Osram Siemens geht aufs Ganze

Diesmal will Siemens alles richtig machen. Der Börsengang der Tochter Osram soll gleich eine große Nummer werden. Kein scheibchenweiser Abschied, sondern ein klarer Schnitt. Mit bis zu acht Milliarden Euro könnte Osram bewertet sein. Von dem Erlös will Siemens offenbar nicht wenig selber behalten.
Von Cornelia Knust
Siemens in München: Trennung von Osram

Siemens in München: Trennung von Osram

Foto: dapd

München - Die Osram-Börsenstory ist noch nicht fertig geschrieben, nicht einmal die begleitenden Banken haben bisher einen Auftrag. Auch die Umwandlung in eine AG, die Erstellung des Zahlenwerks und des Börsenprospekts brauchen Zeit. Und doch könnte alles sehr schnell gehen.

Man mag kaum glauben, dass Siemens  bis zum Herbst wartet, um die profitable Tochtergesellschaft loszuschlagen, deren Marke schließlich höchst bekannt und deren Geschäft sehr sichtbar und relativ leicht vermittelbar ist. Zu gut ist derzeit das Umfeld an den Kapitalmärkten, zu munter brummt die Konjunktur, um unnötig Zeit zu verlieren.

Technologiegetriebene Anleger hat man im Visier, die an den Boom der attraktiven und energiesparenden LED-Technik glauben. Das geplante Volumen stellt die bisher für dieses Jahr an der deutschen Börse geplanten IPOs (Hapag Lloyd, Kabel BW, GSW, Norma) weit in den Schatten. Hier wird auf Dax-Niveau gespielt.

Das Zehnfache eines Jahresgewinns

"Zehn mal Ebitda", nannte Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser auf der heutigen Telefonkonferenz die übliche Bewertung eines Unternehmens in der Branche. 816 Millionen Euro betrug bei Osram das angepasste Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen im vergangenen Jahr, und zwar zusammengefasst für die Osram GmbH in München und die Osram Semiconductors GmbH in Regensburg. Der Umsatz liegt, rechnet man den kürzlich zugekauften Lampenhersteller Siteco dazu, bei rund fünf Milliarden Euro. Bilanzen werden bislang nicht veröffenlicht.

Alle gemeinsam müssen nun auf eine Osram-Aktiengesellschaft übertragen werden, die dann also mit bis zu acht Milliarden Euro bewertet sein könnte. Das ist weit mehr als die fünf Milliarden, die Analysten bisher geschätzt haben. Der Buchwert des gesamten Siemens-Sektors Industrie, zu dem Osram bislang als kleinste von sechs Divisionen zählt, lag laut Geschäftsbericht zuletzt bei 5,2 Milliarden Euro.

Siemens will sich nicht mit Kapitalerhöhungen aufhalten, sondern einfach "50 plus x" des bisher nicht bezifferten "Kapitals" an die Börse bringen, Osram sofort entkonsolidieren und in die Freiheit entlassen. Allerdings werde der Konzern ein "aktiver Ankeraktionär" bleiben, wie der Vorstandsvorsitzende Peter Löscher versprach, und zwar "langfristig". Und natürlich soll auch Osram vom Geldsegen des Börsengangs profitieren, erklärte Kaeser. "Wir werden Osram eine sehr solide Kapitalausstattung verschaffen".

Er stelle sich als Richtschnur für diese Ausstattung einen guten "investment grade" für die Aktien vor, also eine Bewertung durch Ratingagenturen mit den Noten A- bis BBB+. Dabei werde auch die zunehmende Volatilität in den Renditen der zukünftigen Osram AG berücksichtigt, die sich aus der Verschiebung vom klassischen Leuchtengeschäft hin zum Halbleitergeschäft mit Leuchtdioden ergebe. Auch für ausreichende Liquidität werde man sorgen und für Kreditlinien der scheidenden Mutter an die Tochter. Konkreter wurde Kaeser nicht.

