfen. Fraglich ist, ob MAN dazu bereit ist.

Al Qubaisi schweigt noch

Dass man sich Ipic seiner Sache nicht ganz sicher ist, lässt sich an daran ablesen, dass sich in der Mitteilung nur ein Sprecher äußert, nicht der Ipic-Managing Director Khadam Abdulla Al Qubaisi selbst. Er ist gleichzeitig Chairman der Ipic-Tochtergesellschaft Aabar, die 2009 mit 9 Prozent Kapitalanteil beim Daimler-Konzern eingestiegen ist. Bei MAN-Großaktionär VW dagegen ist mit der QIA ein Fonds aus Katar engagiert.

Die Ipic wurde 1984 von der Regierung in Abu Dhabi gegründet und beziffert sein Anlagevolumen auf zehn Milliarden Euro. Der Fonds hat sich international bei verschiedenen Unternehmen der Energiebranche beteiligt, unter anderen OMV in Österreich und Cepsa in Spanien. Unerfreuliche Präzedenzfälle wie Ferrostaal dürften künftige Beteiligungen dieser Art belasten. Man ist verdammt zur Einigung und - zur Kommunikation.