Atomunfall Der Alptraum der Atomindustrie

25 Jahre nach Tschernobyl entfacht der Atomunfall von Fukushima die Debatte über die Atomkraft neu. Zuletzt war viel von einer Renaissance der Kernenergie die Rede. Doch AKW-Neubaupläne könnten angesichts der Bilder aus Japan in der Schublade verschwinden.
Sicherheitsschleuse im Kernkraftwerk Krümmel bei Geesthacht: "Die strengsten Sicherheitsmaßnahmen der Welt"

Sicherheitsschleuse im Kernkraftwerk Krümmel bei Geesthacht: "Die strengsten Sicherheitsmaßnahmen der Welt"

Foto: Bodo Marks/ dpa

Berlin - Zum Öffnen der Schleuse ist die 2223 zu wählen. Strahlenmessgeräte sollen ein beruhigendes Gefühl im Atomkraftwerk Lingen im Emsland vermitteln - und bis zum Verlassen des Reaktors ändert sich die Anzeige nicht: Es ist eine lange Reihe von Nullen. Drinnen, im Reaktorkern, stehen im bläulich schimmernden Kühlbecken die Brennstäbe. RWE-Vorstand Gerd Jäger betont beim Rundgang, dass die deutschen Kernkraftwerke die sichersten der Welt seien.

Auf der Skala für nukleare Ereignisse habe es in Deutschland bisher fast nur 0-Ereignisse geben, also ohne oder mit nur geringer Relevanz. Den Höchstwert 7 ("Katastrophaler Unfall") gab es bisher nur für das schwere Tschernobyl-Unglück im April 1986. In Lingen werden jährlich rund elf Milliarden Kilowattstunden Strom produziert. Das bedeutet Strom für 3,5 Millionen Haushalte.

Weil bisher Speicherkapazitäten fehlen, um überschüssige Wind- oder Sonnenenergie zu speichern und um so deren Schwankungen auszugleichen, halten Experten die in ihrer Stromproduktion zu 100 Prozent planbare Kernenergie vorerst für unverzichtbar.

Die Regierung prägte dafür den Begriff der "Brückentechnologie". Und auch wenn Umweltschützer gerade jetzt im baden-württembergischen Landtagswahlkampf das AKW Neckarwestheim I des Betreibers EnBW als unsicher attackieren und fehlende Nachrüstungen kritisieren, gelten die hiesigen Sicherheitsmaßnahmen als mit die strengsten der Welt.

"Lage ist noch zu unübersichtlich"

In Gesprächen blocken Vertreter der Atomindustrie nun erstmal ab und sagen, die Lage sei noch zu unübersichtlich. Doch die Kernschmelze im Unglücksreaktor Fukushima ist abgesehen von Schäden und Leid in Japan auch für die Branche ein dramatischer Rückschlag. Dort ist man überzeugt von der Beherrschbarkeit der Technologie.

Ein Ausbilder von Reaktormannschaften betont, die Sicherheit eines Kernkraftwerkes hänge anders als beim Piloten, beim Zugführer oder beim Autofahrer nicht von der Aufmerksamkeit des Betriebspersonals ab, sondern werde von den Sicherheitseinrichtungen gewährleistet.

Aber Fukushima zeigt, dass bei einer Verkettung von unglücklichen Umständen immer ein Restrisiko bleibt und die Einrichtungen versagen können. In Deutschland prangern Atomkraftgegner seit Jahren an, dass gerade die sieben ältesten, vor 1980 ans Netz gegangenen Meiler nicht ausreichend geschützt seien gegen den Absturz von großen Flugzeugen.

Nach der Laufzeitverlängerung um durchschnittlich 12 Jahre verhandeln die Betreiber der 17 Atommeiler, Eon, RWE, EnBW und Vattenfall, gerade mit den Ländern und dem Bundesumweltministerium über die notwendigen Nachrüstmaßnahmen. Welche Folgen der Unfall in Japan darauf haben wird und ob eventuell ältere Anlagen wie der nach einen Trafobrand seit 2007 fast dauerhaft stillstehende Meiler in Krümmel ganz vom Netz genommen werde, ist noch nicht abzusehen. Auf jeden Fall wird die Debatte über Restlaufzeiten der deutschen Atomkraftwerke neu aufflammen.

EnBW: "Nach Japan müssen wir nach Konsequenzen fragen"

Der Chef des drittgrößten deutschen Stromkonzerns EnBW, Hans-Peter Villis, gibt sich nachdenklich: "Nach Japan müssen wir in Deutschland nach den Konsequenzen fragen", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Er erwartet eine neue Atomdebatte in Deutschland.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat nun einen Sicherheits-Check angeordnet. Aber wenn die anstehenden Nachrüstmaßnahmen, etwa bei den Kühlsystemen, auch angesichts der Fukushima-Katastrophe 500 Millionen Euro pro AKW übertreffen, wird der darüber liegende Betrag von den Milliardenzahlungen den Konzerne für den Ökoenergie-Ausbau abgezogen.

Immer wieder war zuletzt von einer Renaissance der Atomkraft die Rede, auch weil bei der Stromproduktion kein klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen wird und Strom günstig produziert werden kann - wobei Langfristfolgen wie die Endlagerung und die Atommülltransporte vom Steuerzahler zu berappen sind. In Deutschland wird ein Viertel des Stroms in AKWs produziert. Staaten wie Italien, Schweden oder Finnland streben sogar Neubauten an, aber viele Pläne scheitern am Geld. Ein EU-Hoffnungsprojekt, der Bau eines neuartigen europäischen Druckwasserreaktors (EPR) im finnischen Kraftwerk Olkiluoto, verzögert sich immer weiter, er soll nun Mitte 2013 starten.

Immerhin gingen 2010 weltweit sechs neue Meiler ans Netz. Neben Neubauten wird besonders in längeren Laufzeiten ein Mittel gesehen, um den Energiehunger zu stillen. Der globale Energiebedarf könnte sich bis 2030 verdoppeln. Nach der Entscheidung von Union und FDP sollen einzelne Anlagen in Deutschland bis zu 50 Jahre laufen, etwa der Meiler in Krümmel. Neubauten sind per Verbot ausgeschlossen. Kritiker betonen, dass Meiler bisher eine Lebensdauer von im Schnitt 25 bis 30 Jahre haben, eine längere Lebensdauer berge Risiken.

Aktuell sind laut Atomforum 443 Kernkraftwerke in 30 Ländern am Netz, die 14 Prozent der globalen Stromversorgung liefern. Auch in Japan, wo es schon 54 Meiler gibt, sind drei Atomkraftwerke im Bau und elf werden geplant.

Nun werden in Berlin Rufe nach einem weltweiten Moratorium für solche Baupläne laut - und die deutsche Laufzeitverlängerung wird für die Bundesregierung zur Hypothek.

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Atomkraft: Restlaufzeiten der deutschen Atomkraftwerke

Foto: Wolf-Dietrich_Weissbach/ picture-alliance / dpa
von Georg Ismar, dpa
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