Waschmittel und Windeln Industrie versteckt Inflation in kleineren Tüten

Als getarnte Inflation schleicht sich die Preislawine an die Verbraucher heran. Einer Welle gleich verkleinern Hersteller heimlich ihre Packungen, um nur ja keine höheren Preisschilder darauf kleben zu müssen - und riskieren mit der Tarnung des Kostenschubs, der sie zuvor selbst getroffen hat, ihr Renommee.
Von Markus Gärtner
Heimliche Preiserhöhungen: Lebensmittelindustrie reicht Inflationsschub verdeckt weiter

Heimliche Preiserhöhungen: Lebensmittelindustrie reicht Inflationsschub verdeckt weiter

Foto: Jochen Lübke/ picture alliance / dpa

Hamburg - Sie pumpen mehr Luft in die Chipstüten und füllen weniger Knuspriges ein. Sie machen größere Einkerbungen in die Gurkengläser, damit weniger abgefüllt werden muss. Und sie schrumpfen Verpackungen so, dass die Verbraucher es beim Blick ins volle Regal nicht sehen können: Mit weniger Inhalt bei gleichem Preis verteidigen Lebensmittelhersteller plötzlich wieder ihre Gewinnspannen - weil ihre eigenen Produktionskosten infolge der eskalierenden Inflation in die Höhe schnellen.

Die Verbraucherzentrale Hamburg kommt dann auch zu einem eindringlichen Eindruck der Lage. Die Liste der Verbraucherschützer, auf der all jene Unternehmen aufgeführt sind, die hierzulande mit künstlich verkleinerten Packungen aufgefallen sind, ist mittlerweile 26 Seiten lang. Sie besteht aus zahlreichen aktuellen Verbraucherbeschwerden über reduzierte Füllmengen bei gleichen Preisen: Ganz oben steht ein Flüssigwaschmittel von Henkel, das bei einem unveränderten Preis von 3,45 Euro statt 20 Waschladungen jetzt nur noch 18 enthält. Das entspricht einer Preiserhöhung von 11,1 Prozent. Gleich dahinter in der Rangliste der Verpackungsbeschwerden landen Windeln im Pampers Jumbo Pack, zuvor mit 104 Stück in der Packung, jetzt nur noch mit 96: Eine verdeckte Preiserhöhung von 8,3 Prozent.

Marketingexperten der Lebensmittelindustrie haben die Schrumpfkur offenbar zu einer Kunstform erhoben, die in einer Welt galoppierender Rohmaterialpreise immer ausgeklügelter wird. Sie wird je nach Bedarf den Verbrauchern mit besserer Handlichkeit, höherer Verträglichkeit für die Umwelt oder einem Qualitätsgewinn schmackhaft gemacht - wenn sie überhaupt erklärt wird. Topmanager in der Lebensmittelbranche sehen den Packungsschwindel als eine Art Selbstverteidiung in einer volatilen Weltwirtschaft nach der großen Rezession. Einer Welt, in der Konsumenten wegen steigender Energiepreise, wackliger Jobaussichten und stagnierender Reallöhne nicht mehr viel Spielraum für deftige Preisaufschläge haben. Handelsexperten wie Armin Valet bei der Verbraucherzentrale Hamburg sehen darin allerdings schlichtweg Mogelpackungen.

"Firmen können höhere Preise nur durchsetzen, wenn die Löhne steigen", erklärt der Finanzprofessor Thomas Alexander an der Northwood University in Michigan das plötzlich wieder anschwellende Phänomen der Schrumpfpackungen, "und wir sehen das jetzt nicht, wegen der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit". Gemeint sind damit vor allem die USA, wo die Arbeitslosigkeit - je nach Rechenweise - zwischen 8,9 Prozent und 16 Prozent verharrt. Der versteckte Preisaufschlag wird von den meisten Kunden gar nicht bemerkt.

Schreckgespenst höhere Preise

"Die Leute sehen in der Regel nicht, dass sie weniger kriegen", sagt John Gourville. Der Marketingprofessor von der Harvard Business School studiert seit Jahren die Verpackungspolitik der Lebensmittelindustrie und ist sicher: "Kunden reagieren auf Preisänderungen viel sensibler als wenn es um Veränderungen der Menge geht". Entsprechend drehen die Lebensmittelverkäufer lieber heimlich an der Packungsgrüße als offen an der Preisschraube.

In den USA ist das Anschleichen der Inflation über die Verpackungsgröße deshalb inzwischen so weit verbreitet, dass der Konsumentenexperte Todd Hale beim Marktforscher Nielsen den Anteil aller Packungen mit Inhaltsverlust in den vergangenen zwölf Monaten auf 30 Prozent des Gesamtmarktes veranschlagt. "Ich glaube nicht, dass wir schon einmal so einen Schrumpfpackungen-Boom gesehen haben, seit ich in der Industrie bin", sagt Hale. Er arbeitet immerhin seit 26 Jahren bei Nielsen.

"Dieses Verkleinern ist nichts anderes als eine hinterhältige Preisanhebung", schimpft Edgar Dworsky. Er war als stellvertretender Generalstaatsanwalt von Massachusetts für den Konsumentenschutz zuständig. "Ich warte bloß darauf, dass ich einen Eierkarton öffne und statt zwölf bloß elf Eier drin sind", beschreibt er seine Erfahrungen mit den Herstellern. Dworsky hat als kreative Maßnahme gegen die versteckte Inflation einen sogenannten "Deal Alert" eingerichtet. Verbraucher können auf einer Internetseite angeben, welche Produkte sie suchen. Jedes Mal wenn dieses Produkt irgendwo billiger angeboten wird, schickt das System dem Leser eine E-Mail.