Zuschnitt der Firma vorerst unverändert

Welchen Investitionsspielraum Osram damit erhält, um sich künftig im umkämpften Lichtmarkt gegen Wettbewerber wie Philips oder Halbleiterunternehmen aus Asien zu behaupten, blieb völlig offen. Insider sprechen von zwei bis vier Milliarden Euro, die notwendig wären. Zumindest der Zuschnitt des Unternehmens scheint sich zunächst nicht zu ändern. "Die 40.000 Osram-Mitarbeiter werden sich insgesamt wiederfinden in der neuen Firma", sagte Kaeser. Und der Börsengang werde nicht Ursache sein für Restrukturierungen oder andere Anpassungen.

Inwieweit auch deutsche Osram-Werke von künftigen Investitionen profitieren werden, dazu blieb Kaeser vage, verwies nur auf die in Deutschland sehr starke Autobeleuchtung. Somit dürften Werke für klassische Lampen wie Augsburg mit dem nahegelegenen Zulieferwerk Schwabmünchen weiter um ihre Zukunft bangen. Der örtliche Betriebsrat wollte dazu nicht Stellung nehmen.

IG Metall fürchtet die neue Freiheit

Die IG Metall Bayern äußerte sich abwartend zu den Börsenplänen, obwohl sich intern auch Erleichterung breitmachte, dass Siemens bei Osram überhaupt noch engagiert bleibt und andererseits dass es jetzt endlich vorwärts geht. Die "größere Eigenständigkeit und Flexibilität", wie sie ein Dasein außerhalb des Siemens-Konzerns begründet, versetzt die Gewerkschaft in gedämpfte Unruhe. "Osram darf nicht zum Spielball kurzlebiger Profitinteressen an den Finanzmärkten werden" schrieb Jürgen Wechsler, Bezirksleiter der bayerischen IG Metall, in einer Mitteilung. Siemens als Ankeraktionär dürfe die Führung nicht aus der Hand geben.

Doch genau das wird geschehen, wenn Siemens nur noch eine qualifizierte Mehrheit hält und Siemens-Vorstand Wolfgang Dehen, 57, nach vollbrachtem Osram-Börsengang vielleicht wieder in die Konzernzentrale zurückkehrt. Fraglich ist, ob der bisherige Osram CEO Martin Goetzeler, der nun per April zum COO mutiert und seinen Posten für Dehen freimacht, dem Unternehmen langfristig erhalten bleibt. Auch ein neuer Aufsichtsrat müsste mittelfristig her; derzeit führt den Vorsitz dort Siegfried Russwurm, Chef der Siemens-Sparte Industrie. Reibereien unter ehemaligen Siemens-Managern wie bei Infineon  will man sich sicher nicht noch einmal vorwerfen lassen.

Reichtum ohne Richtung

Was die Mutter Siemens mit dem Geldsegen anstellen will, dazu war den beiden Vorständen nichts zu entlocken, außer einer lange bekannten Formel zur Siemens-Kapitalstruktur, die schon jetzt weit übererfüllt ist. Außerdem hieß es, dass auch Zukäufe geplant sind, um den kühnen Umsatzsprung von derzeit 76 auf 100 Milliarden Euro pro Jahr zu erreichen, den Löscher nun angekündigt hat.

Dass man die Perle Osram, die zum neu geschaffenen Bereich Infrastruktur ja irgendwie schon ein bisschen passt, jetzt einfach abstößt, erklärt Kaeser so: Die Lichttechnik sei zwar attraktiv, aber die Kapitalaufwendungen der Tochter hätten einen immer geringeren synergetischen Wert für den Rest des Siemens-Geschäfts gehabt.

Einen Trost haben die Mitarbeiter von Osram, die mit ihren 105 Jahren Geschichte (davon nur 33 ganz bei Siemens) im Konzern nie recht heimisch geworden sind: Die Option, dass ihr Haus wie einst VDO doch noch auf halber Strecke zum Börsengang an einen Investor verkauft werden könnte, sieht Kaeser "eher nicht".

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.