Die US-Medien schießen sich auf das Thema schrumpfende Verpackungen seit Tagen zunehmend ein. Kein Wunder: Im Februar ging das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte in den USA zurück, wenn man die höheren Energie- und Lebensmittelpreise abzieht. Und sowohl das Conference Board als auch die University of Michigan haben für den März einen regelrechten Absturz der führenden Konsumindizes gemeldet. Aus der Sicht vieler Verbraucher trüben sich auch, trotz jüngster Meldungen über Jobzuwächse, die Perspektiven am Arbeitsmarkt wieder etwas ein.

Mogeln mit Pringle Chips

Vor diesem Hintergrund wird die Geduld der US-Medien mit der getarnten Inflation strapaziert: "Wenn Sie das nächste Mal auf der Toilette das Gefühl haben, dass Ihr Hintern dicker geworden ist, dann liegt das am schmaleren Klopapier", schreibt das Magazin TIME anschaulich und etwas derb.

Auch die Verbraucherzentrale Hamburg wird sehr konkret. Die ersten Markenhersteller seien dabei erwischt werden, zum wiederholten Male die Verpackung anstatt des Preisschilds einzusetzen, wenn es um die Weitergabe höherer Inputpreise geht. "So reduzierte der Hersteller Procter & Gamble bei den Pringles Chips innerhalb von vier Jahren die Füllmenge von 200 Gramm über 170 Gramm auf aktuell 165 Gramm . "Der Packungspreis aber blieb entweder gleich oder stieg in diesem Zeitraum bei etlichen Händlern sogar noch von 1,59 Euro auf 1,99 Euro an", kritisiert die Verbraucherzentrale Hamburg. Als jüngste Anwendung in der Trickkiste wird beschrieben, wie sich bei manchen Produkten zwar die Füllmenge erhöht, aber der Preis dazu überproportional ansteigt.

Das war nicht immer so. Verbraucher in der Europäischen Union waren gegen schwindsüchtige Verpackungen lange Zeit relativ gut geschützt. Bis zum April 2009 wurde in der Gemeinschaft für viele Produkte eine feste Verpackungsgröße vorgeschrieben. Doch die meisten verbindlichen Mengenvorgaben sind entfallen. Für die Verbraucher bleiben eigentlich nur zwei Dinge, um sich gegen die versteckte Inflation zu schützen. Ständige Beobachtung des Preises pro Kilo oder Liter, falls angegeben, oder die Kassenzettel aufheben und ständig vergleichen.

Für die Hersteller, die das Vertrauen ihrer Kunden riskieren, wenn sie veränderte Packungsgrößen nicht angemessen publizieren, ist die Situation schwierig. Kaffee ist in den vergangenen sechs Monaten allein 41 Prozent teurer geworden, Mais 33 Prozent. Ganz zu schweigen von eskalierenden Energiepreisen und teurerem Rohmaterial. Wie viel inflationäre Spannung sich in den Lieferketten aufgebaut hat, zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für den Februar.

Abmagerungswelle mit Dauerfolgen

Demnach wurden im Jahresvergleich eingekaufte Vorprodukte der Hersteller 8,5 Prozent teurer, während die Fabrikpreise - also das, was die Hersteller dem Handel berechnen - lediglich 6,4 Prozent zunahmen. Im nächsten Schritt, zwischen Handel und Endkunden, werden noch einmal 3,3 Prozentpunkte Inflation auf die Kappe der Unternehmen genommen, denn die Preise Verbrauchsgüter wurden lediglich um 3,1 Prozent angehoben. Ein Teil der Inflation, die nach Angaben der Wiesbadener Statistiker nicht bis ans Supermarktregal weiter gereicht wird, zehrt an den Gewinnmargen von Herstellern und Handel. Doch ein guter Teil davon macht die Einkaufswägen und damit die Portemonnaies der Verbraucher leichter.

Ganz neu allerdings ist das Thema nicht, wie Experten anmerken. Seit 20 Jahren wird die Verpackungsgröße in wachsendem Maße als Waffe gegen höhere Einkaufspreise bei den Herstellern eingesetzt. Die vorerst letzte größere Abmagerungswelle bei Tüten, Dosen und Kartons war im Sommer 2008 zu beobachten, als die Rohstoffpreise noch stärker eskalierten als jetzt. Dabei entwickelten einige Hersteller eigentümliche Kreativität - so, wie der Safthersteller Tropicana beispielsweise, der damals für seinen Orangensaftbeutel einen neuen Klappdeckel so aufsetzte, dass nicht nur der Ausschank einfacher wurde, sondern auch gleich noch die Verpackung unauffällig kleiner.

Selbst als die Rohstoffpreise nach dem Sommer 2008 schon längst wieder eingebrochen waren, fanden damals die Verbraucherschützer der Hamburger Zentrale bei Testkäufen noch vieles zu beanstanden: Darunter geschrumpfte Schokoriegel, Bierkästen einer norddeutschen Brauerei mit 27 statt 30 Flaschen, sowie tiefgekühlte Fischfilets, bei denen zwar die Füllmenge gleich blieb, aber der Fischanteil seltsamerweise von 70 auf 52 Prozent gesunken war.

Wie weit und wie nachhaltig die jetzige Inflationswelle erst die Unternehmen und dann die Verbraucher erreichen wird, offen wie auch heimlich, ist deshalb noch nicht abzusehen. Aber die versteckt Inflation in kleineren Tüten ist hierzulande angekommen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.